Auffallend oft kommen in Truffauts Werken Themen Kinder vor. In vier seiner Filme spielen sie sogar die Hauptrolle, sein erster langer Spielfilm "Sie küssten und sie schlugen ihn" aus dem Jahr 1959 handelt vom Umgang mit problembehafteten Kindern. Schon lange vorher interessierte sich Truffaut für pädagogischen Umgang mit schwierigen Kindern, er setzte sich auch öffentlich für die Rechte von schutzbedürftigen Kinder aus sozial schwachen Schichten ein.
1967 gestaltet er sogar einen Tag lang auf dem Radiosender France-Culture ein etwa 10stündiges Programm mit dem grossen Thema "Kindesmisshandlung".
Dieses starke Engagement für die Sache der Kinder liegt vor allem in Truffauts eigener Kindheit begründet. Truffaut reflektiert in den Kinderfiguren seiner Filme seine eigene Kindheit - so auch bei diesem 1976 entstandenen "Taschengeld", der wohl das am wenigsten bekannte Filmwerk Truffaut blieb. Obwohl der in 18 stimmungsvollen Episoden aufgeteilte Film erfolgreich auf der Berlinale 1976 als französischer Wettbewerbsbeitrag lief, allerdings dort gegen Altmans "Buffalo Bill und die Indianer" verlor.
"Taschengeld" führt uns nicht nur zurück in die legendäre Kinokultur der 70er - er zeigt uns ein Schuljahr im Städchen Thiers. Kinder und Erwachsene beschäftigen sich mit den Dingen des Alltags wie dem ersten Schultag, erste schüchterne Küsse im Kino, Moliere auswendig lernen in der Schule oder sogar die erste, grosse Liebe - auch wenn die viel älter ist als unser 13jähriger Junge. Aber nicht bei allen läuft der Alltag unbeschwert, ein Fenstersturz endet wie durch ein Wunder glimpflich..und mehrere Ladendiebstählen eines Jungen lassen im Laufe des Sommers eine schockierende Wahrheit erkennbar werden. Truffaut hat ein gutes, sensibles Gespür für seine Darsteller und öffnet den Erwachsenen die Augen für die Nöte der Kinder. Taschengeld lehrt auf liebenswerte, zurückhaltende Weise, die Welt wieder aus der Perspektive der Kinder zu sehen - eine kleine Rückkehr zu den magischen Augen.
Eine sehr gelungene poetische Hommage an die Freuden, Sehnsüchte, Enttäuschungen und Wunder der Kindheit. Vielleicht ein Film für den zweiten Blick, aber ein Blick, der sich auf jeden Fall wieder lohnt, weil er auch eigene Erinnerung freisetzen kann. Solche Kinofilme gibt es heute leider nicht mehr....