Yasunari Kawabatas Romane sind für gewöhnlich nicht sehr umfangreich - zumindest, was die Zahl der Buchseiten angeht. Im Rahmen seiner Geschichten gelingt es Kawabata jedoch immer, einen an Empfindungen, Eindrücken und erzählerischen Details sehr reichen Mikrokosmos zu entfalten. Dies trifft insbesondere neben "Schneeland" auch bei den "Tausend Kranichen" zu.
Im Mittelpunkt steht Kikuji Mitani, ein junger unverheirateter Büroangestellter, dessen verstorbener Vater einst neben seiner Frau zwei Geliebte hatte, die Teemeisterin Chikako Kurimoto und eine andere, verwitwete Frau, von der wir nun den Familiennamen, Oota, erfahren. Kikuji lernt auf einer Teezeremonie, zu der ihn Chikako eingeladen hat, das schöne Mädchen Yukiko kennen, mit der ihn Chikako unbedingt verheiraten will; indessen fühlt Kikuji sich jedoch zu Frau Oota hingezogen. Obwohl 20 Jahre älter, erliegt er eines Tages ihrer erotischen Ausstrahlung. Als Frau Oota sich das Leben nimmt, weil sie sich als Geliebte von Kikujis Vater und Kikuji selbst schuldig fühlt und dadurch in einen schweren inneren Konflikt gestürzt wird, nimmt quasi deren Tochter Fumiko ihren Platz bei Kikuji ein. Die intrigante Chikako versucht zwar, Kikuji von Fumiko abzubringen, dieser läßt sich jedoch nicht beirren. Indessen lebt jedoch das Schuldgefühl von Fumikos Mutter auch in Fumiko selbst fort, daher bleibt der Ausgang der Geschichte völlig offen.
Natürlich ist auch dieses Werk Kawabatas typisch japanisch - die längere Auseinandersetzung, wer im Rahmen der Liebesaffäre zwischen Frau Oota und Kikuji die Schuld trägt und moralisch verwerflich gehandelt hat, zeigt dies: die Tendenz zum Aufsichnehmen einer Schuld ist stärker als die, zu akzeptieren, daß der andere die Schuld auf sich nimmt. Oder die hier allgegenwärtigen Aspekte der Teezeremonie: für Europäer nur ein unverständlich ausführliches Betrachten von Teegeschirren, für Japaner jedoch höchst bedeutungsvoll, haben doch Teegeschirre in ihrer Formgebung und ihrer Ausführung stets eine Seele und eine Aussage in sich, genauso wie die Zeremonie und der Tee selbst. Da die Teegeschirre oftmals generationenübergreifend vererbt werden, offenbart sich in ihnen immer etwas von demjenigen, der sie einmal bessesen hat.
Herausragend an dem Roman ist nicht unbedingt die Handlung - sie ist sehr überschaubar -, sondern wie Kawabata diese durch vielerlei kleine Introspektiven anreichert. Diese, gepaart mit seinem Nuancenreichtum, lassen vor dem geisten Auge des Lesers ein äußerst farbiges Bild allen Geschehens entstehen. Es gelingt Kawabata, menschliche Abgründe wie Sünde und Intrige trotz allem mit Schönheit zu verbinden und dieselbe über alles zu stellen.