Dass ein deutscher Buchpreis für Überraschungen sorgen kann, hat der diesjährige Buchpreis bereits gezeigt. Unbeachtete und ungelesene Autoren, dessen Talent man oft nicht wirklich wahrnimmt, werden so aus der Versenkung ans Tageslicht befördert und neue Autoren und Talente können gefeiert, oder vor allem gefördert werden. Eine Veröffentlichung, wo auch ein kleiner österreichischer Verlag in seiner Arbeit unterstützt wird und Erfolg haben kann, auch wenn die 1. Auflage bereits vergriffen ist. (12'000 Expl.) Auch, wenn Kenner der Literaturszene sich skeptisch die Nase rümpfen, oder etwa den Originalitätszwang der Preis-Jury diskutiert, die ein wenig in die Kritik gerät, der Leserschaft, dürfte das so ziemlich egal sein, denn auch diese Preisverleihung macht neugierig, wer und was denn nun, hinter diesem Roman steckt.
Im Mittelpunkt steht eine Immigrationsgeschichte, einer jugoslawischen Familie in der Schweiz, die aus einer ungarisch sprechenden Region namens Vojvodina stammt und serbisch ist. Eine ungarische Minderheit lebt dort, im Norden Serbiens. Erstmalig erhält eine Schweizerin den deutschen Buchpreis, der übrigens auch für den schweizer Buchpreis nominiert ist.
Ganz unscheinbar kommt es daher, ob Buchcover oder auch wenn man das Buch anliest, fällt auf den ersten Blick, die hochkarätige Schreibart einer Melinda Nadji Abonji nicht gross auf. Ein Roman, der sich wie zu entwickeln scheint, sich immer mehr entfaltet, so dass man auch das grossartige Roman-Debut, erst im Laufe des Hineinlesens, wirklich erst bemerkt. Ein Schreibstil der angenehm und flüssig zu lesen ist. Eine Sprache, die sicher nicht die Anspruchsvollste ist, literarisch gut geschrieben ist es trotzdem. Schweizer Leser, dürften die Ausdrücke aus ihrem Land einen zum Schmunzeln bringen, Abonji übersetzt diese brav für Nichtschweizer, kleines Lächeln vorgemerkt..;-)
Im Mittelpunkt steht vor allem die Geschwister-Liebe, zwischen der Ich-Erzählerin Ildi(ko) und ihrer Schwester Nomi. Als Leser tauchen wir in diese Kinderwelt, die zunächst auch aus einer Kinderperspektive geschrieben ist, lernen Eltern und Verwandte, ihre Grosseltern kennen, (wenn auch nur t.T. über Erzählungen), gehen in Zeitsprüngen in verschiedene Jahre hinein, vor allem der achtziger Jahre, und begleiten die Familie und vor allem das Geschwisterpaar über gut 20 Jahre. Vor dem Hintergrund des Krieges in Jugoslawien, erzählt uns hier eine Autorin, authentisch, feinfühlig, nachdenklich stimmend, unterhaltend, subtil, mit grossem Einfühlungsvermögen geschrieben, die Geschichte einer Familie, die zurück geht bis in den zweiten Weltkrieg, wo der Grossvater unter den Nazis ins Arbeitlager kommt, bis hin zu den Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die so eine Familie heute erleben kann, wenn sie in ein Land wie z.B. die Schweiz kommt.
Eine Familie die zunächst eine Wäscherei, dann eine Cafeteria betreibt und sich immer mehr in einer Kleinstadt an der Goldküste von Zürich etabliert und es sogar bis hin zur Einbürgerung schafft. Die beiden jungen Frauen, werden immer wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren, in ihre Heimat fahren, und somit auch Einblick in die dortigen Veränderungen und Familienschicksale bekommen.
Ein überraschend grossartig geschriebener Roman, über Abschiede, Verluste, dem Verlust der Muttersprache, Ausbruch des Krieges, Verlust der Heimat, Existenzaufbau, Ablehnung, Menschenschicksale, Werdegänge von nahestehenden Familienmitgliedern und dem was diese Menschen, erleben, durchleiden, erfahren, durchmachen, aber auch beglückt und Frieden gibt.
