Das Verschwinden von Mallory und Irvine bei ihrem Gipfelversuch im Juni 1924 am Mount Everest hat eine Unmenge von Meinungsäußerungen hervorgebracht. In Zeitungsartikeln und Büchern, vor allem aber auch auf Internetplattformen findet sich eine verwirrende Vielfalt von Theorien und Erklärungsversuchen, was mit den beiden britischen Alpinisten damals geschehen sein könnte. Unter den Urhebern befinden sich Everestspezialisten, die sich der Lösung des Rätsels verschrieben haben, aber auch Spitzenalpinisten, die in teilweise abenteuerlich anmutenden Publikationen Halbwissen und Egozentrik absondern. Und schließlich gibt es auch noch Jochen Hemmleb: Seit über 20 Jahren recherchiert er den Fall Mallory & Irvine. 1999 fand eine von ihm mitinitiierte Suchexpedition die Leiche Mallorys - damals ein viel beachteter Coup. Zehn Jahre später fasst er alte und neue Erkenntnisse im vorliegenden Buch zusammen - und tut dies meisterhaft: Ähnlich wie schon bei seinem ausgezeichneten Buch Broad Peak - Traum und Albtraum" verknüpft er diesmal die Geschichte der früheren Expeditionen auf der Nordseite des Everest mit eigenen Erlebnissen und Erfolgen anlässlich der Suchexpeditionen von 1999 und 2001. Dies und die ausgesprochen gründliche Recherche macht das Lesen des Buches spannend, informativ und unterhaltsam. Die Frage, ob die beiden Pioniere den Gipfel erreicht haben, kann auch Jochen Hemmleb (noch) nicht endgültig beantworten. Seine Theorie über den möglichen Ablauf der Ereignisse lässt jedoch eine klare Tendenz erkennen, vor allem aber ist sie sachlich, nachvollziehbar (was bei der komplexen Materie schwierig genug ist!) und nicht missionarisch belehrend. Das Buch ist vorzüglich ausgestattet und illustriert, was heutzutage gerade bei Publikationen von Bergbüchern oft genug vernachlässigt wird. Insgesamt ein bestechendes und umfassendes Werk zum vielleicht größten Rätsel der Alpinismusgeschichte, welches die Meßlatte für weitere Autoren enorm hoch legt.