Nachdem ich von Andrea Maria Schenkels
Finsterau gerade ein wenig enttäuscht wurde, bekam ich wieder Lust, "Tannöd" zu lesen. Die große Diskussion, die der Roman vor fünf Jahren in den Medien ausgelöst hat, kenne ich leider nicht - ich habe ihn später hier entdeckt. Wirklich, das ist eines der Bücher, die ich nicht dank der positiven Rezensionen gekauft habe, sondern dank der negativen: Gerade ihre Argumente haben mich sehr neugierig gemacht. Deshalb habe ich mich jetzt entschieden, keine klassische Rezension zu schreiben, sondern diese Argumente möglichst nah am Text zu kommentieren und so zu begründen, was für mich das Besondere am Roman ist und warum ich seine Auszeichnungen für berechtigt halte.
- Das Buch ist "eine Aneinanderreihung von Zeugenaussagen, die den Eindruck erweckt, als sei sich die Autorin nicht sicher gewesen, ob sie eine Reportage oder einen Roman schreiben wollte"; ungeschickt erzählt, wirr, zusammenhanglos, ohne roten Faden:
Es gibt eigentlich ein ganzes Genre, das reale Ereignisse verarbeitet, indem es dokumentarisches Material nutzt und es collageartig zitiert - den Dokumentarroman. Er hat seine Vorläufer, aber als DER Klassiker gilt Truman Capotes
Kaltblütig: Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen, ein sehr detailreiches Buch mit einem Auktorialerzähler, das den Anspruch erhebt, das Ereignis mit allen seinen Hintergründen genau rekonstruiert zu haben und nichts anderes darzustellen als historische Wahrheit.
Man kann dokumentarische Fragmente aber auch anders nutzen: Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr das Ereignis selbst, sondern die Frage, wie darüber gesprochen wurde, denn aus der Sprache der Quellen und ihre Kontexte, die sehr banal und absurd sein können, lassen sich Rückschlüsse über die Gesellschaft ziehen und spielerisch mit Fiktivem verbinden. Man spürt diese Tradition hinter "Tannöd", aber er interpretiert sie auf eine eigene Art und Weise. Dort gibt es keine Originaldokumente mehr, alle Texte wurden von der Autorin verfasst, die Namen geändert und die Handlung versetzt.
Jetzt konkret zur Erzählstrategie: Ich weiß nicht, wie der so häufige Eindruck entstanden sein kann, der Roman bestehe aus Zeugenaussagen, bzw. Zeugenaussagen und Kapiteln aus der Sicht des Mörders (?). Es kann nicht am Hörbuch liegen, denn zumindest das auf CD erhältliche ist ungekürzt. Es gibt noch einen kurzen prologartigen Text, einen fiktiven Zeitungsbericht und Episoden in neutraler oder personaler Erzählperspektive (oder eine Mischung aus beiden), die den Zeugen und/oder das Opfer, von dem gerade die Rede war, zu je einem vergangenen Zeitpunkt vor oder nach dem Mord darstellen. Sie und die Zeugenaussagen sind nicht wirr und zusammenhanglos: Mindestens drei Texte beider Arten bilden zusammen eine thematische Einheit, bzw. Sequenz, die einem der Opfer gewidmet ist. Diese Sequenzen über die Opfer sind nicht linear aneinandergereiht, sondern greifen auch ineinander, und schildern den vermutlichen Tathergang des historischen Kriminalfalls konsequent rückwärts, mit Ausnahme zweier Morde, die im Roman einen Rahmen bilden.
- "Es wird ein grausamer Viefachmord im kleinsten Detail fast gebetsmühlenartig aus verschiedenen (fast identen) Perspektiven ca. 20 Mal wiederholt beschrieben":
Der Mord wird nirgendwo "im kleinsten Detail" beschrieben. Eigentlich wird er in der ganzen ersten Buchhälfte (bis zur Auffindung der Leichen) kein einziges Mal erwähnt. Die ZeugInnen, die als Ich-ErzählerInnen zu Wort kommen, berichten lediglich von ihrem Zusammenleben mit den Mitgliedern einer Familie Danner und ihrer Magd, Personen, die sie nicht einmal als tot bezeichnen. Wörter wie "Mord" oder "Opfer" tauchen nirgendwo auf. Der einzige Hinweis auf die Tat liefert in zwei Texten der Hof ("Dort haben sie sie ja gefunden. Alle." und "Dort haben wir sie dann gefunden").
Der Hof und der Stall spielen in den Texten eine besondere Rolle. Zwei Figuren sind auf dem Weg dorthin. Der Text endet, bevor sie ihn erreicht haben. Eine möchte dort hinfahren, wird aber aufgehalten. Zwei weitere stehen davor, trauen sich aber nicht hinein. Der Mörder befindet sich im Hof, achtet aber immer darauf, "um den Strohhaufen in der linken hinteren Ecke des Stadels einen Bogen zu machen".
