Zur neuen 5D3 musste nun doch mal ein Vollformat Standardzoom her, auch wenn ich eher Festbrennweitenfreak bin. Mein Profil: langjährig erfahrener Amateur, Schwerpunkt Naturfotografie, aber auch gerne (Stadt-) Landschaft, Portrait, Street. Der Standardzoom ist bei mir kein Immerdrauf, daher musste es nicht unbedingt das neue, grob doppelt so teure
Canon EF 24-70mm f/2.8L II USM Standard-Zoom Objektive sein. Tja, und da ist dieser neue lichtstarke Tamron-Zoom eine verlockende, preisgünstige Alternative. Er hat sogar ein Stabi, was dem neuen Canon unverständlicherweise fehlt. Und sogar ein moderner Ultraschallantrieb steckt drin, für mich als ehemals Tamron-Zermürbtem (laut-lahmes "Rrrrrr" & Fokus trotzdem wieder daneben) ungewohnt.
Eigentlich wollte ich nie wieder Objektive von Drittanbietern, und - bingo! - das erste Exemplar dieses Tamrons erwies sich gleich als Gurke. Neigung zum irre ratternden Fokuspumpen, Autofokus (AF)-Feinjustage half nicht. Gleiches Bild an meiner 7D und der alten 50D, es war also eindeutig das Objektiv. Amazon nahm es netterweise umstandslos zurück (mein erstes Mal...). Das zweite Exemplar besorgte ich mir dann doch lieber für leider 100 Euro mehr beim lokalen Händler, weil ich es dort im Laden testen konnte. Und das funktionierte gleich perfekt. Der Schnelltest zeigte auch, dass seine Linsen ordentlich gerade justiert sind (alle Bildränder gleich scharf). Schepp eingebaute Linsen sind nämlich ebenfalls eine alte Tamron-Krankheit dank arg entspannter Endkontrolle. Und jetzt bin ich richtig angetan!
Zum Wesentlichen, der Optik: Das Tamron zeigt am Vollformat (!) ausgeprägte Stärken und Schwächen, die allerdings typisch für solche lichtstarken Standardzooms mit dicken Linsen sind (optische Kompromisse unumgänglich). Bei Offenblende ist das Tamron vor allem zu den Bildrändern hin etwas weich, aber durchaus noch akzeptabel für z. B. freigestellte Portraits. Ab Blende 4 wird es durchgängig schön scharf. Auffallend stark ist die Vignettierung bei Offenblende in allen Brennweiten. Aber auch die verschwindet mit dem Schließen der Blende schnell. Vignettierungen fallen ja vor allem bei Landschaften unangenehm auf (Himmel), und die fotografiert man meist mit einer kleineren, beim Tamron unproblematischen Blende. Achtung: die inzwischen sehr gute Korrektur von Objektivfehlern in der 5D3 (Vignettierung + neuerdings Farbsäume) bei JPEGs funktioniert mit Fremdobjektiven nicht. Gewaltig ist allerdings die tonnenförmige Verzeichnung bei 24 mm, die zum Glück beim Drehen am Brennweitenring schnell abbaut. Da liegen schon Welten zwischen so einem Zoom und spezialisierten Weitwinkel-Festbrennweiten (z. B. von Zeiss). Zu 70 mm hin wechselt die Verzeichnung ins Kissenförmige, was etwa bei Stadtaufnahmen ebenfalls nachträgliches Entzerren nötig machen kann.
Bokeh: Malerische Hintergrundunschärfe ist bei lichtstarken Optiken ab f = 2.8 definitiv ein Thema, wenn man kreativ fotografiert. Und da schlägt sich das Tamron sehr ordentlich. Wenn viele Spitzlichter außerhalb der Fokusebene mitspielen, kann das Bokeh etwas unruhig werden (ist auch wieder typisch für solche Zooms). Dafür aber macht das Tamron mit seiner edlen 9-Lamellenblende schön runde Reflexe. Insgesamt ist das Bokeh prima, auch wenn es an topp Festbrennweiten natürlich nicht heran kommt.
Stabi, Autofokus: Das Stabi ist ein großer Pluspunkt, mir sind mit dem Tamron schon scharfe Handschüsse bei 1/5 s gelungen (im Silent-Modus an der 5D3, der den Spiegelschlag sehr effizient abdämpft). Super. Der Ultraschallantrieb ist leise und an der EOS 5D3 auch insgesamt recht zuverlässig und präzise. Allerdings nicht der Schnellste, das muss betont werden. Bei Action sollte man auch besser das Stabi ausschalten, weil sich das Tamron-VC anders als das Canon-IS erst nach dem Auslösen spürbar einschwingen muss und das Fokussieren verzögern kann. Hier dürfte das neue EF 24-70/2.8 den Hauptvorteil mitbringen: Es hat Canons AF-Antrieb der neuesten Generation. Dabei gibt ein empfindlicher Drehwinkelsensor im Objektiv dem AF-System der 5D3 eine genaue Rückmeldung über die Position der beweglichen Linsen, was den schnellen Phasen-AF so präzise wie den langsamen Kontrast-AF macht. Wer also mit dem Standardzoom das super AF-System der 5D3 (und 1DX) voll ausreizen und damit viel Action fotografieren will, fährt mit dem Canon mit Sicherheit wesentlich besser. Mich stört's nicht so, weil ich in solchen Situationen immer L-Teles/Telezooms von Canon einsetze. Also reicht mir das etwas betuliche Tamron erst mal.
