25 Mio Zuschauer hatte "Reifezeugnis" bei seiner TV-Premiere 1977. Das war Rekord. Eine Quote, von der ein heutiger Fernsehfilm nur träumen kann. Keiner anderen Tatort-Folge wurde soviel Bedeutung beigemessen. In über 100 Länder wurde "Reifezeugnis" exportiert, was auch an der verführerischen 15-jährigen Nastassja Kinski lag, die als naive, schwer in ihren Lehrer verliebte Schülerin eine beeindruckende Leistung ablieferte.
Die konservative "Welt" kritisierte damals: "Störend wirkte die Konzession an den Zeitgeist, die Fräulein Kinski veranlasste, wiederholt den Busen zu entblößen."
"Reifezeugnis" ist kein Whodunit wie die meisten anderen Tatorte. Der Zuschauer ist dabei, als das unschuldig wirkende, hübsche Mädchen einen Stein ergreift und ihren Mitschüler im Wald erschlägt, um ihren geliebten Lehrer vor dem Verrat und den darauf folgenden Schwierigkeiten zu bewahren.
Ohne Action und unnötige Verfolgungsjagden, statt dessen mit geschliffenen Dialogen, entwickelte Star-Regisseur Wolfgang Petersen ("Das Boot") mit Co-Autor Herbert Lichtenfeld eine bedrückende Atmosphäre, als es darum ging, die jugendliche Instabilität der Protagonistin und die von Zweifeln geplagte Seele des verheirateten Lehrers auf die Mattscheibe zu bringen. Nach über 30 Jahren fesseln Christian Quadflieg und Judy Winter noch immer als gebeuteltes Lehrer-Ehepaar der liberalen 70er, und Klaus Schwarzkopf als nüchterner Kommissar Finke verleiht dem bewegenden Krimi-Drama den letzten Schliff.