Eine gelblich- rötliche Tönung über die Kratzer gelegt, die Klavierpartitur ohne orchestrale Begleitung neu eingespielt, und dieser fürs Heimkino aufgepeppte Murnau aus dem Jahr 1925 war fertig. Was von diesem Stummfilm, der als verschollen galt, überhaupt restauriert werden konnte, schildert ein 43minütiges Extra- Feature. Der Film hat eine Rahmenhandlung, die einfach und schnell erzählt ist: Ein junger Schauspieler (André Mattoni) fliegt aus dem Haus seines Großvaters (Hermann Picha). Dessen Haushälterin (Rosa Valetti) übt einen schlechten Einfluss auf ihn aus und will dem Enkel das Erbe streitig machen. Der junge Mann hat eine Idee. Die Zeit drängt, denn allen Übels verabreicht die Erbschleicherin dem alten, schon angeschlagenen Großvater auch noch ein schleichendes Nervengift. Bei seinem nächsten Hausbesuch gelingt es dem Enkel schließlich, die Giftmischerin zu enttarnen. Bald ist die böse Tartüffin aus dem Haus gejagt und der Enkel rehabilitiert. Der junge Schauspieler hat seine Idee in die Tat umgesetzt und sich als Betreiber eines Wanderkinos verkleidet in die gute Stube seines Großvaters eingeschlichen. Auf dem Spielplan steht - und das ist der Hauptteil -, als Film im Film, der "Herr Tartüff" frei nach Moliere, ein Gleichnis auf die verbrecherische Heuchelei und Hörigkeit, die der Enkel im Haus seines Großvaters vermutet und aufdeckt. Vor Beginn der Aufführung sieht Mattoni durch eine halboffene Tür die Giftmischerin am Werke. Das nicht ganz zufällig. Er musste sich schmeichelnd Einlass verschaffen. Umso argloser und unvorsichtiger geht die Giftmischerin jetzt zu Werke. Der Film ist psychologisch subtiler und moderner als es vom Plot her den Anschein hat. Acht Minuten lang gehen in diesem Film die Türen auf und zu, gewähren Einblicke oder sind einfach nur da, vor dem stehengebliebenen Kamera- Auge, als Bildmetaphern einer verborgenen Intimität, die plötzlich und in Großaufnahme ihr "wahres" Gesicht zeigt: Da streckt die Valetti dem angeschlagenen Hausherrn hinterrücks die Zunge heraus und Tartüff alias Emil Jannings mampft und gähnt, dass es nicht mehr schön ist. Ganz vom Klischee weg ist der kleine, ironische Seitenhieb gegen den Eskapismus und die Einfalt, mit dem sich der homosexuelle Murnau in den ersten Auftritt des lachenden Mattoni einkopiert. Murnau gibt dem Hauptteil eine vorgetäuschte Weite, die auch heute noch sehenswert ist und mit der Enge der Rahmenhandlung kontrastiert. Gipfelpunkt ist ein Frühstück im Freien, in einem Winkel vor Orgous Haus, die Natur im Dekor. Hier verliert sich der Blick auf die Weinbergterrassen von Schloss Sanssouci in den Weiten der Natur: Der hörige Orgou (Werner Krauss) bereitet seinem frömmlerischen Freund Tartüff (Emil Jannings) ein üppiges Mahl. Emil Jannings und Lil Dagover (als Orgous Frau Elmire) gehen niemals vollständig in den Gemütsskandal auf, den sie darstellen sollen. Mal ist es das stehengebliebene Kamera- Auge, mal eine zusätzliche Geste, und sie sind selbst im Spiel. Und was wäre ein Murnau ohne jenes bedeutungsreiche Spiel des Lichts und der Schatten auf den vom Überpersönlichen plötzlich angehauchten Gesichtern der Protagonisten. Ein unbedingt sehenswerter Film.