(meine Rezension bezieht sich auf die 3. Überarbeitete Auflage aus 2010)
Mir ist dieses Buch, soviel habe ich schnell verstanden nachdem mir eine Green Belt Ausbildung zuteilwurde, eine unglaublich gute Hilfe bei der Umsetzung meines Green Belt Projektes.
Zwar bekommt man bei einer Green Belt Ausbildung 10 Tage "Druckbetankung" mit allen relevanten Vorgehensweisen, Modellen, Werkzeugen und einen sehr guten Überblick über Statistik, aber einen Haufen Details behält man sich nicht, oder er wird erst gar nicht genauer erklärt. Mit Details meine ich speziell Fragen zu Verteilungsarten, Verteilungsformen, also quasi Statistik für Fortgeschrittene. Aber ich gehe schon zu sehr ins Detail, ehe ich auf die ausgezeichnete Struktur des Buches eingehe.
Nach dem Einleitungsteil, der einen kurzen Abriss über das Hauptziel von Six Sigma (Verbesserung von Prozessen/ Produkten) bietet und eine schöne Six-Sigma Roadmap (nach dem DMAIC-Prinzip) abbildet, geht es weiter zu dem äußerst delikaten Teil der sich "Management von Six Sigma Projekten" nennt. Ob sich das bei Ihnen in der Praxis auch so darstellt, wie man sich das theoretisch vorstellt, sei dahingestellt. Das so genannte Management fordert auf der einen Seite ständig Verbesserungen (in Zusammenhang mit einem "benefit") aber wenn es um die Ressourcen geht um die Projekte ordentlich abzuwickeln ... na ja, das Buch wird Ihnen dabei nicht helfen. Sie können es aber trotzdem zur Hand nehmen, wenn Sie dem Controller, dem Entwickler oder dem Arbeiter an der Maschine etwas über Six Sigma erzählen sollen; oder diesen Leuten das Buch in die Hand drücken.
Kapitel 3 - Grundlagen der Statistik: Ein Wahnsinn, wie ausführlich dieses Kapitel behandelt wird. Der Grundsatz "Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.", trifft trotz noch so guter statistischer Auswertungen zu, denn die Statistik ist kein Allheilmittel, bietet aber viele sehr gute Lösungs- bzw. Entscheidungs-Ansätze um Fragen zu klären, die so gerne als K.O.-Kriterien im Raum stehen, wie "Wie viele Fehler haben wir?", " Welche Einstellungen an der Maschine sind relevant für Fehler im Output?" Dass das alles viel Rechenarbeit bedeutet und eine Menge an Daten, die (sinnvoll!) gesammelt werden müssen, versteht sich dabei von selbst. Wie man die statistischen Auswertungen in der Praxis umsetzt, bleibt jedem unbenommen, im Buch wird allerdings mit Minitab (Software) gearbeitet. "Von Hand" wird sich heutzutage wohl niemand mehr an solche Datensammlungen heranwagen.
Kapitel 4- DEFINE: Werkzeuge um sich einen Überblick seines Prozesses/ seiner Prozesse zu schaffen, stehen hier im Vordergrund. Die Autoren propagieren das SIPOC Modell für Prozessdarstellungen. Hier definiere ich die Grenzen, den Ablauf meines Prozesses und die Kundenforderungen (CTQ).
Kapitel 5 MEASURE: Nun geht es ans Eingemachte, eigentlich ist das meine Lieblingsphase. Messen, Prozesse Detaillieren, Ursachen darstellen (Ishikawa Diagramm oder MindMaps), Daten interpretieren (Auswertungen, wie Paretos, Box Plots, Korrelationsdiagramme, Häugfigkeitsdiagramme, Multi Vari Charts.. alles mit Minitab Beispielen unterlegt), und schließlich eine ausführliche Erkundung des Themas Messsystemanalyse ("Eignung des Prüfsystems sicherstellen"), dem man sich in der Praxis meiner Erfahrung nach IMMER zu wenig widmet. Diesem Thema wird viel Aufmerksamkeit gewidmet und die beiden Begriffe "Verfahren 1" und "Verfahren 2", die für mich bisher immer abstrakte Fachtermini waren, bekomme ich in diesem Buch endlich so ausführlich erklärt, wie ich es mir immer gewünscht habe. Auch Leuten, die sich nur mit den Ergebnissen von MSAs beschäftigen müssen kann ich das Kapitel nur ans Herz legen, endlich eine Erklärung für die hübsche bunte Analyse mitsamt 6 Diagramen und etlichen Zahlenwerten, die Minitab ausspuckt.
Die ewige Diskussion, welches Messverfahren man für die Tauglichkeit von attributiven Prüfprozessen auswählt, habe ich mit Hilfe des Kapitels 5.4 3 "Eignungsnachweis für Messprozesse nach VDA 5" nun auch erschlagen. Wer also ein Buch sucht, das Lösungen für MSA's bietet, der wird hier fündig!
Kapitel 6 - ANALYSE: Jetzt werden Haupteinflussgrößen identifiziert (Ursachenanalysen mit Experten) und die Ergebnisse von MEASURE besprochen. Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge können nun ermittelt und dargestellt werden. Das hört sich so hübsch an, ist aber meines Erachtens die Königs-Disziplin, denn hier kann man viel Arbeit hineinstecken - womöglich ohne Nutzen. Genaue Rezepte gibt es, wie immer im Leben nicht, aber eine Menge Methoden (Kennwerte wie u-Test, t-Test, Varianzanalyse/ ANOVA, Regressionsanalyse (mithilfe Minitab).
