Vorweg gesagt: Ich habe eigentlich gar nichts von der neuen Vince Neil Scheibe erwartet. Irgendwie ist mir der blonde Crüe Sänger im Vergleich zu Tommy Lee und Nikki Sixx etwas hinten runtergerutscht, denn weder Carved In Stone" hat damals überzeugt, noch hat Vince in den letzten Jahren immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Als ich dann erfahren habe das nur zwei neue, eigene Nummern auf Tattoos & Tequila" sein werden und der Rest aus Coverversionen bestehen wird, da hatte ich sofort die Legionen von billigen Tributalben vor Augen und Ohren, welche immer für drei Euro neunzig von einer Handvoll ehemaliger Rockstars eingeträllert werden.
Doch Vince Neil ist nicht nur wie David Lee Roth einer der Vorzeige-Rockstars schlechthin, er ist auch schon immer für eine faustdicke Überraschung gut gewesen und deshalb schlägt Tattoos & Tequila" geradewegs wie eine Granate ein. Im Gegensatz zu Nikkis Alternativerock Ausflügen oder Tommys Rap/Modern Rock Versuchen lässt ihre Vinceigkeit den hart rockenden Las Vegas Kurs aus seine Fans los. Und das ohne auf die üblichen, totgenudelten Kammelen zurückgreifen zu müssen.
Das Vince Neil jetzt keinen Höhenflug in Sachen Kreativität bekommen hat und unbedingt der Welt zeigen muss was für ein toller Songwriter er ist, das durfte man schon im Vorfeld annehmen, aber die Umsetzung und das Feeling der Scheibe macht das eindeutig wieder Wett.
Einzig wirklich neuer, eigener Song ist die erste Single und Titelsong Tattoos And Tequla" und der erinnert irgendwie schwer an das jüngste Mötley Crüe Album Saints Of Los Angeles". Dann gibt es noch die Überballade Another Bad Day", das eigentlich von Nikki Sixx für das New Tattoo" Album geschrieben, aber nie verwendet wurde. Die Nummer wäre auf diesem Album eines der Highlights gewesen und der Sänger zeigt sich hier von seiner stärksten Seite.
Das restliche Material sind Coverversionen von Songs die Vince Neil besonders am Herzen liegen, ihn geprägt und beeindruckt haben. Die Interpreten sind fast schon die üblichen Verdächtigen, aber die Songs sind das keineswegs, hat Vince doch darauf verzichtet die schon tausendfach gehörten Hits neu einzusingen sondern setzt auf die zweite Liga. Die fast vergessenen aber keineswegs schlechteren Songs.
Unterstützt von den Slaughter Musikern offenbart er uns diese Lieder neu und in einem richtig prallen, fetten und protzigen Soundgewand. Nummern wie Ac/Dc" von Slade oder Another Piece Of Meat" von den Scorpions wirken wie eine Adrenalineinspritzung und lassen einen von scharfen Frauen, heißen Schlitten, kalten Drinks und bunten Tattoowierungen träumen. Wer hier nicht sofort seine Kumpels einladen will um Party zu feiern oder mit dem Cabrio über die Autobahn steuern will, der hat die Persönlichkeit Vince Neil nie richtig verstanden.
Dabei ist das Album keineswegs eine lockeres Las Vegas Scheibe bei der Vince Neil einen auf Frank Sinatra macht, sondern ein geschliffenes Hardrockalbum mit genügen Wumms um die Hauswand einen halben Meter nach hinten zu versetzten.
Ob Elvis, Aerosmith oder ZZ Top....sie alle kommen dran und Vince erlaubt sich keinen einzigen Fehlgriff. Es erfreut das Vince beweist das er keineswegs ein abgehalfterter und ausgebrannter Depp ist, dessen Eier nicht mehr genügen Saft vorzuweisen haben um es noch mal allen zu zeigen.
Neben der neuen Scorpions und der Ratt kämpft sich diese Scheibe mit Ellbogengewalt und dekadentem Selbstbewusstsein an die Spitze der diesjährigen Hardrockalben vor.
Absoluter Pflichtkauf für diesen Sommer, denn eine Fete ohne Tattoos & Tequila" wird nur halb so berauschend sein.