Können Fehlfunktionen im Gehirn zu einer kriminellen Tat führen? Die Antwort, die der Psychologe Hans J. Markowitsch und der Biologe und Focus-Redakteur Werner Siefer geben, lautet eindeutig: Ja. Unter Fachleuten stehen sie damit nicht alleine. Aber das Rechtssystem tut sich schwer anzuerkennen, dass Schäden im Gehirn ursächlich mit einem Gewaltakt zusammenhängen können. Es gibt Fälle, in denen dieser Zusammenhang eindeutig dokumentiert ist, in anderen Fällen liegt dieser Verdacht nahe. Ulrike Meinhof, die einen tumorbedingten Schaden im Emotionszentrum des Gehirns erlitt, ist ein Beispiel. Wir, die Richter einbezogen, zögern zu akzeptieren, dass es für manche Menschen unmöglich ist, einen Gewaltakt *nicht* durchzuführen. Wir tun uns so schwer damit dies zu akzeptieren, weil wir vom Rachegedanken geleitet werden, so Hans J. Markowitsch und Werner Siefer. Sie plädieren für eine Änderung des Rechtssystems. Sie plädieren für verstärkte Prävention. So weit, so gut. Leider hat das Buch etliche Schwächen, sodass ihre Botschaft nicht besonders überzeugend wirkt. Und vorne weg stellt sich die Frage, ob neurologische Fehlfunktionen die Hauptursache von Gewaltverbrechen sind, wie es dieses Buch suggeriert. Dieses darf bezweifelt werden.
*Was uns das Buch sagt*
Wir können heute das Risiko abschätzen, mit dem ein Mensch zum Gewaltverbrecher werden könnte. Ein Gewalttäter hat in den meisten Fällen nicht die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden, die Tat *nicht* auszuführen. Wir sollten präventive Maßnahmen ergreifen, um die Entwicklung von Jugendlichen zu Gewalttätern zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Und das Rechtssystem muss geändert werden, denn es ist weder sinnvoll noch von Nutzen, hirngeschädigte Gewalttäter zu bestrafen. Sie hatten keine andere Wahl: "Sie handelten, wie sie mussten".
Die Autoren weisen außerdem auf einen weiteren Sachverhalt hin: Die Gefahr zunehmender Gewalttätigkeit, die vom massenhaften Verabreichen von Psychopharmaka (wie Ritalin) an Jugendliche droht. Am Rande weisen die Autoren auch auf soziale und wirtschaftliche Risikofaktoren hin.
*Deutliche Schwächen*
Die Themen sind angesichts neuerer Forschungsergebnisse hochbrisant. Die Argumentationsrichtung der Autoren ist legitim. Aber das Buch ist nicht immer überzeugend.
Die Autoren behaupten, dass sich bei Kapitalverbrechern "fast immer" ein hirnbiologischer Hintergrund finde. Das darf bezweifelt werden. So betrachtet der Neuropsychologe Lutz Jäncke diesen Typ bei den Tötungsakten als weniger häufig. Und der amerikanische Psychologe David M. Buss kann auf Grund umfangreicher Recherchen in Fachliteratur und Datenbanken des FBI zeigen, dass die weit überwiegende Anzahl von Vergewaltigungen und Morden von Familienangehörigen, Verwandten und Bekannten begangen wird (beschrieben beispielsweise in "Der Mörder in uns"). Das bedeutet, die Mehrzahl der Gewalttäter sind ansonsten "normale" Bürger. Gehirnscans dürften dann relativ unergiebig sein.
Besonders wichtig wäre gerade bei diesen emotional aufgeladenen Themen, dass die Behauptungen ordentlich belegt würden. Nun gibt es Passagen, in denen die Autoren gut belegen, aber auch andere, in denen sie nur behaupten. Es ist unbefriedigend, wenn sie Untersuchungen als Argumentationshilfe heranziehen, die so unausgegoren sind, dass sie - in diesem Stadium - schlicht noch nichts aussagen können. So wird zu der Behauptung, dass sich das Gehirn eines Pädophilen von normalen Menschen unterscheidet eine Studie zitiert, in der nur eine einzige Versuchsperson untersucht wurde.
Davon abgesehen nervt die stilistische Eigentümlichkeit, "... ich (Hans Markowitsch) ..." und "... ich (Werner Siefer) ..." ständig zu wiederholen. Stellenweise schweift der Text vom Thema ab und verwässert so die Botschaft. Letztlich ist der achtseitige Artikel "Verdächtige Hirnareale", den Koautor W. Siefer vor einem Jahr (2007) im Focus geschrieben hat, knapper, knackiger und sagt das gleiche aus. Aber schuldig sprechen wegen mangelnder Ausführung eines wichtigen und brisanten Themas wollen wir dann doch nicht. Wir lassen Gnade walten und hoffen auf Besserung.