Wer die Augen vor der Wirklichkeit nicht ganz verschließt, dem kann es nicht verborgen bleiben: Unsere westlichen Gesellschaften befinden sich in einem grundlegenden Wandel. Alte Gewissheiten zerfließen. Vieles, was jahrhundertelang als gesichert gegolten hat, löst sich auf. Das gilt sowohl für die Naturwissenschaft, wo Relativitätstheorie und Quantenmechanik scheinbar unverrückbare Grundaussagen über den Haufen geworfen haben, als auch für das alltägliche Leben. Alles wird relativ, nicht nur in der Physik. Das Zeitalter der Moderne, das mit der Aufklärung und der Reformation angebrochen war, wird abgelöst durch die Postmoderne, die durch Relativismus, Kontextualismus und Dekonstruktion gekennzeichnet ist. Die einseitige Betonung der Ratio wird ergänzt durch eine neue Wertschätzung der Intuition und des Gefühls, die Dominanz der Naturwissenschaften und des kausal-deterministischen Weltbildes abgelöst durch ein Denken in Beziehungen und Zusammenhängen. An die Stelle des Reduktionismus, der alles in immer kleinere Einheiten zerlegt, tritt der Holismus, die Betrachtung von Ganzheiten. Durch vielfältige Kontakte mit anderen Kulturen wird deutlich, dass unsere westliche, moderne Sichtweise der Welt nur eine unter vielen ist. Intensive Begegnungen mit anderen Religionen bringen fest gemauerte christliche Dogmen ins Wanken.
Man kann diese Entwicklung beklagen und versuchen, sich dagegen zu stemmen. Man kann sich in die Wagenburg verschanzen und all die Entwicklungen "da draußen" standhaft ignorieren. Man kann sich auf das zurückziehen, was man schon immer für wahr gehalten hat und was unter allen Umständen die absolute Wahrheit bleiben muss. Oder man kann sich mit wachem Verstand und offenem Herzen auf die Wahrnehmung all dieser Veränderungen einlassen. Man kann sich und die eigenen Positionen infrage stellen lassen. Man kann prüfen, was sich bewährt und was nur Ausdruck einer bestimmten zeitgebundenen Weltanschauung ist.
Jens Stangenberg lässt sich auf die zweite Möglichkeit ein. Und er kommt zu dem Schluss, dass vieles, was wie eine grundlegende Infragestellung des christlichen Glaubens aussieht, gar nicht die Substanz des Glaubens als solche trifft, sondern lediglich die zeitgebundene Erscheinungsform, das modern- rationale oder auch die vormodern-mythische Verständnis der christlichen Botschaft. Der christliche Glaube ist weithin befangen im Weltbild der Moderne oder auch in prämodernen, scheinbar biblischen Denkstrukturen. Deshalb ist vieles, was an den Grundfesten des Glaubens zu rütteln scheint, lediglich ein Angriff auf eine bestimmte Weise, die Aussagen der Bibel zu interpretieren.
In seinem Buch analysiert Stangenberg die Denkvoraussetzungen der Postmoderne und zeigt, inwiefern sie "christliche Einseitigkeiten in der Moderne" enttarnt. Er zeigt auf, wo die Postmoderne Türen für den christlichen Glauben öffnet und wo ein Festhalten am Alten ebendiese Türen verschließt. Aus dieser Analyse zieht er erste Folgerungen für eine Gemeindearbeit, die nicht mehr bereit ist, in der Wagenburg zu verharren, sondern sich da abspielt, wo die Menschen leben.
In einem zweiten Teil vertieft der Autor die Gedanken noch. Inspiriert von der Diskussion um die "Emerging Church" ebenso wie von den Gedanken des integralen Philosophen Ken Wilber lässt er sich tief auf die Denkstrukturen der Postmoderne ein und zieht die Konsequenzen für ein Glauben und Gemeinde. Die wahre Postmoderne, die man auch als die integrale Epoche bezeichnen könnte, legt sich nicht mehr auf ein Weltbild fest. Sie analysiert die unterschiedlichen Weltbilder und spielt mit ihnen. Sie kann die magischen, mythischen, rationalen und mystischen Herangehensweisen an die Welt in ihrer jeweiligen Bedeutung wertschätzen und gleichzeitig ihre Grenzen erkennen. Die wahre Postmoderne schafft so nicht wiederum ein neues, begrenztes Weltbild, sondern jongliert mit den Stärken der unterschiedlichen Weltbilder und versucht gleichzeitig, deren Schwächen zu vermeiden.
Wie ein Ball, der auf einer Fontäne tanzt, frei beweglich und doch im Lot, ohne herunterzufallen, so führt die postmoderne Gemeinde ein Leben zwischen allen Extremen. Dieses Leben ist nicht immer einfach. Es ist anstrengend, immer wieder die Balance finden zu müssen. Es ist eine Herausforderung, die eigenen Denk-, Glaubens- und Lebensvoraussetzungen immer wieder zu überprüfen und neu zu bestimmen. Doch genau dies ist die Weise, unter den Bedingungen der Postmoderne der christlichen Botschaft eine glaubwürdige Gestalt zu geben.
Ein spannendes, kluges und notwendiges Buch! Allen zu empfehlen, die unter der Starre und Unbeweglichkeit ihrer Kirche leiden, die sich nach Alternativen sehnen und sich nicht damit zufrieden geben, die traditionellen Aussagen und Lebensformen ihrer Kirche zu wiederholen und zu verteidigen, sondern nach einer ehrlichen, verantwortbaren und zeitgemäßen Interpretation der christlichen Tradition suchen.