Sechs Menschen sind vor zwei Jahren auf einem Aussiedlerhof erschlagen worden, der Mörder läuft noch frei herum. Ist es einer aus dem Dorf? Warum wurde eine Familie so grausam ausgelöscht?
Der Film ist bildgewaltig und düster - wenn Kathrin nicht im Bild ist. Den Geist von "Tannöd", von Leuschners "Hinterkaifeck" oder gar der damaligen Realität (an dem er sich bei dem Publikum, das sich mit Hinterkaifeck beschäftigt hat, eben auch messen muss) fängt der Film leider nur unzureichend ein.
Der Roman, auf dem er basiert, Schenkels "Tannöd", ist ein Puzzle aus Gedanken von sehr verschiedenen Menschen, die über die Opfer eines Verbrechens sinnieren. Durchsetzt sind die Monologe von der ewigen Litanei des Rosenkranzes; das Gemurmel, sofern man es kennt, ist fast hörbar. Außerdem ist "Tannöd" eine raffinierte Krimiquintessenz des realen Kriminalfalls von Hinterkaifeck, den der Journalist Leuschner vor Jahren im gleichnamigen Sachbuch akribisch beleuchtete. Allerdings legt sich Leuschner auf keinen Mörder fest. Wie auch.
Nah an Schenkels Buch zu bleiben, hätte wohl zur Folge gehabt, einen Nischenfilm fürs Programmkinopublikum zu schaffen. Im Film kommt nun neu die Hauptdarstellerin Kathrin (Julia Jentsch) als gleißende Lichtgestalt ins Spiel, die zwei Jahre nach dem grausigen Verbrechen ins "Morddorf" kommt, um ihre Mutter zu beerdigen. Ihr Schicksal wird mit dem Dannerhof verknüpft, vermutlich deshalb, um wenigstens halbwegs logisch erklären zu können, warum sie so stark als Katalysator wirkt. Fortan steht sie im Zentrum der unaufgeklärten Morde, genauso angewidert wie angezogen. Beinahe ebenso stark wird Traudl positioniert, die Schwester der ermordeten Magd. Sie hat die Marie nur wenige Stunden vor der Tat auf den Hof gebracht. Von Wut und Schuldgefühlen getrieben, gibt sie keine Ruhe. Sie will Wahrheit und Bestrafung, um Seelenfrieden zu finden. Monica Bleibtreu glänzt hier in ihrer letzten großen Rolle.
Die beiden Hauptdarstellerinnen agieren ambitioniert, was nichts daran ändert, dass ihre Figuren wesentlich dazu beitragen, dass man sich weit von der authentischen Atmosphäre entfernt, die "Tannöd" zu einem besonderen Buch gemacht hat. Gewiss, die Kulisse ist perfekt, Frisuren und Kleidung sowieso, auch auf Details wurde viel Sorgfalt verwandt, wenn man von den strahlend weißen, teuren Zähnen in älteren Gesichtern einmal absieht. Still steht der dräuende Wald und oft nicht so still, ganz wie dramaturgisch gewünscht. Karg ist die Landschaft, und tiefster Winter, als das Verbrechen geschieht; hell und leuchtend, wenn Kathrin rund zwei Jahre später in den Sog des unheimlichen Gehöfts gerät. Das ist in die Zeit des Mordes eingefroren, samt Rauchfleisch (durchsetzt mit ein paar Maden, immerhin), Blutflecken und Hofhund, der mit einem abgerissenen Strick um den Hals durch die Gegend streunt. Der Film nimmt Fahrt auf, und der so gewollte damalige Zeitgeist wird zum Opfer seines Fortkommens. Dieser hätte Mägden mit unehelichen Kindern keine "große" Beerdigung mit Leichenschmaus im Dorfwirtshaus gegönnt, den streunenden Hund schon längst erschossen, der Schwester der toten Magd das Maul verboten und dasselbige dem "Bankert" gegenüber hart verschlossen. Und ganz gewiss wäre der Herr Pfarrer nicht in den Wald gegangen, um, Bares hin oder her, der dekorativ auf Tannennadeln knienden Sünderin im Schatten des Gekreuzigten die Absolution zu erteilen. Das ist, mit Verlaub, Schmarr'n, genauso wie die geschwätzige Lagerfeuerromantik der Dorfbewohner. Die Figuren Kathrin und Traudl funktionieren nicht, sie nehmen, besonders Kathrin, in der strengen Hierarchie des Dorfes Plätze ein, die ihnen nicht zustehen und die man ihnen nicht überlassen würde.
Die Autorin mag der Regisseurin manche Freiheiten erlauben und mit der Verfilmung ganz zufrieden sein, das leise Bedauern jedoch bleibt bei den Betrachtern, die weder süßliche noch düstere Heimatfilme sehen wollen, wohl aber stimmige Filme über das komplexe, nur allzu oft brüchige Gefühl, das unter dem Oberbegriff "Heimat" haust. Bleibt also die Hoffnung, dass "Tannöd" noch einmal verfilmt wird, anders, vielleicht sogar auf der Grundlage des Sachbuchs, aus dem man viel über vergangene Polizeiarbeit und ihren aus heutiger Sicht so eingeschränkten Möglichkeiten erfahren kann. Bis es so weit ist, kann man sich mit der Dokumentation über Hinterkaifeck trösten, die, Tannöd sei Dank, nun auf DVD zu haben ist und der so gar nichts heimatfilmmäßiges anhaftet. Allerdings stellt sich hier wie in Leuschners Buch sehr schnell die Frage, ob "Hinterkaifeck" heute noch möglich wäre. Moderne Kriminal- und Medizintechnik würden vielleicht sehr schnell zur Aufklärung des Falls führen. Ob im realen Fall der Vater der Tochter tatsächlich auch der ihrer Kinder ist, ließe sich unter Umständen sogar noch heute feststellen. Aber vielleicht verstellt der die Fantasie erhitzende vermutliche Inzest ja den Blick auf das, was vielleicht wirklich geschah. Der Bauer von Hinterkaifeck war nicht nur ein finsterer Geselle, sondern vermutlich auch kriminell. Dass er mit Kriminellen Geschäfte machte, scheint erwiesen zu sein. Auch war er mit seinem ständig wechselnden Personal nicht wählerisch. Die harmlose Magd Marie allerdings scheint ein trauriges Beispiel perfekten Timings zu sein, sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufzuhalten. Nicht alle aber waren so harmlos wie sie. Vielleicht mussten diese Menschen auch nur deshalb sterben, weil sich der oder die Täter aus unbekannten Gründen noch eine Weile auf den Hof aufhalten wollte(n) oder musste(n) und nach einem eskalierenden Streit oder Übergriffen oder gar Plan alle Zeugen kaltblütig ausschaltete(n). Der erste Weltkrieg war noch nicht lange zu Ende, er hatte seine Gespenster und Monster in einen brüchigen Frieden entlassen. "Tannöd" ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass das Leben allemal jeden Film übertrumpft: Ein Bruder des ermordeten Bauers bewirtschaftete noch geraume Zeit den Hof, bevor er abgerissen wurde. An diesem Ort wurden seine Verwandten nicht nur ermordet, sondern auch gleich unter freiem Himmel obduziert. Dabei wurden für spätere Untersuchungen die Köpfe von den Leibern getrennt. Die Opfer von Hinterkaifeck sind kopflos beerdigt worden. Da kommen einem Schenkels "Tannöd" und dieser Film schon beinahe idyllisch vor.