Als Fotograf, der mit seinen Bilder lediglich im Nebengewerbe Geld verdient, bin ich einerseits auf erstklassige Leistung angewiesen, andererseits muss man natürlich auch auf das Geld achten. Somit ist für mich das Preis-Leistungs-Verhältnis entscheidend, ob ich entsprechendes Fotozubehör kaufe oder nicht.
Da ich auch gerne mal Brennweiten über 70mm für Portraits verwende, aber sowieso ein universelles Telezoom für Unterwegs (Reisen, etc.) benötigte, suchte ich nach einem Objektiv, welches mir sowohl für die professionellen Arbeiten, als auch im privaten Bereich treue Dienste leisten könnte. Genutzt werden die Objektive dabei hauptsächlich auf einer EOS 60D von Canon. Testkandidaten waren dabei das Canon EF 70-300 L IS USM und das neue Tamron SP 70-300 VC USD. Warum ich mich letzten Endes für das Tamron entschieden habe, folgt in dieser Rezension.
1. Optik / Haptik / Verarbeitung
Qualitätsmäßig machen sowohl das Canon-Original, als auch die Tamron Linse einen sehr hochwertigen Eindruck. Die gewählten Materialien, aber auch die Verarbeitung ist dabei auf nahezu identischem Niveau. Die angenehm gummierten Zoom- bzw. Fokusringe laufen geschmeidig und ohne Ruckeln. Auch der Widerstand ist angenehm, nicht zu fest und auch nicht zu leichtgängig. Dennoch macht das Canon-Zoom auf den ersten Blick einfach mehr her. Die weiße Farbe und der rote Ring stehen noch immer hoch im Kurs der Fotografen, denen Prestige und Leistung wichtig sind. Doch mal ganz vom Prestige abgesehen, zählen für mich harte Fakten und da gehören für mich neidische Blicke anderer Canonisten nicht dazu. Beide Objektive werden mit einem stabilen Metallbajonett und einer Gegenlichtblende ausgeliefert. Etwas Eingewöhnung bedarf es für eingefleischte Canon-User bei der Verwendung des Tamron, denn zum Einen verläuft die Zoom-Skala genau seitenverkehrt zu Canon-Objektiven und zum anderen sind Zoom und Fokusring vertauscht, wenn man sonstige L-Linsen in Betracht zieht. Da ich aber aus dem ehemaligen Konica-Minolta-Lager stamme, stellte dies keinerlei Hürde oder Entscheidungskriterium dar. Beim Gewicht hat Tamron die Nase vorne, ist es doch um ein paar Gramm leichter, als das Canon L. Probleme mit, von selbst ausfahrenden Tubussen existieren nicht, dazu sind beide Zooms zu straff ausgeführt (wie es nach ein paar Jahren Nutzung aussieht lässt sich natürlich nicht sagen).
2. Ausstattung
Wie bereits erwähnt, bieten beide Objektive Metallanschluss und Gegenlichtblende (Canon: Standardblende, Tamron: blütenförmige Gegenlichtblende), wobei die Blende des Tamron sehr üppig ausfällt, was schon oft zu interessierten Blicken und Fragen geführt hat. Des Weiteren verfügen beide Kontrahenten über einen Ulraschall-Autofokus (bei Canon Ring-USM genannt, bei Tamron USD) welcher zum Einen sehr schnell und präzise arbeitet und zum Anderen sehr leise seinen Dienst verrichtet. Unterschiede sind nur sehr marginal festzustellen. Das Canon ist vielleicht einen Tick schneller, dafür trifft das Tamron auch bei schlechterem Licht häufiger den anvisierten Punkt. Zudem haben Canon und Tamron ihre professionellen Optiken (L bzw. SP Serie) mit hinreichend Spezialgläsern bestückt, die Bildfehler vermeiden oder abmildern sollen. Doch dazu mehr im Abschnitt "Bildqualität". Wichtiger im Bereich der Telezooms ist der Bildstabilisator. Hier leistet sich keiner der Beiden eine echte Schwäche. Dennoch muss man klar das Tamron favorisieren. Zwar ist der Stabi etwas lauter, als der des Canon, doch er nagelt das Bild regelrecht im Sucher (und damit auch auf dem Sensor) fest. Es ist schon beeindruckend, wie die Tamron-Ingenieure dahingehend ihre Hausaufgaben gemacht haben. Mit ruhiger Hand gelingen einem verwacklungsfreie Aufnahmen bis hin zu 1/40 Sekunde ... und das bei wohlgemerkt 300mm Brennweite (äqv. 480mm KB)! Für Videoaufnahmen hingegen sind beide Stabilisatoren weniger geeignet, da sie doch den einen oder anderen Ruckler produzieren, wenn der Stabi "nachzieht". Den größten Pluspunkt hinsichtlich Ausstattung erzielt das Canon bei der Abdichtung gegen Feuchtigkeit und Staub, da es wie alle L-Linsen komplett Wettergeschützt daherkommt. Nichts desto trotz finden sich nach mehreren Monaten Nutzung auch auf dem Tamron keine Staubeinschlüsse und auch Nieselregen hat dem Objektiv bisher nicht geschadet auch wenn es nicht offiziell als wetterfest bezeichnet wird.
