Vorweg: Tatort-Zuschauer, die die Reihe wegen Maria Furtwängler oder Ballauf und Schenk gucken, sollten die Finger von dieser neuen Klassiker-Box lassen. Der Kulturschock wäre zu groß! Nicht wegen der ausgeprägten Wiener Mundart, die den Betrachter dieser drei Marek-Tatorte erwartet. Sondern allein wegen der Machart, die gemessen an heutigen Sehgewohnheiten und optischen Standards gewöhnungsbedürftig ist. Das ist eher was für Krimi-Nostalgiker, aber auch für Zuschauer, die die frühen Jahre der seit 1970 laufenden Krimi-Reihe kennen lernen wollen.
"Mordverdacht" (1971) war der erste Tatort-Beitrag des ORF. Er schloss sich nahtlos an die vormals eigenständige Marek-Serie an, die bereits seit 1963 einmal jährlich im Fernsehen lief (allerdings noch in Schwarz-Weiß, auf DVD inzwischen als Folge 15 der "Straßenfeger"-Reihe erhältlich). Marek-Darsteller und Drehbuchautor Fritz Eckhardt brachte "seine" Figuren (Kurt Jaggberg als Bezirksinspektor Wirz, Albert Rolant als Inspektor Berntner, Lieselotte Plauensteiner als Sekretärin Susi Wodak) mit in den "Tatort" - ein eingespieltes und gewitztes Team, das über die ganze Marek-Tatort-Ära liebevoll gepflegt wurde.
Die Folge "Mordverdacht" - die Frau eines Lobbyisten aus Hamburg wurde ermordet - spielt wie die früheren Marek-Filme fast ausschließlich in geschlossenen Räumen. Gedreht wurde in Studiokulissen, die äußerst schlicht wirken. Anderseits hat dieses Papp-Ambiente auch wieder seinen Charme; streckenweise wirkt das Ganze wie abgefilmtes Theater. Nicht jedermanns Sache, gewiss. Ein zentraler Schauplatz ist Mareks Büro, in dem manchmal tumultartiges Treiben herrscht. Das Team liefert sich gepfefferte Dialoge, gerne auch mit Amtspersonen, Verdächtigen oder sonstigen Besuchern. Dafür hatte Eckhardt als Autor ein Händchen; seine Krimis verpackte er stets auch in amüsante kleine Nebenhandlungen. Zu seinen Besuchern gehört in "Mordverdacht" auch Walter Richter als Hamburger Kommissar Trimmel, der erste "Tatort"-Ermittler überhaupt und am Anfang eine Art Aushängeschild der Reihe. Als Hamburger Industrieller Tüllmann ist Werner Hinz zu sehen (Vater der Schauspieler Knut, Michael und Dinah Hinz). Regie führte Walter Davy, der in Deutschland auch als Schauspieler bekannt ist - als einbeiniger Ermittler Schremser in der Wiener Kult-Serie "Kottan ermittelt".
Die beiden anderen Folgen, die hier auf der Box vertreten sind ("Mord im Grand-Hotel von 1979 und "Mordkommando" von 1982), sind schon aus der Spätphase Mareks und produktionstechnisch auf einer Höhe mit den bundesdeutschen "Tatorten" jener Zeit. Trotzdem ist sich Eckhardt mit seiner Handschrift als Autor aber treu geblieben, nicht nur wegen des Wiener Schmähs, sondern auch weil sich der Marek gerne an Obrigkeiten rieb. Die wurden regelmäßig aufs Korn genommen. Als diese beiden Spät-Folgen gesendet wurden, war Eckhardt schon weit über 70. Trotz seines Alters ist ihm aber keine Amtsmüdigkeit anzumerken, seine Popularität war damals ungebrochen. Trotzdem leitete der ORF nach "Mordkommando" die Pensionierung des beliebten Oberinspektors ein. Angeblich stieß seinerzeit eine Saunaszene (mit Eckhardt und einem seiner Nachfolger am ORF-"Tatort", Michael Janisch) beim Sender auf Missfallen.
Eckhardt bekam dann noch einen Abschieds-"Tatort" ("Mord in der U-Bahn", 1983), kehrte in seiner Paraderolle aber noch ein paar Mal an den "Tatort" zurück, mal als Gast, mal in einem Comeback zu seinem 80. Geburtstag ("Der letzte Mord", 1987) und auch als Autor für deutsche Sendeanstalten. Unter anderem schrieb er noch die Abschiedsfolge für den Stuttgarter Kommissar Lutz (Werner Schumacher).
Fazit zu dieser Box: Schön, dass man Fritz Eckhardt als einem der großen alten Herren des "Tatort" eine Veröffentlichung gewidmet hat. Auch weil die Marek-Filme inzwischen als rar gelten, wurden diese "Tatorte" doch 1995 zuletzt im deutschen Fernsehen gezeigt. Nach welchen Kriterien diese neue "Tatort"-Box zusammengestellt wurde - das bleibt wie immer rätselhaft. Schöner wäre es natürlich, wenn alle Mareks herauskämen. "Mord-Kommando", "Grand-Hotel" und "Mordverdacht" sind vielleicht nicht die drei besten mit ihm, aber drei gute. Die Bildqualität ist gemessen am Alter der Filme absolut in Ordnung.