Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Autor wählt einen breiten Ansatz und kombiniert Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen und Lebensbereichen zu einem faktenreichen Porträt der beiden Länder. Es geht ihm um Parallelen und Zusammenhänge, um ein umfassendes und fundiertes Verständnis dessen, was sich im Fernen Osten abspielt. Die entscheidende Frage ist die nach den weltpolitischen Konsequenzen der neuen sino-indischen Kooperation. Zweifellos haben die beiden Länder das Potential, die weltpolitischen Gewichte neu zu justieren: Im 21. Jahrhundert wird eine Verschiebung des wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen globalen Epizentrums nach Asien erfolgen, prophezeit der Autor. Dennoch ist etwas verwegen, die beiden Ländernamen zu verschmelzen und von dem Aufbruch Chinindias in einer multipolaren Welt zu sprechen.
Dennoch ist die neue Achse eine Herausforderung nicht nur für die USA, sondern auch für Europa. Noch hat Europa eine Chance, zumindest die Dauer seines Auftritts im Zentrum der Weltbühne zu verlängern, mahnt Karl Pilny. Die aber hat es nur, wenn es sich mit einem überragenden Leistungswillen dem globalen Wettbewerb stellt. -- Winfried Kretschmer
Pressestimmen
01.01.2007 / Bilanz: Tanz der Riesen "Eine fundierte Übersicht über den asiatischen Strukturwandel."
06.07.2007 / Das österreichische Industriemagazin: Tanz der Riesen "Der Berliner Wirtschaftsjurist Karl H. Pilny war einer der ersten Autoren, der auf die Vormachtstellung der beiden Wirtschaftsriesen Indien und China aufmerksam gemacht hat."
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Tanz der Riesen. Indien und China prägen die Welt von Karl H. Pilny. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Bedeutung. Von den vier großen Weltreligionen Christentum, Islam,
Hinduismus und Buddhismus wurden zwei in Indien geboren, und China steuerte
den nach wie vor bedeutsamen Konfuzianismus bei. Von den vier frühesten
Hochkulturen der Erde, die in Ägypten, Mesopotamien, im Indusdelta und in
den großen Deltagebieten Chinas entstanden waren, haben nur die letzten
beiden überlebt. China wie Indien standen zivilisatorisch und kulturell
jahrtausendelang im Zentrum einer eigenen Welt. Zum größten Teil war die
Beziehung des konfuzianistisch geprägten Chinas und des hinduistischen
Indiens durch freundschaftliche Zusammenarbeit und kulturellen Austausch
charakterisiert. Indien gab China den Buddhismus, der sich von dort aus
weiter in die chinesische und südostasiatische Welt ausbreitete. Bis zum
Beginn des 18. Jahrhunderts gehörten sie zu den reichsten und mächtigsten
Nationen der Erde, die dann zeitgleich durch das Erstarken der europäischen
Kolonialreiche zur Bedeutungslosigkeit verdammt beziehungsweise zur Kolonie
herabgewürdigt wurden.
Beide Reiche litten stark unter dem Imperialismus der Westmächte. Während
China nach den verlorenen Opiumkriegen Anfang des 19. Jahrhunderts den
Status einer aufgeteilten, aber dennoch autonomen Nation, also einer
Halbkolonie hatte, gerieten große Teile Indiens direkt unter englische
Kolonialherrschaft. Etwa zur gleichen Zeit, in der Mitte des 20.
Jahrhunderts, betraten beide Nationen erneut die Bühne der Weltpolitik.
1949 wurde die Volksrepublik China ausgerufen und Indien erlangte 1947
seine politische Unabhängigkeit.
Hatten sie noch Anfang der fünfziger Jahre mehr oder minder gleiche
Ausgangsbedingungen, so erlangte China vor dem Hintergrund wachsender
Rivalität in den letzten Jahrzehnten einen großen Vorsprung gegenüber
Indien. Seit Anfang der neunziger Jahre ist Indien jedoch dabei, diesen
wieder aufzuholen. Nach einer vorsichtigen Annäherung in den vergangenen
sechs Jahren kam es im April 2005 nach dem Besuch von Ministerpräsident
Manmohan Singh in Peking zu einer historischen Wende in der Beziehung der
beiden Länder. Singh und Wen begrüßten das Zusammengehen der Brüder Indien
und China als den ersten Schritt zu einer Veränderung der Weltordnung. Das
asiatische Jahrhundert, das vor allem ein indisch-chinesisches sein soll,
werde eingeleitet durch die Brücke der Freundschaft. Diesen Worten folgten
Taten. Erstmals wurden ernsthafte Schritte zur Beilegung des langjährigen
Grenzkonfliktes unternommen. Im Bereich der Informationstechnologie stellen
sich erste Synergien ein: China ist inzwischen der größte Hersteller von
Computern, während Indien auf dem Weg ist, zum wichtigsten
Software-Produzenten aufzusteigen. Durch weitere umfassende Kooperationen
wie zum Beispiel dem Energiesektor soll das Handelsvolumen zwischen beiden
Ländern, das sich in den letzten fünf Jahren schon auf über 18 Milliarden
US-Dollar erhöht hat, bis zum Jahre 2010 nochmals verdoppelt werden.
Am wichtigsten ist jedoch das neue beziehungsweise alte Selbstverständnis
der beiden Länder. Indien und China betrachten sich nun eher als Partner,
die eine wichtige Rolle beim Aufbau einer neuen internationalen politischen
und wirtschaftlichen Ordnung spielen wollen. Zwar waren und sind die beiden
Länder Rivalen im Kampf um Märkte, Ressourcen und Einfluss in Asien, jedoch
erkennen beide die Notwendigkeit einer - zumindest - vorübergehenden
Kooperation an.
Vielleicht ist es möglich, durch die Schaffung einer historischen
Partnerschaft fortan gemeinsam die globalen Umwälzungen des asiatischen
Jahrhunderts zu gestalten. Wenn die beiden Riesen zusammen tanzen, wird
dies die Welt, so wie wir sie kennen, erschüttern. Ob diese beiden
gemeinsam tanzen werden oder jeder nur für sich allein, ist eine Frage, die
in Europa und Deutschland - die den Zenit ihrer Bedeutung wohl schon
überschritten haben - niemanden kalt lassen kann. Welche Auswirkungen hat
dieser Tanz auf uns? Kann man nur tatenlos zusehen oder sich auf die neuen
Verhältnisse einstellen? Im asiatischen Jahrhundert ist die Einschätzung
der wichtigsten Protagonisten in Asien Conditio sine qua non, um epochale
Umwälzungen zu begreifen und das eigene Verhalten auszurichten. Im Sog der
tanzenden Riesen können sich auch bei den restlichen Staaten und den
multilateralen Strukturen Asiens schon bald gravierende Zentrifugalkräfte
ergeben.