Die Filme mit Zollfahnder Kressin stammen aus der Anfangszeit der "Tatort"-Reihe und im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Kriminalfilmen ist der Ermittler hier nicht eine Art Vaterfigur, zu der man vollstes Vertrauen hat, sondern ein recht leichtlebiger Zollfahnder, der oftmals mehr Interesse an hübschen Frauen als an der Arbeit zeigt. Der Österreicher Sieghardt Rupp spielte Kressin, der in den Filmen nicht mal einen Vornamen hatte, immer mit einem Augenzwinkern und die Filme sind auch heute noch sehr gut anzuschauen.
In der Box enthalten sind folgende Filme:
1. Kressin und der tote Mann im Fleet
Dieser Tatort von 1971 war der dritte der gesamten Reihe und gehört damit zu den ganz frühen Folgen.
Zollfahnder Kressin kehrt von einer Kreuzfahrt, auf der er gleich zwei hübsche Damen (Sabine Sinjen und Eva Renzi) kennengelernt hat, zurück und beobachtet seinen Reiseleiter, der kurz vor Hamburg Fußbälle ins Wasser wirft, die von einer Yacht wieder aufgefischt werden. Kressin stellt den Mann zur Rede, kann aber nichts aus ihm herausbekommen. Kurze Zeit später - inzwischen in Hamburg angekommen - erfährt Kressin aus der Zeitung, daß der verdächtige Reiseleiter tot aus einem Fleet (natürliche Wasserstraßen im Hamburger Stadtgebiet) geborgen wurde. Kressin schaltet sich in die Ermittlungen ein und trifft dabei auf den Chef der Hamburger Mordkommission, Kommissar Trimmel (Walter Richter), der Tatort-Fans sehr bekannt sein dürfte. Es stellt sich heraus, daß der tote Reiseleiter Mitglied einer Schmuggelbande war, deren Chef Sievers (Ivan Desny) Kressin noch in sämtlichen Fällen, die Kressin in der Tatort-Reihe zu lösen hat, wiederbegegnen wird ("Tote Taube in der Beethovenstraße" ausgenommen, aber das ist ohnehin kein richtiger Kressin-Tatort).
Der Fall um den Schmugglerring ist für sich genommen nichts spektakuläres; was den Film ausmacht, sind die tollen Bilder von Hamburg Anfang der 1970er Jahre und vor allem der Humor. Coole Sprüche gibt es hier reihenweise. Beispiele: Kressin wird von seinen Freundinnen gefragt, warum er Zollfahnder geworden sei. Kressin: "Als ich mit der Schule fertig war, war in meinem Traumberuf nichts mehr frei!" - Freundin: "Was war das denn?" -Kressin: "Rentner! Erst Rentnerlehrling, dann Rentnergeselle und zum Schluß Rentnermeister!"
Oder Trimmel mit Blick auf Kressins Urlaubsbekanntschaften zu Kressin: "Nette Mädchen! Viel netter als Sie!"
Als Kressin Sievers zum ersten Mal trifft (in dessen Hamburger Villa), gibt es nicht etwa eine Auseinandersetzung oder eine "actionreiche" Festnahme, nein, die beiden spielen Autorennen auf einer großen, über zwei Zimmer reichenden Carrera 124-Anlage. Wer noch Tipps für eine spektakuläre Streckenführung braucht, hier kann man sich Anregungen holen und gleichzeitig noch die damaligen zeitgenössischen großen Carrera-Autos im Maßstab 1:24 in Großaufnahme bewundern. Dazu gibt es noch Aufnahmen vom Hamburger Hafen mit der Begrüßung der einlaufenden Schiffe. Alles in allem ein facettenreicher Beitrag zur Tatort-Reihe, den man einmal gesehen haben sollte.
2. Kressin und der Laster nach Lüttich
Das ist Tatort Nummer 5, der zweite mit Zollfahnder Kressin, ebenfalls 1971 zum ersten Mal ausgestrahlt (damals wurden Tatort-Krimis nur monatlich gesendet, nicht wie heute nahezu wöchentlich). Für mich der schwächste Film in dieser Dreierbox, was aber nicht heißt, daß die Folge schlecht ist. Kressin ist einem Alkoholschmugglerring auf der Spur und läßt sich undercover als LKW-Fahrer in eine Spedition einschleusen, um die Bande, die wiederum von Sievers (Ivan Desny) geführt wird, auffliegen zu lassen. Gedreht in Köln und im deutsch-belgischen Grenzgebiet (man sieht LKWs mit dem alten Ortskennzeichen MON für Monschau/Eifel) kommt die 1970er Atmosphäre in dieser Folge sehr gut rüber. Unfreiwillig komisch wirken dagegen Tricks, wie den Film einfach schneller laufen zu lassen, um hohe Geschwindigkeiten bei Autos vorzutäuschen...
3. Kressin stoppt den Nordexpress
Der 7. Tatort (Erstsendung Mai 1971) und der dritte mit Zollfahnder Kressin zählt für mich zu den besten Folgen der Reihe aller Zeiten. Kressin wurde nach Dänemark geschickt, um im Pornohefteschmuggel zu recherchieren, hat natürlich wieder ein nettes Mädchen (die junge Gitte Haenning in einer Gastrolle) kennengelernt und macht sich auf den Heimweg, den er per Zug im "Nordexpress" antreten wird. Was er nicht weiß: Im Zug befinden sich auch zwei Schwerverbrecher, die in Schweden geschnappt wurden und nun nach Deutschland überführt werden sollen. Die Bande um Gangsterboß Sievers ist allerdings daran interessiert, die Verbrecher zu befreien und hat sich dazu einen genialen Plan ausgedacht: In einer aufwendig inszenierten Großaktion ersetzen Mitglieder der Bande unbemerkt das Zugpersonal, die Telefonistin, den Lokomotivführer und sogar das Personal im Stellwerk Puttgarden, um den kompletten Zug in ihre Gewalt zu bringen und die Verbrecher entkommen zu lassen. Kressin jedoch erscheinen die eigentlich gut getarnten Gangster verdächtig und mit Hilfe eines pensionierten Schiffskapitäns, den er im Zug kennenlernt, vereitelt er den Plan der Verbrecher und schaltet einen nach dem anderen aus.
Fast der gesamte Film spielt im Zug, der Krimi kommt vollkommen ohne Mord und Leiche aus und ist so fazinierend intensiv inszeniert, daß man richtig traurig ist, daß es nach 75 min. schon zu Ende ist. Ein Meilenstein der Tatort-Reihe, den man unbedingt gesehen haben sollte.
Die Extras der DVDs bestehen aus einigen Szenen beim Filmdreh, Interviews mit den Schauspielern und dem Autor Wolfgang Menge und diversen anderen Reportagen und Szenen rund um die Tatort-Reihe. Die Box ist sehr zu empfehlen und es bleibt zu hoffen, daß auch die anderen drei Kressin-Folgen einmal als Box erscheinen werden. Diese sind zwar auch nicht schlecht, reichen aber nicht mehr ganz an diese ersten (insbesondere den Nordexpress) heran. Das Bild ist angesichts des Alters der Filme in Ordnung (wurde auch schon einmal für die Wiederholungen im TV bearbeitet) und so steht dem Sehgenuß der Fälle des "Lümmels vom Zoll" wie Kressin damals auch schon einmal genannt wurde, nichts im Wege.