Zunächst das Positive:
Es werden Bezüge hergestellt zur wirklichen Tangowelt, Buenos Aires wird erwähnt, auch Hinweise auf die Tango-Szenen in Deutschland und dem übrigen Europa fehlen nicht, allerdings ist dieser Informationsteil des Buches recht beliebig und unsystematisch zusammengestellt, aber OK, soweit akzeptabel als Schmökerlektüre für Laien ...
Aber:
Die Autorin disqualifiziert sich selbst mit dem Hinweis darauf, daß der argentinische Tango in einer ADTV-Tanzschule erlernbar sei, zudem noch mit Qualitätsanspruch! Leider spricht die Realität eine ganz andere Sprache: Es existiert keine einzige ADTV-Tanzschule in Deutschland, die kompetent wäre, Tango zu unterrichten. Auch fristen alle diese Tanzschulen in der Tangowelt ein Schattendasein und sind vom eigentlichen Tangogeschehen völlig isoliert. Dies oft allein schon aus gewollten Gründen der Gewinnmaximierung! Siehe hierzu meine Artikel in der Fachzeitschrift TANGODANZA 3/2002 und 4/2003, die dort geschilderten Zusammenhänge, insbesondere auch die Verflechtungen ADTV/TAF/IDO sind leider noch immer aktuell.
Ein "Tanzlehrer", der sich anmaßt, nach ein paar Stunden am Wochenende mit Hölters/Schürmeyer aus dem Ruhrgebiet und einem "Lehrvideo" von Ricardo und Nicole in der Tasche zahlungswilligen Tanzschulbesuchern Tango nahebringen zu wollen, sich "Fachlehrer Tango Argentino" zu nennen (eine Qualifikation und Begrifflichkeit, die in der Realität nicht existiert!), bewegt sich so weit weg von der Essenz dieses Tanzes und Lebensgefühls, daß es eine Respektlosigkeit darstellt gegenüber dem Tango und all denen, die sich seit Jahren ernsthaft (!) mit dieser Materie befassen, die Zeit und Energie in eine umfassende Ausbildung bei verschiedensten argentinischen Meistern investiert haben und einen Unterricht auf hohem didaktischen Niveau anbieten!!
Und gottlob gibt es keine vereinheitlichte Tangolehrer-Ausbildung, keine vom ADTV gerne gesehene Standardisierung, denn das gerade ist das Wesen des Tangos: Absolute Individualität und eigene Stilfindung und -bildung. Improvisation und Kreativität und eben kein schematisches Tanzsportgeschehen! Der Tango ist möglicherweise der einzige Paartanz, der nicht über die Form, sonder über den Modus definiert wird. Klar ist, dass auf Grund dieser Freiheitsgrade die wirtschaftliche Erschließung des Tangophänomens seitens des ADTV erschwert wird, und das ist gut so!
Zurück zum Buch:
Jedenfalls haben die dargestellten "Tanzfiguren" (zum Teil deutsche Phantasiegebilde mit spanischklingenden Namen, Beispiele: "Valentino", "Eskapada") mit Tango so viel zu tun, wie ein Fisch mit einem Fahrrad. Niemand in Argentinien würde diese „Figuren" in dieser Weise benennen geschweige sie so tanzen wie es hier in eingedeutschter Form propagiert wird!
Die Beschreibungen beschränken sich leider nur auf die abzulaufenden Schritte, ganz in Tanzschulmanier, leider keine Ansätze, den Tango an sich zu vermitteln: Die Kommunikation innerhalb der Paarbeziehung, die Umarmung als zentrales Geschehen, die notwendige Körperarbeit, um überhaupt in die Lage zu kommen, tanzen zu können. Keine Ansätze, die verschiedenen Führungs- und Folgekonzepte zu erklären, die es gibt. Nein, es wird lediglich ein blasses Abziehbild gezeigt. Kein Tango in diesem Buch. Schade!!
Letztlich zeigen sich auch einfach zu viele fachliche Mängel, auch in der bildlichen Darstellung, für die man Tanzpaare aus dem Anfänger-Niveau herangezogen hat. Auf den Photos ist zu erkennen, daß den Paaren teilweise die elementaren technischen Grundlagen fehlen. Zum Teil sind wesentliche Konzepte des Tangos, was die Kommunikation innerhalb des Paares betrifft (vereinfacht: Führen und Folgen), von der Autorin (noch) nicht verstanden worden, Beispiele: Kapitel Drehungen (die Leser werden ermuntert, die entsprechenden Schritte ohne Führung abzutanzen, zu reproduzieren! Dabei ist Tango ein kreativer Prozeß, eine ständige Improvisation! Kein Wort (wie auch ;-)) zur Art der Führung, zum aktiven Folgen der Frau, stattdessen eine Anleitung zum schematischen Abspulen auswendig gelernter Abläufe ..., oder Thema Voleos und Ganchos: Hier wird besonders deutlich, daß die Autorin bei Gustavo Naveira nocheinmal nachsitzen sollte: Kein Hinweis auf das mittlerweile entscheidende etablierte Konzept der "contrapasos" der "Renovadores", was bereits seit den neunziger Jahren bekannt ist, aber eben nur in Fachkreisen, damit meine ich nicht den ADTV! ;-)
Fazit:
NICHT empfehlenswert! Und seien wir ehrlich. Es ist sowieso eine Schnapsidee, jedwelchen Tanz mittels eines Buches oder auch eines Videos erlernen zu wollen, investieren Sie lieber etwas mehr Geld in eine Privatstunde bei Tangolehrern in Ihrer Stadt. Das ergibt einen Sinn und verschafft Ihnen einen wirklichen Einblick in dieses so komplexe wie faszinierende Geschehen. Aber Obacht: Hinterfragen Sie in jedem Fall die Qualifikation der Lehrenden! Bei selbsternannten „Profis" oder „Fachlehrern" à la ADTV ist Skepsis angebracht!