Die Autoren haben sich hier die (lohnende) Mühe gemacht, komplette Mitschriften (sog. Transskripte) gruppentherapeutischer Sitzungen mit Sexualstraftätern in einer JVA unabhängig zu analysieren. Es ist spannend und instruktiv, zu verfolgen, wie die Männer von ihren Taten und den Tatumständen erzählen, und sich dabei in ihrer Darstellung bemühen, ihre Schuld und ihre Verantwortung gleichzeitig zu enthüllen und zu verbergen. Im Therapieprozess, das wird deutlich, lässt sich dann aber die implizite Zustimmung der anderen Gruppenmitgliedern zu den oft offenkundig geschönten, verschleierten, unstimmigen, lückenhaften und abgewiegelten Erzählungen nicht aufrecht erhalten, da die Männer diese (Erzähl-)techniken von sich selbst kennen, oder an sich selbst erkennen, so dass dann ein oft bewegendes Ringen um die überwiegend düstere und banale "Wahrheit" beginnen kann.
Ich bin Arzt und auch mit der Behandlung komplex traumatisierter, meistens weiblicher Opfer sexualisierter Gewalt befasst. Ich habe mich nach der Täterseite gefragt, und bin dabei zufällig auf dieses Buch gestossen.
Wirklich packend fand ich aber den methodischen Ansatz, der im ersten Drittel des Buches ausführlich dargestellt wird. Hierbei handelt es sich um eine Verbindung von 1. Metaphernanalyse, 2. Narrationsanalyse und 3. Konversationsanalyse. Ich kannte alle drei Begriffe nicht, also, ganz schlicht: 1. welche bildhaften, oft impliziten Konzeptualisierungen von psychischer Realität werden im jeweiligen Kontext in und durch Sprache erzeugt und in der Interaktion transportiert? 2. Wie und nach welchen Regeln läuft das Gespräch, was folgt worauf, wer führt, übernimmt, was bedeutet das? 3. wie wird erzählt?
Ich habe viele Anregungen für meine eigene gruppentherapeutische Arbeit gewonnen und bin von dem Buch nachgerade begeistert, auch wenn ich weiterhin nicht weiss, wie dem Elend in den Familien vorgebeugt werden kann.