"Tarot und der Lebensweg des Menschen" ist eine vom Inhalt her wortgleiche Wiederauflage von "Tarot und die Reise des Helden"; und es ist gut, dass dieser Text dadurch noch immer zu haben ist. Denn es ist ein Verdienst des am 11.2.2009 im Alter von nur 59 Jahren verstorbenen Hajo Banzhaf, die in den 22 Karten der Großen Arkana enthaltene Heldenreise für den deutschen Sprachraum entschlüsselt und auf seine unnachahmliche Art interpretiert zu haben. In diesem Text hat er die Stationen der Lebensreise, die jeder sich weiterentwickelnde Mensch im Idealfall mindestens einmal passiert, gedeutet.
Mir gefällt es sehr, dass der "Held" die Karte ohne Zahl bzw. mit der Ziffer 0 = Der Narr ist, der sich da auf den Weg macht. Das erinnert mich an Märchen, indenen es ja oft der jüngste Sohn ist, der Dummling, der von allen ausgelacht wird, als er sich erbietet, etwas Verlorenes, aber dringend Nötiges für das Königreich zu holen bzw. zurückzuholen. Der Dummling geht anders an die Aufgabe heran, als seine kraftmeiernden, waffenklirrenden, kampferprobten älteren Brüder. Deswegen gewinnt er Verbündete und deswegen gelingt es ausgerechnet ihm, dem es niemand zugetraut hätte, das schwer erreichbare Gut zu finden und heimzubringen. So rettet ausgerechnet der Jüngste und vermeintlich Schwächste das Land.
Hajo Banzhaf hat nun diese Heldenreise, den Weg des Narren, in den 22 Karten entdeckt und in diesem Buch entschlüsselt. Der Narr, der in unseren Skatkarten noch als Joker erhalten geblieben ist, ist dort die einzige Karte, die so beweglich ist, dass sie jeden Platz einnehmen kann. Also begibt sich der Narr auch hier auf die Reise, die zunächst von Osten nach Westen führt. Dieser Teil ist am Tag zu wandern, danach geht es in die Tiefe oder ins Dunkle, von Westen nach Osten.
Der Tarot-Experte deutet die Karten 1 und 2 der Großen Arkana als "himmlische Eltern" und die Karten 3 und 4 als "irdische Eltern". Von ihnen bekommt der Mensch seine Grundausstattung. Die nächste Station ist Karte 5, Der Hierophant, wo man in den Genuss einer Erziehung kommt, und zwar in der Art, wie sie der Grieche Achilles vom weisen Kentaur Chiron erhielt. So vorbereitet, gilt es, eine "eindeutige Entscheidung aus freien Stücken und vollem Herzen zu treffen". Man muss sein Elternhaus verlassen, denn sonst findet die Heldenreise - der Entwicklungsprozess - gar nicht erst statt. Diesen Punkt zeigt die 6. Karte, Die Liebenden.
Folgerichtig kommt als 7. Karte der Wagen, der Aufbruch des Helden. Das Titelbild des Buches zeigt sie nur teilweise. Dieser Wagen ist gar nicht so einfach zu lenken, als Zugtiere dienen eine schwarze und eine weiße Sphinx. Diese beiden grundverschiedenen Impulse im Inneren des Menschen wollen in Balance gehalten werden. Deswegen trägt jede Sphinx auch ein bisschen von der Farbe der anderen. Ich finde es einfach schön, mit wie vielen Beispielen Hajo Banzhaf erläutert, dass es nicht um "Eindeutigkeit, sondern um Vereinigung der Gegensätze" geht. Diese Karte ist die erste nach der Phase der Kindheit, hier beginnt der Eintritt in die Zeit der Reife, der Ichentfaltung und Ichüberwindung. An der 8. Station, der Karte Gerechtigkeit, erlangt man Reife, in der Einsamkeit als Eremit, Karte 9, findet man seinen "wahren Namen". Eine Voraussetzung dafür, zur Berufung zu gelangen, die in Karte 10, Rad des Schicksals, wartet.