Die 1968 geborene Autorin, wuchs bis 5 Jahren bei ihrer Grossmutter auf, bis sie zu ihren Eltern in der Schweiz stiess. Die in Zürich lebende Schriftstellerin, lebt dort mit ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn. 2004
Im Schaufenster im Frühling wurde ihr damaliger Auftritt im Klagenfurter Wettlesen wohl regelrecht auseinandergenommen. Trotz Kritik, setzte sich Melinda Nadji Abonji bereits an ihr zweites Werk, mit dem sie trotz Aussenseitertum, viele Experten und genannten Favoriten mit "Tauben fliegen auf" überraschte. Ihr Name hat etwas mit ihrer Geschichte zu tun, Abonji ist zu jener ungarischen Minderheit in der Vojvodina zugeordnet, Nadji reflektiert das verordnete Serbische. In öffentlichen Behördestellen, wie Ämter, Polizei usw. wurde serbisch gesprochen und geschrieben.
Und was liest die Autorin? Sie liebt die Erzählerin in Nora Lugas Roman "
Die Sechzigjährige und der junge Mann", sie identifiziert sich gerne mit der Mehlreisenden Frieda Geier in
Eine Zierde für den Verein: Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen (suhrkamp taschenbuch) von Marieluise Fleisser (Abschluss ihres Studiums von Germanistik und Geschichte, mit einer Lizentiatsarbeit über M.Fleisser) , und hätte am Liebsten selber geschrieben, das Buch von W.G. Sebald,
Austerlitz und liest gerade Janet Frame.
Das Gebiet Vojvodina (deutsch:Woiwodina/Wojwodina) liegt im Norden von Serbien und grenzt an Rumänien, Ungarn und Kroatien. Als autonome Provinz innerhalb Serbiens, dessen Bevölkerungsanteil der Serben ca. 2/3 beträgt, ist die Vojvodina Heimat versch. Volksgruppen wie etwa Ungarn, Slowaken, Romänen, Kroaten, Roma, Deutsche und Bulgaren.
Fazit: Ein überraschend grossartig geschriebener Roman, über ein kriegsgebeuteltes Land, der Kluft zwischen Bosnien und Serbien, Heimatlosigkeit und Heimatsuche in der Fremdheit, Immigration, um Integration in einer neuen Gesellschaft, über Aufbruch, aber auch der Suche nach sich selbst und dem, wie das Leben uns unter solchen Umständen, in unserem Inneren prägen kann. Ein Roman der unverkennbar autobiographische Züge trägt. Nicht zuletzt auch über die Liebe, das Verliebtsein, der Liebe zur eigenen Schwester. Ein Buch, das mit Zeiten und Perspektivenwechsel aufwartet, ohne jedoch die Orientierung zu verlieren. Es ist auch ein Entgegenstellen, dem "Immer nett sein müssens", in einem Gastland, das von den Eltern gepredigt wurde.
Eine neue schweizer Autorin, die zu Überraschungen taugt, und ein Lesegenuss, über den man sich mehr als freuen kann...selbst wenn es vor dem Hintergrund, einem verwundeten Europa und einer Vergangenheit spielt, die noch immer in der Erinnerung bis in die Gegenwart hineinwirkt...
Nachtrag / 16.11.2011:
Melinda Nadj Abonji gewinnt den Schweizer Buchpreis 2010, an der LiteraturBasel, der mit 50'000 CHF dotiert ist. Der Schweizer Buchpreis wird seit 2008 vergeben, der an der Buchmesse in Basel jeweils vergeben wird. Somit doppelt die Autorin nach, nach gerade mal 6 Wochen, wo sie den deutschen Buchpreis erhielt. Das Buch ist in den schweizer Bestseller-Listen seit Wochen, das meisstverkaufte Buch. Das hat es so noch nie gegeben, ist mit Sicherheit auch überraschend, und scheint auch die schweizer Jury überzeugt zu haben. Das die Erwartungen, an die Autorin steigen dürften, ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, doch von der durchschlagenden Überzeugungskraft, konnte sich auch in der Schweiz, die Preis-Jury, sowie das erstmals durchgeführte Publikumsvoting nicht erwehren..