Wie sind die Morde "beschrieben"? Eine Figur "atmet tief durch und geht hinein". Die zweite "geht hinaus, hinüber in den Stall". Eine weitere tut das Gleiche: "Verärgert geht er hinein und dort weiter, hinüber in den Stall". Alle drei Handlungen sind an dieser Stelle unterbrochen. Von einer Tat wird in nur drei Sätzen berichtet: "Steif und starr bleibt sie stehen. Der Blick auf die Tür gerichtet. Bis sie ohne ein Wort, ohne eine Silbe, von der Wucht des Schlages zu Boden fällt". Der Mord wird wieder nicht beschrieben - er findet ZWISCHEN den letzten zwei Sätzen statt. Und da ist noch ein Beobachter, der seine Augen schließt. Alle diese Texte sind im Präsens verfasst.
Man darf nicht vergessen, dass hinter dem Roman, den sich viele VorrezensentInnen klarer, spannender und dynamischer gewünscht haben, eigentlich das Leid und der Tod realer Menschen steht, und er entscheidet sich für folgenden Umgang damit: "Tannöd" macht wörtlich "einen Bogen" um ein Gräuel, das unaussprechbar und undarstellbar, aber gleichzeitig obsessiv präsent ist.
- Die Gebete haben nichts mit der Handlung zu tun. Sie wurden in das Buch aufgenommen, weil es zu kurz ist und die Seitenzahl gestreckt werden musste:
Eine Litanei ist ein öffentliches, gemeinschaftsstiftendes "Wechselgebet" zwischen einem Vorbeter und den Messebesuchern: Der Bittruf bleibt gleich und wird von der Gemeinde im meditativen Rhythmus des Rituals mehrmals wiederholt. Die Litanei korrespondiert mit dem übrigen Text nicht nur inhaltlich:
"Gott Vater vom Himmel, erbarme Dich ihrer!/Gott Sohn, Erlöser der Welt, erbarme Dich ihrer!/Gott Heiliger Geist, erbarme Dich ihrer!/ Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott, erbarme Dich ihrer!" (Litanei)
"Die Marie, die Marie [...]. Ja, ja, die Marie war bei mir als Haushaltshilfe. Na, bis ich ins Altenheim bin. Im Januar bin ich ins Altenheim. Eine gute brave Haushaltshilfe, die Marie. War eine ganz brave. Ganz brav. Hat immer alles schön erledigt." (Zeugenaussage)
- Die Figuren sind flach, banal, austauschbar, klischeehaft, oberflächlich beschrieben und reden alle gleich:
Die Sprache des Romans ist also genau wie die Litanei sehr repetitiv: Wörter und Wortgruppen werden immer wieder aufgegriffen und überbetont. In der zitierten Zeugenaussage taucht der Name Marie 13 Mal auf, in einem anderen Text das Wort "Messer" 21 Mal auf zwei Seiten. Was oben in der Mordbeschreibung auffällt, ist dass auch in mehreren Texten gleiche Sätze mit kleinen Änderungen zu finden sind. Das unterstreicht den kollektiven Charakter des Gebets und ritualisiert auch den Mord, der im Mittelpunkt der Gemeinschaft steht. So entsteht der Eindruck, als würden auch die Figuren "gleich" reden und "austauschbar" sein. Der Sprachrhythmus, die Art und Weise, wie Wörter aufgegriffen werden, und der Aufbau der Texte sind aber anders und erzielen unterschiedliche Texteindrücke: beim kleinen Mädchen linear und offen, bei der alten Frau zyklisch und geschlossen. Wenn man etwa die Zeugenaussagen der alten Frau und des Monteurs miteinander vergleicht, merkt man weitere Unterschiede: Der erste Text besteht aus Hauptsätzen (parataktischer Satzbau), der zweite ist umständlicher, mit vielen Nebensätzen (hypotaktischer Satzbau). Oder sehr offensichtlich: Der Vergleich zwischen den bürokratischen Floskeln des Bürgermeisters und der Sprache aller anderen Figuren. In den Zeugenaussagen kann man Parallelen und Variationen entdecken, die sicher gewollt sind und keine "mangelnde Kreativität und Stilgewandheit der Autorin".
Die Figuren sind nicht flach und oberflächlich, die Inhalte sind nicht sensationalistisch wie erwartet. Darüber hinaus fehlt Identifikation, in der Regel mit einem Ermittler, der ihr Handeln deutet und wertet, etwas, was nicht unbedingt Tiefe garantiert, aber sie erfolgreich vortäuschen kann. Richtig schlimme Klischees gibt es eben dann, wenn eindeutige Aussagen getroffen werden. Dass alle DorfbewohnerInnen "total unterbelichtet" seien, ist aber eine Interpretation und keine unzweideutige Behauptung des Romans - ich zum Beispiel habe dort viel Empathie entdeckt. Was er bietet, sind Momentaufnahmen, die um den Mord kreisen, aber auch um das Verdrängte jeder Figur, und gerade im Banalen offenbart sich ein Schrecken, das unausgesprochen bleibt ("erbarme Dich ihrer", aber auch "erbarme Dich unser"). Dieser Schrecken braucht nicht einmal allein auf das Thema Dorf beschränkt zu sein.
Da sich das Argument Oberflächlichkeit auch auf den Umgang des Romans mit dem Thema Religion bezog: Es stimmt, die Religiosität der Figuren hat keinen kausalen Bezug zum Mord. Ich liebe ihre ambivalente Wirkung, die sich als alles Mögliche empfinden lässt, als bitterer Sarkasmus, emotionaler Exzess oder eben beides.
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