Jetzt sind wir im Bereich der zweistelligen Zahlen. Das bedeutet, es geht geht in eine neue Dimension. Der Weg führt in die Tiefe oder in die Nacht. Diesen Teil der Lebensreise tritt nicht mehr jeder an, manch einer verharrt hier lieber bis ins hohe Alter, als ewiger Jüngling oder ewiges Mädchen. Die Tarot-Karten zeigen auch warum: Jetzt wird die Reise anstrengend und gefährlich. Diesen Weg geht man besser nicht allein. Daher zeigt Karte 11, Die Kraft, das "hilfreiche Tier", die harmonische Verbindung des zivilisierten Menschen (die Frau auf der Karte) mit seiner animalischen Natur (dargestellt durch den Löwen). Mir gefällt es sehr, wenn Hajo Banzhaf erläutert, dass die Reise desjenigen, der versucht, das "hilfreiche Tier" in den Griff zu bekommen, zu knechten oder gar zu töten, statt es liebevoll zu zähmen, nicht gut ausgehen kann.
Doch auch mit dem "hilfreichen Tier" an der Seite bleibt die große Krise nicht aus, Karte 12, Der Gehängte. Dem Neuen im Leben des Einzelnen geht zwangsläufig eine Krise voraus, denn die Art und Weise, wie man Aufgaben bisher immer anging, funktioniert nun plötzlich auf dieser Entwicklungstufe nicht mehr. Ohne Krise keine Veränderung und damit auch kein persönliches Wachstum. Daher gilt es jetzt ein Opfer zu bringen: Vielleicht eine schlechte Angewohnheit aufzugeben - oder eine alte, nicht mehr tragfähige Beziehung.
Es folgt Karte 13, Der Tod. Sie kündigt nicht etwa an, dass jemand sterben wird, wie es Jahrmarktswahrsagerei manchmal behauptet. Nein, diese Karte zeigt an, dass etwas auf natürliche Weise zu Ende geht. Es bedeutet, dass man sich von etwas oder einer Lebensphase verabschieden muss. Und Abschied tut nun einmal weg. Danach aber bekommt man Schutz und Führung, Karte 14, Mäßigkeit, die das richtige Maß, den Seelenführer oder Schutzengel zeigt. Aber es gibt auch Menschen, die ein ganzes Leben lang ständig zwischen den in den Karten 12 und 13 gezeigten Zuständen hin- und herpendeln.
Mit dem Seelenführer (der Anima für den Mann, dem Animus für die Frau) an der Seite, kann man sich dem Teufel, Karte 15, stellen. Der Tarot-Meister schreibt: "Nachdem es dem Helden gelungen ist, in die Unterwelt einzudringen, gilt es nun, das verlorene Gut, die verkaufte Seele, oder was immer hier gefangen ist, aus der Gewalt des Widersachers zu befreien. Dieser Aufgabe entspricht die Karte 16, Der Turm. Er steht für die Überwindung des Wächters, die Tötung des Drachen, für die plötzliche Sprengung des Gefängnisses, die Befreiung der eigenen Seele."
Dann erreicht der Held das Wasser des Lebens - Karte 17, Der Stern. Aber Vorsicht: Karte 18, Der Mond, steht für die gefahrvolle Rückkehr. Der Held muss den Ausweg finden und darf sich nicht im Labyrinth der Unterwelt verirren. Auf dem Rückweg lauern die heimtückischten Gefahren. Hier hat sich Orpheus umgedreht und Eurydike für immer verloren. Besteht er diese Prüfung, ist die Reise durch den Tag- und den Nachtbogen der Sonne geschafft. Mit den Karten 19, Die Sonne (Versöhnung), 20 Gericht (die Heilung) und 21 Die Welt (das wiedergefundene Paradies) kann der Held seine Heimkehr feiern und genießen.
In dieses Buch hat Hajo Banzhaf seine beeindruckende Kenntnis der Mythen, Märchen, Bibel und Psychologie C.G. Jungs einfließen lassen. Wem es Freude macht, sich mit den Archetypen zu beschäftigen, die in den 22 Karten der Großen Arkana enthalten sind, dem sei dieses Buch empfohlen. Die 56 Karten der Kleinen Arkana kommen nicht vor, weil sie die Zahlen 1 bis 10 nur illustrieren. Das ist zwar hilfreich und nett, aber es hat nichts von der Weisheit und Tiefe der Großen Arkana. In diesem Buch geht es um Weg der Selbstwerdung, den nur die 22 Trumpfkarten darstellen.