Seit 1970 legt sie die Karten. Zwölf Bücher über das Tarot hat sie seitdem verfasst. Als Tarot Grand Master gehört sie dem renommierten Omega Institut an. Es könnte einen die Ehrfurcht übermannen: Zweifelsohne hat man es hier mit einer Koryphäe des Metiers zu tun, und mit entsprechendem Respekt greift man vielleicht zu ihrem neusten Buch, gut 500 Seiten stark, das obendrein als eine Art "Vermächtnis" angekündigt ist.
Doch dann ist alles ganz anders. Es ist, als säße man Rachel Pollack bei einer Tasse Tee gegenüber. Sie ist unglaublich beredt, humorvoll, weiß ihre Geschichten zu erzählen, die Pointen zu setzen. Und kaum merkt man, dass sie einen in Bann zieht mit ihrem Wissen, das weit über die kleinen bunten Kärtchen hinausgeht, die sie da auf vielen Seiten beschreibt. Denn es sind die Mythen des Lebens, die sie vor einem aufmarschieren lässt, Mythen, Märchen, Glaubenssätze, verborgenes Wissen aus der griechischen, ägyptischen, indischen, der jüdischen und auch der christlichen Tradition. Sogar Konfuzius kommt zu Wort: "Wer nichts tut, lässt nichts ungetan."
Noch eine Tasse Tee? Rachel Pollack nimmt sich die Karten vor, eine nach der anderen. Sie berichtet von ihren eigenen Erlebnissen mit den "Liebenden", dem "Tod" und der "Welt". Sie zitiert das ganze bunte Who-is-who der Tarotwelt, um hinter die Bedeutung einzelner Karten zu kommen - von Court de Gébelin (1773-82) über Mathers (1888) und Golden Dawn (1888-96) bis hin zu Waite (1910). Sie betrachtet und beschreibt die Darstellungen des Motivs auf unterschiedlichen Decks - und das alles mit einem Unterhaltungswert, dass man gar nicht merkt, wie man beim Lesen immer schlauer wird.
Noch ein Tässchen? Was verstehen die Leute denn meist falsch an den Karten? Wobei "falsch" nicht richtig ist - beim Tarot kann sich eigentlich nicht irren, wer mit offener Wahrnehmung an die Sache herangeht. Aber es gibt bestimmte Fallen, in die man gern tappt. Zum Beispiel die, den "Tod" für eine "schlechte" Karte zu halten, nur weil der Tod in unserer Gesellschaft ziemlich tabuisiert ist. Mit spürbarem Vergnügen führt Rachel Pollack da eine Freundin an: "Thalassa, Organisatorin des Bay Area Tarot Symposiums, lacht, wenn die Medien über steigende oder fallende 'Todesraten' berichten: 'Die Todesrate ist immer die gleiche', sagt sie, 'einmal pro Individuum.'".
Ja, und es gibt tolle Legungen für jede Karte. Man kann ihr auf den Zahn fühlen - und zwar mit Hilfe ihrer 77 Kollegen! "Was ist das Geheimnis des Eremiten?", mag man da beispielsweise legen, "was ist das Licht des Eremiten?", "was enthüllt er?", und "welche Fragen stellt mir der Eremit?" Das ist so einfach und im Sinne des Tarot logisch - man hätte eigentlich auch selbst draufkommen können.
Der Tee schmeckt gut - und es kommt gleich noch besser: Da wird in aller wunderbaren Freiheit assoziiert und fabuliert und staunend dann auf das geschaut, was scheinbar aus dem Nichts - und doch so stimmig - sich ergibt. Wie die Verbindung des "Rad des Schicksals" mit Laoze und der Nummerologie: "Laozi schreibt im Tao Te King: 'Dreißig Speichen vereinen sich in der Nabe eines Rades. Ein Rad ist nützlich, weil sein Zentrum leer ist.' Die Ereignisse unseres Lebens, die vielen Drehungen des Rades (des Schicksals, Anm.d.Red.), strahlen von einem Zentrum aus, das kein Etwas ist, sondern all die Narren-Möglichkeiten des Nichts enthält. Die Zahl 10 besteht aus 1, dem Magier, und 0, dem Narren."
Das hat Größe. Das ist nicht einfach so dahergeschrieben - und von der Sorte Erkenntnisse gibt es viele in diesem erstaunlichen Buch, das so leichtfüßig daherkommt, als ließe sich ein bunter Schmetterling zart auf dem Rand unserer Teetasse nieder. Ein sehr gescheites, weises, spirituelles Buch. Ja, auch ein Vermächtnis in gewisser Weise. Aber so bescheiden in seiner Art, so spannend geschrieben, dass man beim Lesen stundenlang Tee trinken möchte.