1981 zog es die Stones nach 3 Jahren wieder auf Tournee, aber da sie nicht genug Zeit für ein neues Album hatten, ließen sie einen Tontechniker alte Outtakes nach Verwertbarem durchforsten, die sie anschließend geschickt (mit Gitarren- und Gesangsspuren sowie Saxophonsoli) aufpolierten und um 2, 3 neue Titel ergänzten. Der Witz bei der Sache ist, dass bei dieser wenig Erfolg versprechenden Methode eines der besten und zusammenhängendsten Stones-Alben seit langem herauskam; kurioserweise klingt es wie aus einem Guss und erfreulicherweise auch wieder sehr viel wärmer als seine beiden Vorgänger; nicht ein einziges Mal habe ich beim Anhören gedacht: "Na, das Album klingt aber zusammengestoppelt!", noch nicht mal, als ich später davon las. Gut die Hälfte der Songs spielten die Stones auch auf ihrer anschließenden Tournee.
Die gefundenen Titel reichten 8 Jahre zurück bis zu Sessions von "Goat's Head Soup", "Black and blue", "Some Girls" und "Emotional Rescue", wobei die Stones mit dem Riff der Single Start me up ('78 ursprünglich als Reggae konzipiert) ihren letzten Über-Hit, ihren letzten wirklich großen Klassiker ablieferten, der bis heute bei kaum einem Konzert fehlt.
Zum ersten und letzten Mal enthielt eine Stones-Platte auf Seite 1 die Rocker und auf Seite 2 die Balladen, und dieses Konzept funktioniert hier prächtig. Auffallendes Stilmittel ist Jaggers Falsett-Gesang, den er auf den meisten Songs einsetzt, so oft wie sonst nie. Die einzigen beiden Schwachpunkte sind für mich die etwas infantilen Songs Hang Fire und Little T&A, aber auch sie können den Fluss dieses Albums nicht bremsen. Black Limousine schiebt gut nach vorne mit ein paar genialen Harp-Licks - sind die von Mick oder noch von Sugar Blue? Slave ist eine grandiose Jamsession um ein starkes Riff, nachträglich aufgepeppt mit etwas Gesang.
Seite 2 beginnt gleich mit dem ergreifenden Worried about you, in Tops erkannte gar Mick Taylor noch eigene Beiträge an der Gitarre, Heaven ist der geglückte Versuch eines ungewöhnlich sphärischen Stones-Songs, und Waiting on a Friend (die 2. Single) rundet die Platte mit einer unerwartet versöhnlichen Note ab.
Ähnlich wie die Live-Platte "Still Life" ein Jahr später weckt auch "Tattoo you" das ganze Jahr über sommerliche Gefühle bei mir. Ärgerlich finde ich lediglich, dass weder auf LP noch CD Besetzungsangaben zu finden sind (der LP war immerhin ein Textblatt beigefügt); und dass wir es hier mit einem weiteren Stones-Cover zu tun haben, das mal wieder nur Mick Jagger zeigt, und auf der Rückseite Keith (so wie auf "Goat's Head Soup")... ich kann nicht begreifen, warum eine Band vom Format der Rolling Stones offenbar fortgesetzt glaubt, ihren Sänger so oft als alleiniges verkaufsträchtiges Aushängeschild präsentieren zu müssen.
Für die '94 remasterte CD wurde eine um 1,5 Minuten längere, ungekürzte Version von Slave verwendet, die je ein zusätzliches Sax- und ein Gitarrensolo enthält, ebenso für das neue Remaster von 2009, das voller, klarer und differenzierter klingt als die vorige Auflage; besonders Waiting on a Friend klingt hier etwas weiter vorne. Leider wurde auch hier wieder das spartanische Design von '94 übernommen, d.h. man hat mal wieder an Fotos, Textbeilagen und Besetzungsangaben gespart.