Es war 1971, Neil Diamond wurde auch in Europa erfolgreich und war gerade dabei, mit "I am ... I said" unsterblichen Weltruhm zu erlangen, als ich in meinem kleinen Lieblingsplattenladen zum ersten Mal in eine seiner LPs hineinhörte und sie kurzentschlossen kaufte.
"Tap Root Manuscript", ein merkwürdiger Titel, den ich eigentlich bis heute nicht verstanden habe.
Die Musik aber war und ist eingängig. Am Anfang gleich sein erster Single-Hit auf dem Kontinent: "Cracklin' Rosie", gefolgt von dem recht relaxten "Free life". Danach mein Lieblingstitel, die sehr schön arrangierte Ballade "Cold water morning", die ich zunächst in der Version des heute vergessenen Richard Barnes ("Go north") gehört hatte. Darauf folgt "Done too soon", diese rhythmische, von Bläsern begleitete Aneinandereihung berühmter Namen, wo selbst meine des Englischen nicht mächtigen Verwandten und Bekannten immer den Buster Keaton heraushörten... Schließlich die einzige Cover-Version auf der Scheibe: "He ain't heavy he's my brother" hat für mich mit Diamonds Stimme und der Cello-Begleitung deutlich mehr Tiefe als die Hit-Fassung der Hollies.
Die zweite Seite der damaligen LP ist das erste ambitionierte Werk Neil Diamonds, das über den Rahmen des gängigen Popsongs hinausgeht. Unter dem Titel "African Suite" oder "African Trilogy" sind sieben Stücke versammelt, die teilweise mit Chor und Orchester aufgenommen wurden. Diamond schreibt dazu, dass er sich schon früh in die Gospelmusik verliebt habe und auf der Suche nach ihren Wurzeln der afrikanischen Folklore begegnet sei. Diese hat ihn zu seiner "African Suite" inspiriert, die man sich allerdings nicht zu "schwarz" vorstellen darf - sie entstand lange vor dem Hype um Weltmusik und Ethno-Chic. Zu der Suite gehören so unterschiedliche Stücke wie das auch als Single veröffentlichte "Soolaimon", der in Suaheli geschriebene Choral "Missa" oder das Instrumentalstück "Madrigal".
Fazit: für mich ist das auf jeden Fall noch Neil Diamond in seiner aufstrebenden Phase, vom Autor und Interpreten einfacher Popsongs wie "I'm a believer" hin zu tiefsinnigen Balladen und aufwändigen Arrangements. Irgendwann brach diese Aufwärtsbewegung ab, ohne dass er je den Quantensprung vom Unterhaltungsmusiker zum ernsthaften Komponisten geschafft hätte (auch nicht mit seinem Soundtrack "Jonathan Livingston Seagull"). Aber er hatte gute Ansätze und dies war einer davon...