Tarotbücher gibt ja einige auf dem Markt. Dieses neu erschienene Buch über den Tarot, das sich auf alle vollständigen Tarotdecks (78 Karten) bezieht, kommt ohne Abbildungen der einzelnen Karten aus. Erstaunlicherweise - es war mir beim Durchblättern des Buches nicht einmal aufgefallen. Im Gegenteil, möcht ich fast sagen: Das Buch wirkt lebendiger und anschaulicher als alle mir bekannten Tarotbücher.
Einladend, den Leser gleich in die Welt des Tarot einbeziehend wirkt schon beim ersten Durchblättern das unkonventionelle Cover, die vor jedem Kapitel eingefügten - wunderschön ausgewählten - Zitate und der spielerische Part am Ende des Buches.
So hatte ich gleich Lust, mich mit meinem Tarotdeck zu bewaffnen und wurde angenehm überrascht: Der spielerische Zugang zum Tarot, der dieses Buch durchprägt, führt den Tarot-Interessierten weder in unverbindliche Beliebigkeit noch in Anbetung des Tarot als schwer entzifferbaren Wahrheitslieferanten, sondern eröffnet die Möglichkeit, dem Tarot als Gesprächspartner zu begegnen.
Jedes Tarotdeck auf seine Weise verdichtet archetypische Erfahrungen von Menschen zu existentiellen Fragen in Bilder. Doch diese Erfahrungen sind - für sich genommen - niemals schon das passende Rezept für das spezifische Problem des Fragenden.
Entscheidend ist, wie diese Erfahrungsschätze aufeinander bezogen und auf welchen Punkt hin sie ausgerichtet werden. Der Part des Fragenden - schon auf dem Cover des Buches präsent. Höchste Aufmerksamkeit und Offenheit des Fragenden ist gefragt. Er ist es, der die Bezüge zu seinem eigenen Erfahrungsschatz herstellen muss.
Die Zitate von Sokrates über Goethe und van Gogh bis Einstein - geben dafür inspirierende Ansatzpunkte. Hillfreich für einen eigenen, statt gläubigen Zugang zum Tarot sind die spielerischen Übungen am Ende des Buches - die ich übrigens nicht Übungen, sondern Spiele nennen würde. Denn sie sind für jeden Tarot-Interessierten Gold Wert, um sich selbst ins anschaulich, praktisch-bildhafte, statt symbolisch-gläubige Denken zu locken.
Doch den Leser erwarten, wenn er sich auf die Schritt-für-Schritt-Anleitungen des Buches einlässt, weitere Überraschungen:
Herausragend die strengen Spielregeln für die Auslegung und Deutung eines Tarot-Blattes. Offenbar eröffnet erst diese Strenge einen spielerisch-persönlichen Umgang mit dem Tarot. Die Deutung darf eben nicht willkürlich werden, sondern muss ein klares, überprüfbares Ergebnis liefern, den Fragenden handlungsfähig machen. Der Autor, Michael D. Eschner, hat sich für diesen Zweck einiges einfallen lassen:
* + und - Tipps zu jeder Karte: Die Karten werden nicht in gute und schlechte Karten unterteilt. Statt dessen hängt die Positiv- oder Negativ-Deutung von den Nachbarkarten im Blatt liegt (Feuer-Wasser- Nachbarschaft z.B. erzeugt blockierende Spannung, Wasser-Luft-Nachbarschaft dagegen ein produktives Zusammenspiel.)
* Der nachdrückliche Hinweis des Autors auf eine klare Fragestellung, bevor ein Blatt gelegt wird. Dann kann sich ein Gespräch zwischen Fragendem und dem Tarot entwickeln.
* Hilfreich für einen angemessenen Umgang mit dem Tarot auch der Rat, den Tarot vor jeder Legung zu befragen, ob er denn antworten will. Auch dafür schlägt der Autor eine interessante Methode vor.
Von den Legemethoden hat mich das 15-er Blatt besonders überzeugt. Präzise nach den angegebenen Spielregeln ausgelegt und gedeutet, hab ich eine verblüffend einleuchtende Antwort bekommen. Hätte ich auch selbst drauf kommen können, hab ich mir gesagt. Nunja - bin ich ja - dank Tarot - denn auch.