"Bei der ersten Tasse Tee mit einem Balti bist du ein Fremder. Bei der zweiten Tasse bist du ein Ehrengast. Und bei der dritten gehörst du zur Familie - und für unsere Familie opfern wir alles, sogar unser Leben. ... Dr. Greg, du musst dir die Zeit nehmen, diese drei Tassen Tee mit uns zu trinken. Wir mögen ungebildet sein, aber wir sind nicht dumm, und wir haben viele lange Jahre hier überlebt." (206) Mit diesen Worten zeigt Hadschi Ali, der weise Ortsvorsteher von Korphe, dem Amerikaner Greg Mortenson wie das Leben in Baltistan, einer Region im Kaschmirgebirge, nahe an der Grenze zu China, funktioniert. Drei Tassen trinken, das Tempo zurückfahren, die Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen als genauso wichtig erkennen, wie die Umsetzung eines Projektes. Nicht irgendeines Projektes. Es geht um den Bau einer Schule in Korphe, der ersten von vielen Schulen in Pakistan bzw. in Afghanistan.
Greg Mortenson verbrachte seine Kindheit in Afrika, besuchte eine High School in den USA, war als amerikanischer Soldat in Bamberg stationiert. Schließlich wurde er Krankenpfleger. Ein Krankenpfleger mit dem Hobby Bergsteigen. Er wollte an einer Expedition auf den K2 teilnehmen. Er scheiterte. Auf dem Rückweg kam er vom Weg ab und landete in Korphe. Den Menschen, die ihn dort freundlich aufgenommen hatten, versprach er eine Schule. Zurück in den USA sammelte er Geld, bereitete alles vor, um bei seiner Rückkehr nach Korphe zu erfahren, dass die Menschen dort zunächst eine Brücke benötigten. Natürlich. Wie sonst hätten sie die Baumaterialien für die Schule über die Schlucht des Braldu transportieren sollen? Mit der gefährlich schwankenden Gondel, die sonst zum Überqueren des Braldu diente? (Anm.: eine behelfsmäßige Vorrichtung mit Seilen)
Einer von vielen Rückschlägen, die Greg Mortenson in diesem Jahr treffen. Seine Freundin verlässt ihn, sein amerikanischer Arbeitgeber feuert ihn, und nun baut er eine Brücke anstelle von einer Schule. Greg gibt aber nicht auf, sammelt neue Gelder, kehrt zurück und drei Jahre nach seinem Versprechen steht endlich die erste von vielen Schulen.
Dank eines amerikanischen Gönners erhält das neu gegründete CAI (Central Asian Institute) ausreichend Geld, um weitere Schulen zu planen. Eine Lebensaufgabe für Greg, der er sich fortan voll und ganz widmet. Er wird entführt, gegen ihn sowie gegen seine Organisation werden Fatwas ausgesprochen. Nicht zu vergessen die alltäglichen Hürden. Greg passt sich Land und Leuten jedoch hervorragend an, lernt sogar nach sunnitischer Methode zu beten, und kämpft unermüdlich für seine Ziele. Manchmal naiv, manchmal gutgläubig, doch auf seine ureigene Art und Weise hat Greg Mortenson Erfolg.
Dass sich das Buch so gut lesen lässt, ist auch darauf zurückzuführen, dass nicht Greg Mortenson selber seine Geschichte erzählt, sondern David Oliver Relin, ein 'globe-trotting journalist', der in den USA schon oft für seine Arbeit ausgezeichnet worden ist. Der Schreibstil erinnert an einen Roman. Unglaublich plastische Beschreibungen. Und so nebenbei erhält man Einblick in Stammeskulturen und Traditionen in diesem entlegenen Teil der Welt. Man erfährt auch von der Kehrseite der amerikanischen Anwesenheit in Afghanistan, von den Leiden der Zivilbevölkerung durch die US-Bombardierungen, die ein Teil des Kriegs gegen den Terror sind. Wenn manche politischen Betrachtungen etwas oberflächlich, vielleicht sogar einseitig erscheinen, so habe ich darüber hinweg gesehen. Hier geht es nicht um objektive Betrachtungen der politischen Lage. Hier geht es um ein wichtiges Hilfsprojekt. So wichtig, dass Greg Mortenson sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde.
Die Übersetzung ist gelungen. Die
englische Version habe ich mir bereits vor drei Jahren im August 2008 gegönnt. In beiden Ausgaben findet der Leser Kartenmaterial der Region, des Karakorum-Gebirges. In beiden Ausgaben gibt es fotographische Dokumente: in der US-Ausgabe sind sie schwarz-weiß, in der deutschen Taschenbuch-Ausgabe in Farbe.
Anstelle eines Fazits die Antwort einer afghanischen Frau auf die Frage, ob sie sich durch die Burka unterdrückt fühlt:
"Wir afghanischen Frauen sehen durch Bildung das Licht. ... Nicht durch irgendein Loch in einem Stück Stoff." (386)
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Eine Anmerkung noch zum vorliegenden Buch: Im April 2011 wurden unter anderem von
Jon Krakauer Vorwürfe erhoben, dass die Schilderungen in diesem Buch nicht vollständig der Wahrheit entsprechen. Greg Mortenson hat dazu auf der Webseite des CAI Stellung bezogen. Der amerikanische Herausgeber von Herrn Mortenson hat im April eine Prüfung angekündigt. Aufgrund von einer Herzoperation von Greg Mortenson scheint die Angelegenheit jedoch noch nicht geklärt zu sein. Bis dahin sollte meiner Meinung nach die Unschuldsvermutung gelten. Zweifelsohne hat Greg Mortenson viel Gutes in Pakistan und Afghanistan bewirkt. Wenn seine Aussagen einer Prüfung nicht standhalten, so wünsche ich ihm die Kraft und Stärke dies ehrlich zu sagen. Sein Lebenswerk wird dadurch gewiss nicht gemindert. Die Frauen von Korphe erhielten zusätzlich zur Schule ein Berufsbildungszentrum (262), das erste Ausbildungszentrum für Hochgebirgsträger, das Karakorum Porter Training and Environemental Institute entstand mit der Hilfe seines Schwagers (266), durch eine neue Wasserleitung wurde die Kindersterblichkeit in einer Gemeinde mit zweitausend Einwohnern um die Hälfte reduziert (272), dem einzigen Augenarzt in Baltistan wurde eine Weiterbildung ermöglicht und ein amerikanischer Augenarzt operierte kostenlos sechzig Senioren in Skardu und Gilgit, die an Grauem Star litten (282). Das Wichtigste aber ist und bleibt, dass unzählige Kinder, Mädchen und Jungen, von seinem Einsatz profitieren konnten.