Dass M. A. Numminen seit langem leidenschaftlicher Finn-Tanguero ist, bewies er schon 1966. Der damals von ihm getextete und später von Fritz Grünbaum ins Deutsche übersetzte Tango „Ich mit meiner Braut im Parlamentspark" war wegen angeblicher (und wohl durchaus beabsichtigter) Verhöhnung des finnischen Parlaments eine Zeitlang verboten. Mit dem nun im Deutschen vorliegenden Roman „Tango ist meineLeidenschaft" legt Numminen Bekenntnis ab. Genauer: Er lässt seinen Protagonisten Virtanen schon vorweg bekennen, dass seine Antwort auf die vielgestellte Frage nach dem Sinn des Lebens nur eine ist: Tango. Das macht denen unter uns, die Tangueros sind, den Romanhelden Virtanen freilich sympathisch, auch wenn er sich im Lauf des Romans eher als sympathischer Antiheld denn als Held entpuppt. Kein Roman ohne Held, kein Held ohne Konflikt. Virtanen, 35 Jahre alt und von Jugend an Tango- sowie Philosophie-infiziert, hat ein Problem: Mit fünfzehn liest er Platon, der gesagt haben soll, dass Frauen mit 24 und Männer mit 35 reif für den Geschlechtsakt seien. Um Platon zu übertreffen, setzt sich Virtanen in den Kopf, mindestens bis zum 36. Lebensjahr unberührt zu bleiben. Seine (Tango-)Natur indes widersetzt sich diesem Keuschheitsvorhaben, wie Numminen auf amüsante, sehr direkte Art Virtanen erzählen lässt. Nur gut, dass wir hierzulande nicht wissen, wie der finnische Gehtango geht! Virtanens Konflikt - übrigens so alt wie eine Grundfrage der Philosophie, nämlich die nach der Dichotomie von Körper und Geist, Natur und Kultur - verschärft sich, als er sich in Anja verliebt. Seine Leidenschaft beginnt zunehmend, Leiden zu schaffen. Schließlich kommt es zur tragischen Eskalation, sine qua non bei einem Roman über den Tango, den finnischen zumal. Numminens Roman ist aber nicht nur eine tragikomische finnische Liebesgeschichte, die ein Karausmäki-Filmdrehbuch sein könnte, er ist auch und ganz besonders eine ausführliche Einführung in die Geschichte des finnischen Tangos. In zahlreichen Kapiteln - wechselweise zu den Romankapiteln durch unterschiedliche Schriftart abgehoben - gibt Numminen nachgerade liebevoll Einblick in die Besonderheiten des Finn-Tangos, seine Komponisten, Texter und Interpreten. Gleichzeitig lässt sich das Buch als Führer für Tangotouristen zu den gängigsten südfinnischen urbanen (Helsinki, Turku) und ruralen Sommertanzschuppen, Tangoschwofhallen, Tangolokalen und -märkten (Seinäjoki) lesen. Eine Finn-Tango-Chronik, die Auflistung der finnischen Tango-Dynastien von 1985-1999 sowie ein Verzeichnis der knapp 300 im Buch genannten Musiktitel rundet den Informationsgehalt ab. Die Stärke der Vielseitigkeit dieses Buches ist jedoch zugleich seine Schwäche. Literarisch interessierte Nichttangueros werden die tangogeschichtlichen Details überblättern, musik-, populärkultur- und finnlandinteressierte Leser mag der Phallozentrismus des Autors stören und Tanzfanatiker werden Details zum Grundschritt des finnischen Gehtangos vermissen. Jenen jedoch, die vorbehaltlos von sich behaupten können: „Tango ist meine Leidenschaft", sei die Lektüre dieses Buches wärmstens empfohlen.