Versuchsplanung! Für mich bis vor der Green Belt Ausbildung ein spanisches Dorf. Interessanter Weise habe ich aus dem Beispiel aus dem Buch (es geht um Geräuschoptimierung) nicht nur für Versuchsplanung bei Fertigungsprozessen etwas mitgenommen, sondern mir auch Ideen für Lärm-Minderungs-Pläne geholt!
Im Buch wird (die Software) Minitab für die Versuchsplanung verwendet. Als praktisch veranlagter Mensch, der gerne selbst herumrechnet (womöglich mit selbst gemachten Excel Tabellen und Diagrammen), bin ich bei Versuchsplanungen mit mehr als 3 Faktoren bisher gnadenlos gescheitert - hier wird einem das Werkzeug an die Hand gelegt Versuche mit mehr als 4 Faktoren zu planen, bzw. zu realisieren und auszuwerten. In der Praxis ist es aber gar nicht so einfach mit den bisher ungewohnten graphischen Ergebnissen umzugehen, da hätte ich mir mehr Beispiele gewünscht.
Trotzdem ist das ein Kapitel bei dem man sich bis zur Erschöpfung austoben kann.
Kapitel 7 - IMPROVE: Nun geht es daran alles was man herausgefunden hat auch umzusetzen, sprich die Einflussfaktoren werden so geändert, dass Zielvorgaben erreicht werden. "Meist liegt die Lösung nicht so klar auf der Hand." (Seite 362, Kapitel 7.1.2) - Ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Es kommen also Kreativitätstechniken zum Einsatz (die hier im Buch kurz angerissen werden), wie klassisches Brainstorming, oder Kartenabfrage, oder oder oder. Für mich neu, die "Methode 635" (6 Personen, 3 Ideen, 5 Minuten.). Auch 6S (Ordnung am Arbeitsplatz) ist ein Thema oder Poka Yoke. Hier findet man übrigens viele Ansätze, wenn man im Betrieb Kollegen ausbilden/ weiterbilden möchte, was ja nie ein Fehler sein muss.
Überhaupt bringt es viel, Kollegen mit ins Boot zu holen, nicht erst bei der Umsetzung der Ziele, sondern sie schon von Anfang an mit einzubeziehen, die Wissens-Quellen sind das A & O für Analysen und um Einflüsse zu definieren. Der Teil IMPROVE ist dennoch arg theoretisch gehalten.
Kapitel 8 - CONTROL. Das Schlagwort: Nachhaltigkeit. Wie verankere ich meine Lösung organisatorisch und sichere sie nachhaltig ab? Zum Beispiel geht es hier um Regelkarten oder SPC aber auch um "Lessons Learned", also den Abschluss des Projektes.
Kapitel 9 - VERANKERUNG von Six Sigma in der Unternehmensorganisation. Dieses Kapitel wendet sich mehr an Manager bzw. das Leitungsteam, ist im Prinzip eine Übersicht über die Six Sigma Organisation und Werkzeuge. Sehr kurz gehalten, sehr gut verständlich aber allgemein gehalten. Als nette Boni sind in dem Kapitel auch noch Problemlösungstechniken wie 8D oder 7 STEP kurz angerissen.
Kapitel 10 - DESIGN for Six Sigma. Darüber kann man freilich ganze Bücher füllen (die es ja auch gibt) hier werden DFSS-Vorgehensmodelle angesprochen wie PIDOV (Plan, Identify, Design, Optimize, Validate). Ein eher kurzer abriss über das Thema.
Als ich zu der Green Belt Ausbildung "überredet" wurde, war ich skeptisch und habe an die vielen Wochen DGQ Ausbildungen gedacht, wo man jede Menge Grundlagen fürs Qualitätsmanagement pauken durfte, aber lösungsorientiert sind diese so genannten DGQ-Scheine nicht. Ob Six Sigma nun das Allheilmittel für Prozessoptimierung ist, kann ich nicht beurteilen, in der Branche (Qualitätsmanagement) die ich schon über 20 Jahre hautnah miterlebe, wird immer mal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Six Sigma hört sich auch so abenteuerlich an, ist aber nicht viel anderes als eine relativ gut ausgeklügelte Vorgehensweise, wie man Optimierung-Projekte abbilden kann, bei denen es viele (unbekannte) Einflussfaktoren gibt. Dazu hat man verschiedene Möglichkeiten seine Prozesse abzubilden/ darzustellen, die Einflüsse zu definieren, diese festzustellen, auszuwerten und so zu optimieren, dass am Ende alles besser wird. - So würde ich das Thema "Six Sigma - Null-Fehler Management" jemandem Außenstehenden erklären. (Wenn ich demnächst selbst Kollegen zu Whit Belts ausbilden möchte, oder weeitere Projekte angehe, dann werde ich auch dieses Buch als Hilfe zur Ausbildung der Bereiligten nehmen.)
Nach dieser gängigen Praxis (DMAIC) ist auch dieses Buch gestaltet - und zwar sehr gut verständlich, wennauch ich als Mensch der Praxis mehr Beispiele gewünscht hätte.
Johann Wappis und Berndt Jung haben meines Erachtens eine ausgezeichnete Arbeit geleistet und die gängigen Mentoden säuberlich und gut verständlich aufbereitet. Alle Achtung!