Neue Zürcher Zeitung
Ein Roman von M. A. Numminen
Der Tango gehört genauso zu Finnland wie die Sauna. Zehntausende strömen alljährlich in die Stadt Seinäjoki zum «Tangomarkt», der in der Wahl der Tangokönigin und ihres Tangokönigs gipfelt. «Tango ist meine Leidenschaft»: Die Geschichte des finnischen Tangos skizziert der 1940 geborene Schriftsteller M. A. Numminen in seinem jüngsten, essayistisch geprägten Roman, und er erzählt ausserdem von den Liebesnöten des tangobegeisterten Zeitgenossen Virtanen.
Nun sind die Finnen (angeblich) umso glücklicher, je unglücklicher die Melodie ist, und ihr Tango hat in aller Regel eine absteigende Melodie in Moll. Der morbide Zug des Tangos harmoniert mit finnischer Melancholie: «Doch wenn von den Lippen dein / Gift trink ich, / dann ist der Tod mein; / das weiss ich sicherlich.» Den Tango der Argentinier bestaunen die Finnen, und ihr Sängervirtuose Eino Grön, ein ehemaliger Ringkämpfer, ist in Argentinien unter Begeisterungsstürmen aufgetreten. Zu argentinischen Rhythmen drehen möchten sie sich aber nicht: Während in Argentinien Rhythmus- und Tempowechsel wichtig sind für den erotischen Kitzel des Tanzes, ist es ein gleichmässiger Takt, der den Finnen anmacht und seine Finnin mit ihm. Der Komponist Toivo Kärki beschreibt den finnischen «Geh-Tango» als Mixtur aus slawischer Romantik und deutschem Marschschritt. Ziehharmonika und Schlagzeug sind die markanten Instrumente der Kapelle.
Der Schlüssel zum Erfolg populärer Musik in Finnland ist der Text. Der Tango kam 1913 nach Suomi, und die Texte wurden nach und nach der nordischen Szenerie angepasst («Schneeflocken-Tango»). Seine Seele fand das Genre dann im Zweiten Weltkrieg mit Liedern, die die Sehnsucht und das Verlangen von getrennten Liebenden besangen. Der Tango stützte die Kampfmoral an der Kriegs- und an der Heimatfront. Diese Tradition steckt, laut Numminen, noch tief im kollektiven Bewusstsein der Nation. So reagierten die Finnen wiederholt auf die Dominanz ausländischer Musik, indem sie sich mit ihrem Tango identifizierten. Der Boom der fünfziger Jahre war eine Reaktion auf den Versuch, aus Finnland eine Jazznation zu machen, und die Welle zehn Jahre später ein Protest gegen die angelsächsische Popmusik. Damals vertonten Tangokomponisten wie Unto Mononen Texte bekannter Lyriker. Kaj Chydenius schuf den «Hiroshima Tango». Und so mancher Intellektuelle kämpfte im Tangotakt für die Benachteiligten.
Die Jahrhundertstimme aber gehörte Olavi Virta (191572), der 600 Schallplatten aufnahm. Als er wegen Trunksucht zu einem Entzugsaufenthalt in einem Arbeitslager verurteilt war, liess er an jenem bösen Ort seine Brille auf den Boden fallen, damit er nach Helsinki fahren durfte, um sie reparieren zu lassen. Unterwegs machte er, angetan mit einem Suomi-Trainingsanzug, Plattenaufnahmen. Das war eine Aktion, die ihm die Seelen der jungen Finnen öffnete. Heutzutage gelangen Tangos freilich kaum mehr in die Charts.
Der literarische Humor der Finnen, wie er uns etwa auch in den Romanen Arto Paasilinnas begegnet, ist spleenig und burlesk. Numminens Ich-Erzähler Virtanen nun, ein leidenschaftlicher Tangotänzer, hat ein «philosophisches Prinzip». Er will den keuschen Griechen Platon übertrumpfen und bis zu seinem 36. Geburtstag enthaltsam leben. Danach möchte er geniessen, was Eros an Geschenken bringt. Das ist kein einfaches Projekt, denn der arme Mann erhält beim Tango eine Ahnung davon, «was Geschlecht ist». Zu seinem Entsetzen muss er erleben, dass die Frauen Erotik für ein fleischliches Verlangen halten. Kaum eine, die versteht, dass Erotik über den Tango geistig sublimiert wird. Kein Wunder, dass sich der Bedauernswerte pervers entwickelt. Eine Peitsche führt er mit sich, mit der er sein eigenwilliges Glied zur Raison zu bringen pflegt. Abgründe tun sich auf unter Numminens derbem Männerwitz. Dass die Christen durch ganze Zeitalter hindurch «mit bösem Gewissen Kinder zeugten», argwöhnte bereits Nietzsche. Im Kern steht Numminen in der Tradition jener freilich sublimeren finnischen «Flaneure» vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die ihren Leichtsinn nur verschämt zu geniessen wagten, was immerhin ihre literarischen Kräfte entfesselte. «Verborgen im Park des alten Schlosses / eine schwarze Rose steht . . .»
Aldo Keel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Virtanen liebt den finnischen Tango über alles. Er ist obsessiver Kenner, und Tag für Tag zieht es ihn schon am Nachmittag in die Tanzlokale von Helsinki, um sich ausschliesslich und mit Leidenschaft jenen Melodien in Moll hinzugeben, zu denen man In Finnland nicht tanz, sondern geht.
Virtanen liebt jedoch auch Platon, den griechischen Philosophen, welcher den Männern seines Phantasiestaates erst mit fünfunddreissig Jahren ein annehmbares Mass an Reife zum Liebesvollzug zuerkennt. Auch tritt Virtanen an zur Übertrumpfung: Er möchte seine "Jungfräulichkeit" noch ein Jahr länger bewahren - auch Reife hat Ihren Superlativ. Ein Unternehmen übrigens, welches in denkbar weiter Ferne zu Virtanens erster Leidenschaft steht und denn auch zu fortgesetzter Selbstkasteiung ganz eigener Methodik gerät. Denn haben Sie jemals Tango getanzt ohne sich durch die Bewegungen Ihrer Partnerin zu entlegeneren Träumen inspirieren zu lassen?
Vor allem aber liebt Virtanen eine Frau, die er wenige Monate vor seinem sechsunddreissigsten Geburtstag auf dem Parkett kennengelernt hat und deren Duft die verbleibenden Wochen zu einem Marathon werden lässt aus Verführung und Verzicht, Begehren und Betrug, Lust und Leid, dessen Ziel ebenso unabsehbar wie gefürchtet ist...Wir Finnen sind ja umso glücklicher, je unglücklicher die Musik ist. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.