29 Rezensionen gibt es bereits zu "Tauben fliegen auf" - aber keine einzige ist eine Hörbuchrezension. Ich empfinde es als Ärgernis, dass Buchrezensionen generell auf die Hörbuch-Produktseite übernommen werden, obwohl es hier auch sehr auf die Stimme bzw. Stimmen der "Vorleser" ankommt, wenn Hörgenuss entstehen soll. Amazon sollte darüber einmal nachdenken.
Die Autorin des Buchs liest selbst, in einem warmen Deutsch, in dem eine zarte, liebenswürdige Fremdheit mitschwingt. Spricht sie Namen, Ortschaften und Dinge aus dem anderen Land aus, um das es hier auch geht (aber das ist definitiv keine Geschichte über das ehemalige Jugoslawien und über den Balkankrieg schon gar nicht und will es auch nicht sein), dann wird gleich klar: so muss das ausgesprochen werden, so und nicht so, wie ich diese Wörter vermutlich im Buch lesen würde. Nicht wenige Leser reiben sich an dem Schreibstil dieser Autorin. Beim Hören spielt der aber keine Rolle; das Buch wird durch und durch stimmig vorgelesen. Ein Genuss an sich und ein Vorteil dieses Mediums. Insgesamt 7 Stunden lang lauschte ich Ildikos (gekürzter) Geschichte bei der Hausarbeit, beim Autofahren, beim Spazierengehen...Unsere Medien sind mobil geworden und erlaubt uns das Hören, wo immer wir wollen und können. Das ist wunderbar, denn unsere Pflichten erlauben uns nicht so viele literarische Mußestunden, wie wir sie gerne hätten. Hörbücher, für die ich an dieser Stelle eine Lanze brechen möchte, sind keine Exoten mehr und schaffen uns Freiräume, Literatur auch dann zu genießen, wenn wir beispielsweise den Keller aufräumen oder weite Strecken im Auto oder im Zug zurücklegen müssen. Ich sehe sie als Bereicherung des Alltags an und genieße die Möglichkeit, mich so noch mehr mit Literatur beschäftigen zu können.
Zum Inhalt. Ildiko, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist die Tochter von Eltern, die noch vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg in die Schweiz immigriert sind. Auch in ihrer Heimat gehörten sie einer Minderheit an. Die ersten Jahre waren hart und von unaufhörlicher Arbeit geprägt. Anpassung war das Gebot der Stunde und das Erlernen der Sprache und Bräuche, die nicht die ihren sind. In diesen ersten Jahren blieben Ildiko und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Nomi, zu der sie ein enges Verhältnis hat, bei der Großmutter zurück. Als sie 5 Jahre alt ist, holen die Eltern die beiden Mädchen zu sich in die Schweiz. Sie betreiben inzwischen eine Wäscherei und später, als die Töchter bereits Teenager sind, übernehmen sie das "Mondial", ein Lokal an der Zürcher Goldküste, in dem die Mädchen als Serviertöchter mitarbeiten müssen. Die hohe Hürde der Einbürgerung ist genommen, die Töchter sind, wie könnte es anders sein, junge Schweizerinnen. Die alte Heimat, vor allem von der geliebten Großmutter verkörpert, ist zum Ferienland geworden. Als der Krieg beginnt, fallen auch diese Besuche weg und die Sorgen um die zurückgebliebenen Verwandten sind groß. Aber die Mädchen werden erwachsen, die "Trutzburg Familie", die bei vielen Immigranten besonders dicke Mauern umgibt, wird zu eng. Das Leben lockt und damit die Abnabelung von den wohlmeinenden und behütenden Eltern, die, geprägt von ihrem alten Leben, das es nicht mehr gibt und dessen einstige Existenz sie so häufig verleugnen müssen, nie vergessen haben, dass sie sich besonders bemühen müssen, um in der neuen Heimat anerkannt zu werden. Ihre Schweiz wird immer eine andere sein, als die der Töchter. Das ist der Preis, besonders auch für gelungene Immigration. Das Land, in dem Eltern und Töchter leben, wird emotional nie das gleiche sein. Ildiko, die ein intelligentes und waches Mädchen ist, sieht die Welt mit wachen Augen. Ihr von frühem Leid geschärfter Blick, den die Trennung von der Großmutter, bei der sie die ersten prägenden Jahre ihres Lebens in jenem anderen Land verbrachte, verursachte, macht sie sensibel für das was ist und sein könnte. Als emotionale Grenzgängerin, die sie trotz ihres privilegierten Lebens ist, ist sie sich der Unberechenbarkeit von Lebensentwürfen immer im Klaren. Dass Weggehen nicht nur eine theoretische Möglichkeit ist, hat sie verinnerlicht. Was werden wird, weiß sie nicht. Die erste, heimliche Liebe, in der sie die Schatten des auf dem Balkon tobenden Krieges selbst auf neutralem Boden erfassen, ist vorbei. Zum beweglichen Inventar des behäbigen Mondials und seiner gut situierten, oft selbstgefälligen Gäste will sie nicht mehr gehören. Als Bosheit im unseligen Verbund mit Dummheit wieder einmal zeigt, zu was sie fähig ist, hat sie endgültig (und im tatsächlichen Sinn) die Nase voll. Sie verlässt das "Mondial" und das Elternhaus und nimmt ihr Leben selbst in die Hand.
Eine bewegende Geschichte, die vermutlich viele biografische Bezüge hat, und ein liebenswertes Portrait einer starken und doch verletzlichen Familie zeichnet. Schön, dass sich Deutschland und die Schweiz bei der Buchpreisvergabe im Jahr 2010 hier einig waren.
Helga Kurz
26. Februar 2012