Haptik & Verarbeitung: für den Preis sagenhaft gut! Wer nicht über technischen Präzisionskunststoff grundsätzlich die Nase rümpft (auch manches edles L-Objektiv von Canon ist in gehobenes Plastik eingefasst), der kann nur begeistert sein. Der Fokus- und der Zoomring laufen sauber, feinfühlig und zugleich stramm genug, ohne labbriges Spiel. Der netterweise zur Ausstattung gehörende Fokus-Lock-Schalter ist eigentlich überflüssig (ich würde ihn lieber auf mein Canon EF-S 17-55/2.8 mit seinem rutschenden Tubus verpflanzen). Der Zoomring dreht anders herum als bei Canon, aber daran gewöhnt man sich schnell. Der Fokusring ist lang genug übersetzt, um damit auch manuell feinfühlig einstellen zu können.
Fazit: Wer nicht den superschnellsten Autfokus braucht und bei Offenblende auf das letztmögliche Quäntchen Schärfe, das auf dem Markt zu haben ist, verzichten kann, findet in dem Tamron-Zoom eine tolle Alternative zu Canons neuem 24-70/2.8. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist super, sofern man ein gutes Exemplar erwischt. Im Gegensatz zum Canon kriegt man ein hoch effizientes Stabi. Für die optischen Schwächen, den etwas langsamen AF-Antrieb und das Einkaufsrisiko gibt es zusammen 1 Stern Abzug (2 Sterne wäre mir zu hart).
Pluspunkte (optische bezogen auf Vollformat):
++ super Mechanik
++ super Verarbeitung
++ super Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn man denn ein gutes Exemplar erwischt.
+ insgesamt ordentliche Optik für so einen Zoom
+ für so einen lichtstarken Zoom angenehm geringe Neigung zu Farbsäumen (chromatische Aberration) an kontrastreichen Motiven
+ akzeptable Verzeichnung - außer an den Brennweitenenden
+ gutes Bokeh dank 9-Lamellen-Blende
+ sehr gutes Stabi, abhängig von Fotografinnenhandschüttler und Spiegelschlag durchaus bis 4 Blenden Gewinn drin
+ guter, leiser Ultraschallantrieb
+ Spritzwasserschutz
+ Fokus-Lock-Schalter
+ ordentliche Streulichblende
Neutral:
o Filterdurchmesser von 82 mm kann Neuanschaffungen erforderlich machen.
Minuspunkte (optische bezogen auf Vollformat):
-- Rrrrriiisiiikooo beim Kauf: Wahrscheinlichkeit für Ärger mit dem ersten Exemplar deutlich höher als bei Originalobjektiven
- krasse tonnenförmige Verzeichnung bei 24 mm
- kissenförmige Verzeichnung bei 70 mm kann bei bestimmte Motiven auffallen
- sehr starke Vignettierung bei Offenblende in allen Brennweiten
- keine automatische Korrektur der Objektivfehler bei JPEGs in der Kamera
- AF-Antrieb nicht der Schnellste
- bei Action kann aktiver VR (Stabi) merkliche Auslöseverzögerungen verursachen
FUSSNOTE für alle, die den Autofokus selbst feinjustieren:
Das Standardverfahren z. B. mit Spyder Lenscal besteht ja darin, bei Offenblende (= geringstmögliche Schärfentiefe) eher im Nahbereich feinzujustieren (im Fernbereich schrumpft das Lenscal bei so einer Linse eh schnell auf unbrauchbare Minigröße). Die 5D3 erlaubt zudem schickerweise die getrennte Kalibrierung von Weitwinkel und Tele. Doch Vorsicht! Das Tamron verhält sich vor allem bei 70 mm im Nah- und Fernbereich sehr unterschiedlich. Beide Exemplare, die ich durchgetestet habe, zeigten im Nahbereich einen gewaltigen Frontfokus (fast gleiche Werte), doch im Fernbereich sitzt der Fokus gänzlich ohne Korrektur sauber. Das gilt für meine 5D3 genauso wie für meine 7D und 50D. Zwei Proben haben noch keine perfekte statistische Aussagekraft, aber es liegt doch nahe zu vermuten, dass sich dieser Tamron-Zoom grundsätzlich so verhält. Deshalb empfehle ich, im Telebereich eher auf größere Entfernungen zu justieren - oder gar nicht. Nach der Justage am besten gleich draußen testen, z. B. Schilder mit Texten o.ä. auf praxisgerechter Entfernung mit Single Shot aufnehmen, dazu als Referenz noch mal manuell über Liveview und Lupenvergrößerung fokussiert.