Dieses Standardwerk von Jung dringt tief in das Mystische ein und stellt einige Grundzüge der Tiefenpsychologie gut heraus, ohne jedoch vollständige Instrumentarien darstellen zu können. Es geht um Archetypen, die Tief in unserem Unterbewußtsein verwurzelt sind und sich dem Neo Kortex auf so eine banale Weise entziehen, dass die moderne Wissenschaft auf einmal auf sehr wackeligen Beinen zu stehen scheint. Jung spielt sein ganzes Allgemeinwissen aus und vergleicht auch die theologischen Schulen der westlichen mit der östlichen Welt ohne die alten Griechen zu vergessen. Er streift auch Grundzüge des radikalen Konstruktivismus, stellt gesellschaftliche Entwicklungen in den archetypischen Bezug. Er zeigt, wie zeitgenössische gesellschaftliche Entwicklungen selbst archetypisch erklärt werden können. Die (ur-)mütterliche Figur nimmt dabei eine herausragende Stellung ein. Er nimmt hierbei zwar auf das i Ging Bezug, verbleibt aber doch sehr einseitig in der weiblichen Welt des Mutterarchetyps. Ein Schwerpunkt, der besonders im i Ging - Kontext unbegründet bleibt.
Bei der Lektüre steigt immer wieder die Frage auf, wie sehr wir auch heute als morderne Menschen steinzeitalterlichen Mustern erliegen, ohne diese wahrzunehmen. Worin besteht der Fortschritt, wenn wir durch jahrtausend alte Programme unterbewusst gesteuert werden? Hier macht das Buch aufmerksam, dass unser Bewußtsein nicht unkritisch betrachtet werden darf. Andere Kräfte prägen uns, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Diese Zusammenhänge werden im Grundzusammenhang deutlich, wenn auch die Ausflüge in Jungs breites Allgemeinwissen mich an vielen Stellen mehr verwirrt als zum Kern weitergebracht haben. Der Stil, besonders der ständige lateinische Sprachgebrauch, ermöglich keinen zügigen Fortschritt beim Studium.
Jung wirf an vielen Stellen Erkenntnisse und Gedanken auf, die nach seiner Zeit erst deutlicher herausgearbeitet wurden. So finden sich Gedanken, die sich bei Maturana... im Baum der Erkenntnis finden, Polaritätsaspekte, die Salber tiefer behandelte und viele weitere psychologische Grundlagen. Jung zeigt in diesem Werk, dass er zu den ganz großen psychologischen Vordenkern mit einem weitem Spektrum gehört. Auch andere Wissenschaften bezieht er in Wechselblicken ein, besonders die Physik.
Insgesamt ein psychologisches Standardwerk, dass zur Pflichtlektüre gehört. Doch es ist nur für begeisterte Humanisten einfach zu lesen. Für alle anderen bleibt eine Zusammenfassung zu empfehlen.