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Diese Ausgabe ist eine doppelte Übersetzung. Zunächst wurde Laotses Original ins Amerikanische von Stephen Mitchell übertragen und dann der amerikanische Text von Peter Kobbe ins Deutsche übersetzt. Ob ein derartiges doppeltes Filtern des Originals dem Verstehen dieser fernöstlichen Philosophie dienlich ist? Herr Mitchell meinte dazu: "Ich habe häufig ziemlich wörtlich übersetzt - oder eben so wörtlich, wie es bei einem so subtilen, vielschichtigen Buch wie dem Tao Te King möglich ist. Aber ich habe auch paraphrasiert, erweitert, zusammengezogen, gedeutet, mit dem Text gearbeitet, damit gespielt, bis er schließlich eine sprachliche Form annahm, die mir genau richtig vorkam. Falls ich nicht immer Laotses Worte übersetzt habe, so wollte ich doch stets das von ihm Gemeinte, seine Intention übersetzen. ..." Aber genau das ist der Punkt: es gibt nicht das eine richtige von Laotse "Gemeinte", wie mancher westliche Entweder-Oder-Leser erwarten würde. Seine Gedanken schweben und oszillieren immer zwischen zwei extremen Polen und lassen den Zweifel zu. Das ist das Besondere an Laotses und auch anderen verwandten taoistischen Texten. Warum also diesem prächtigen Vogel die Flügel stutzen? Etwa um dann zu behaupten "Jetzt ist er gut so" und ihn im westlichen Normenkäfig zur Schau stellen zu können? Vom Standpunkt des Taoismus kommt es eben nicht auf das korrekte Denken an, das im Westen zur Wissenschaft, Technik und Dogma führte, sondern auf das rechte Leben. Und so führt Laotses Sichtweise zur Toleranz, denn wenn nicht das Richtige zu denken bedeutend ist, so braucht man auch nicht mit anderen zu streiten, deren Denken zu anderen Schlüssen geführt hat.
Aber da die Geschmäcker verschieden sind, so auch der Hang zur treuen oder eben stark interpretierenden Übersetzungen. Der Leser mag sich selbt eine Meinung bilden. Da hier bereits die Weisheit Nr. 24 aus der vorliegenden Ausgabe zitiert wurde, führe ich sie hier nochmal, jedoch in der Übersetzung von Richard Wilhelm zum Vergleich an:
"Wer auf den Zehen steht, steht nicht fest.
Wer mit gespreizten Beinen geht,
kommt nicht voran.
Wer selber scheinen will,
wird nicht erleuchtet.
Wer selber etwas sein will,
wird nicht herrlich.
Wer selber sich rühmt,
vollbringt nicht Werke.
Wer selber sich hervortut,
wird nicht erhoben.
Er ist für den SINN wie Küchenabfall und Eiterbeule.
Und auch die Geschöpfe alle hassen ihn.
Darum: Wer den SINN hat,
weilt nicht dabei."
Das Wort SINN bezeichnet hier das Tao. Der Inhalt der Sprüche des Tao Te King mag stellenweise kontrovers sein, und den westlichen zur Leistung und Geschäftigkeit erzogenen Leser stellenweise befremden, betont Laotse doch die Wichtigkeit von: Nichtstun, Nichtlernen, Weichheit, Genügsamkeit, Wunschlosigkeit und das Nicht-glänzen-wollen in der Welt, also alles mehr oder weniger auch heute und vor allem im Westen geltende "Untugenden", worauf ja der landläufige Spruch "Müßiggang ist aller Laster Anfang" hinweist. Dagegen stellt Laotse all das, an was sich die Menschen seit Urzeiten geklammert haben, und was heute vor allem in der kapitalistischen Egoistengesellschaft hohes Ansehen genießt, wie Handeln, Schaffen, Streben, Sammeln, Erfolg, Festhalten, Härte, Durchsetzungsvermögen und Aufstellen und Befolgen von gesellschaftlichen Regeln und Normen völlig auf den Kopf. Denn Laotse meint über den nichtstuenden Menschen, dass er dadurch den natürlichen Lauf der Dinge fördere, und dass das Tao ("Himmels SINN") ohne menschliches Zutun für das Gleichgewicht in der Welt sorge und daher auch das Weiche, Flexible und Lebendige immer über das Harte, Steife und Tote siege.
Dem Laotse gebühren 5 und mehr Sterne. Die Wertung von drei Sternen habe ich für die Übersetzung in dieser Ausgabe abgegeben, die mir persönlich nicht zusagt, obwohl sie an manchen Stellen tatsächlich verständlicher ist, als andere Ausgaben. Für das Verständnis von Tao Te King empfehle ich dennoch eine andere Vorgehensweise. Anstatt dieser Ausgabe ist es meines Erachtens besser das Original von Laotse zusammen mit "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland" zu kaufen (beides in der Übersetzung von R. Wilhelm), denn das letztere stammt von wenig später nach Laotse lebenden Dschuang Dsi, der die zentralen Gedanken des Tao Te King in überragender Sprache in Form von Gleichnissen, Geschichten, bzw. verständlichen und zum Teil sehr amüsanten Lehrmeister-Schüler-Dialogen ausgeführt hat. Dschuang Dsi's Buch gilt nach dem Tao Te King auch als das zweite Hauptbuch des Taoismus. Es ist übrigens umstritten, ob das Tao Te King nicht auch von Dschuang Dsi selber stammt, und ob man Laotse nicht vielmehr als eine legendäre Person betrachten sollte. Laotse nimmt in Dschuang Dsi's Geschichten jedenfalls eine bedeutende Stellung ein und wird häufig als dem Konfuzius überlegener Denker dargestellt, wobei sich häufig direkte Verknüpfungen mit dem Tao Te King finden.
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