3. Bildqualität
Der wohl wichtigste Punkt. Im Gegensatz zu Einsteiger-Zooms, wie dem Canon 55-200, dem Canon 70-300 IS (ohne L), dem Sigma 70-300 APO oder dem alten Tamron 70-300, kann man bei beiden Objektiven einen deutlichen Gewinn an Bildqualität verbuchen. Die Schärfe der beiden Linsen ist auf extrem hohen Niveau und erreicht bei allen Blenden (ja, auch bei Offenblende 4 - 5,6!) fast Festbrennweitenniveau; Abblenden bringt somit keine wirkliche Verbesserung mehr. Einen Gewinner kann man hier nicht ausmachen, da beide Objektive gleiche hervorragende Leistungen zeigen. Bildfehler sind ebenfalls sehr gut korrigiert. Hier hat das Canon einen kleinen Vorsprung. Auch bei größten Kontrastkanten konnten keine Chromatischen Abberationen (Farbfehler - Farbränder) erzwungen werden. Doch auch das Tamron ist hier nicht schlecht. Nur wirklich extreme Hell-Dunkelgrenzen zeigen einen leichten Farbsaum. Dieser ist aber nur in 100% Ansicht zu erahnen und auch in 1min in Photoshop korrigiert. Aber auch Abblenden um 1 EV löst jegliche CA-Probleme (welche man nicht mal so nennen kann). Im Normalfall treten CAs aber nicht auf. Die Verzeichnung ist bei beiden Objektiven kaum wahrzunehmen. Eine leichte Tonnenform ist am kurzen Ende bei 70mm zu erahnen ... mehr aber auch nicht. Da beide Objektive für Vollformat geeignet sind, aber am Crop (APS-C Sensor) getestet wurden, spielt auch die Vignettierung keine Rolle. Sie ist schlicht und einfach nicht sichtbar. Weder am langen, noch am kurzen Ende; weder bei Offenblende, noch abgeblendet. Flares und Ghostings halten sich ebenfalls sehr gut in Grenzen. Bei aufgesetzter Sonnenblende stellen diese Reflektionsfehler keinerlei Problem dar. Bei abgesetzter Blende neigt dann ehr das Canon zu den Blendenflecken, wenn auch nur in sehr geringem Maße. Ebenfalls für viele Fotografen entscheidend ist das Bokeh. Auch wenn Blende 4 bis 5,6 nicht gerade Lichtstark sind und damit nicht perfekt für eine gute Unschärfe, so verhilft einem dennoch die große Brennweite und die Offenblendtauglichkeit der Objektive zu schönen unscharfen Hintergründen. Auch wenn die Unterschiede nur marginal und damit "Meckern auf hohem Niveau" sind, so setzt sich im Bereich Bokeh das Tamron etwas besser durch. Ob es an den 9 abgerundeten Blendenlamellen liegt (Canon: 8), kann ich nicht sagen. Jedenfalls wirkt es einen Tick weicher und angenehmer, als das des Canon. Hinsichtlich der Farbgebung, bildet das Tamron etwas wärmer als das Canon ab. Das Canon wirkt hier neutraler, aber auch kühler. Die Farbgebung bleibt aber dann doch ehr Geschmackssache und mir gefällt der wärmere Ton des Tamron.
4. Fazit
Das Tamron ist ein wirklich beachtliches Objektiv, welches sich in keinster Weise hinter dem mehrfach teureren Canon verstecken muss. Bildfehler halten sich in Grenzen oder um es besser auszudrücken; im normalen Fotoalltag treten keine Fehler auf. Die Verarbeitung ist auf ähnlich hohem Niveau, wie bei Canons L-Serie, selbst wenn hier nur Kunststoff verarbeitet wird. Die Schärfe ist extrem gut in allen Brennweitenbereichen. Und auch Kontraste und Farben stellt das Objektiv bis hin zu 300mm sehr gut dar, was für Zooms in diesem Brennweitenbereich nicht unbedingt üblich ist. Auch wenn das Canon in einigen Bereichen einen kleinen Hauch Vorsprung für sich verbucht und sicher prestigeträchtiger ist, als ein Tamron "Made in China", so finde ich den Aufpreis nicht gerechtfertigt. Tamron beweißt mit dem SP 70-300 USD, dass man auch in einem sehr fairen Preisrahmen qualitativ hochwertige Objektive bauen kann.
Empfehlen kann man diese Optik jedem ambitionierten Hobbyfotografen und Semiprofi. Auch Aufsteiger, die mit der Bildqualität der Kit-Zooms nicht mehr zufrieden sind, kann man dieses Objektiv bedenkenlos ans Herz legen. Die Bilder werden sicher davon profitieren, zumal man wirklich erkennbare Unterschiede zu günstigen Kitlinsen sehen kann und nicht nur von theoretischen Verbesserungen sprechen muss. Vollprofis und hauptberufliche Fotografen werden aus Prestigegründen, Canon-Treue und Wetterschutz wohl doch ehr zum roten L-Ring greifen.
Die einzige Schwachstelle, sowohl bei Canon, als auch Tamron, bleibt die Lichtstärke. Sie ist mit Blenden zwischen 4 und 5,6 nicht besonders hoch und macht die Objektive bei dunklen Lichtverhältnissen nur bedingt empfehlenswert (mit höherer ISO funktioniert aber auch das ... der AF hatte jedenfalls trotz schwacher Lichtstärke kaum Probleme).
Warum ist es nun das Tamron geworden? Es bietet annähernd gleiche Leistung wie das Canon, ist in wenigen Punkten sogar besser. Es ist ein deutlicher und vor allem spür- und sichtbarer Aufstieg aus der günstigen Einstiegsliga (Canon 55-200 / 70-300 IS, Sigma 50-200 / 70-300, Tamron 70-300 alt) mit dem man durchaus professionell arbeiten kann. Zudem kostet es nur den Bruchteil des L-Objektivs. Und Tamron legt mit der Garantie über 5 Jahre (!) noch einen Hammer drauf, selbst wenn man sich dafür zwangsweise registrieren muss. Es ist einfach ein unschlagbares Angebot zu einem Klasse Preis-Leistungs-Verhältnis.
MFG Oliver