_Zur Story_
Ein etwas peinlicher "Arbeitsunfall" führt die Hauptkommissare Felix Stark und Till Ritter in die Berliner Uni-Augenklinik. Dort treffen sie flüchtig auf eine blinde Patientin, die ebenso wie die Klinik selbst, bald Teil ihrer Ermittlungsarbeit werden soll. Die Frau bekommt an diesem Tag, quasi als freiwilliges Versuchskaninchen, einen neuartigen Chip implantiert, der ihr das Sehen wieder ermöglichen soll. Das hoffen alle am prestigeschwangeren "Phydra"-Forschungsprojekt Involvierten, jedenfalls. Es wäre eine medizinische Sensation und selbstverständlich ein lukratives Geschäft gleichermaßen. Allerdings erscheint die Chefärztin Dr. Katja Manteuffel nicht zum OP-Termin, weswegen ihre Assistenzärztin Dr. Andresen den anspruchvollen Eingriff letztendlich vornimmt.
Katja Manteuffel wird zwei Tage später von einigen Jugendlichen tot im Kofferraum ihres Wagens entdeckt. Erschlagen. Bei ihren Nachforschungen treffen Stark und Ritter auf ein wahres Dickicht von Verwandtschaftsverhältnissen, Affären und teils alten Seilschaften zwischen den Doktoren, Firmenrepräsentanten der Cordea AG und dem Forschungsministerium. Diese ganzen Querverbindungen machen es den beiden nicht leichter überhaupt das Motiv zu finden. Beziehungstat, gekränkte Eitelkeit und Rache - oder wusste Frau Doktor einfach zuviel? Wenn ja: Was? Alles scheint möglich. Zudem mauern alle Beteiligten und machen sich dadurch natürlich erst recht verdächtig. Der Schlüssel zum Rätsel scheint aber der revolutionäre Chip-Prototyp zu sein.
_Eindrücke_
Die vom RBB produzierte TV-Fassung wurde im August 2008 erstmals ausgestrahlt und erweist sich damit als ein recht aktueller Fall mit ebensolcher Thematik. Passend dazu präsentiert sich der moderne Schreibstil, mit welchem Oliver G. Wachlin das Originaldrehbuch von Andreas Pflüger in die Romanform transformiert. Das ist für sich genommen schon keine leichte Aufgabe, da immer die Gefahr besteht mit den auf dem Bildschirm bereits fest etablierten Filmcharakteren zu kollidieren. Das Ermittlergespann funktioniert in dieser Form immerhin schon seit 2001. Und das sehr erfolgreich. Ein "Aufbohren" von Drehbüchern ist also eine diffizile Angelegenheit.
Ein Roman erfordert andere Erzählstrukturen und Mittel als die Schauspielerei - und umgekehrt. Die Umsetzung funktioniert hier nicht immer ganz reibungslos. Zwar harmonieren die Figuren recht gut mit ihren Fernsehvorbildern, es herrscht aber ein leichtes Ungleichgewicht zugunsten des ewig blanken Möchtegern-Playboys Till Ritter. Dessen Figurenzeichnung fällt wesentlich detaillierter aus, als bei seinem stilleren Partner. Der interessantere Typ ist in der Fernsehserie aber eigentlich der ausgeglichene Felix Stark, was er (bzw. Boris Aljinovic) zu einem Gutteil allein mit Gestik und Mimik erzeugt. Das ist etwas, was - im Gegensatz zu Ritters (Dominic Raacke) doch plakativeren Gehabe - im Roman nur sehr schwer abzubilden ist.
Die Story an sich krankt ein wenig am fehlenden Actionanteil und verliert sich aber zuweilen in prinzipiell unnötigen Berliner (Rand-)Geschichtchen. Vielleicht ist es auch nicht unbedingt der am besten geeignete Fall das ansonsten dynamischere Hauptstadt-Duo in die Literatur zu entlassen. Eigentlich ist es sogar ein Trio, denn der Oberkommissar Weber (In der Serie: Ernst Georg Schwill) darf logischerweise nicht fehlen. Der kauzige Kriminaltechniker mit der Schiebermütze berlinert sich auch hier bissig-respektlos durch die Ermittlungen und sorgt somit für die nötige Portion Lokalkolorit mit einer Prise Humor. Der kommt im Übrigen auch so nicht zu kurz. Die Schreibe ist insgesamt locker und überaus angenehm zu lesen.
_Fazit_
Steigerungsfähig. Handwerklich ist dem Buch nichts anzulasten, im Gegenteil, es wertet die Vorlage sogar noch auf. Über mehr als solides Mittelmaß kommt "Blinder Glaube" trotz der durchaus redlichen Bemühungen bei der Umsetzung zum Roman aber nicht hinaus. Er bleibt leichte und schnell verdauliche Krimi-Kost für mal eben zwischendurch, welche natürlich in erster Linie Tatort-Junkies anspricht, grundsätzlich jedoch nicht allein auf diesen Kreis beschränkt ist. Die haben allerdings den tröstlichen Vorteil zu wissen, dass es weitaus bessere Fälle des Berliner Teams gibt, die noch der potentiellen Transformation harren. Der Anfang ist aber gemacht.
Jürgen Pern - buchwurm.info Redaktion