Viele rechnen Joni Mitchell zu den einflussreichsten Künstlern des 20sten Jahrhunderts. Ich auch. Gestartet in den Hippie-Wogen der ausklingenden Sechziger, entstanden in den Siebzigern einige Alben, die heute zu den Meilensteinen des Rock und Folk wurden (Vor allem "Blue", "Court and spark" und "Hejira"). Wie bei allen Künstlern, die ihren Output zu 100% selbst steuern, schaut sie auf eine Reihe kompromißloser Alben zurück, die sich niemals von einem Zeitgeschmack oder den Erwartungen einer Zielgruppe beugen ließen.
In den Achtzigern wurden die Alben der Künstlerin dann doch orientierungsloser. Sie verstrickte sich in elektronischen Sperenzien, verquerer Sozialkritik, zu hören auf den eher mittelmäßigen Alben "Dog eat dog" und "Chalk marks in the rainstorm".
Erst mit "Turbulent Indigo" fand sie 1994 ein Rezept ihr klassisches Sonwriting mit einer zeitgemäßen Produktion zu verbinden.
Mit "Taming the tiger" ist Mitchell 1998 ein noch besserer Nachfolger gelungen, trotz - oder wegen des elektronischen Experiments, das die Stimmung des Albums dominiert. Die ursprünglichen Gitarrensounds werden hier als Rohmaterial für synthetische Klänge genutzt. So entstehen amorphe Flächen genauso wie rhythmische Sounds, die den Anschlag der Gitarre durchscheinen lassen. Die pointierte Rhythmusgruppe steuert einen dezent groovenden Unterbau bei, während die Sopransaxophon-Einsprengsel delikate Akzente setzen. Die Produktion ist vielschichtig und trotzdem sehr transparent. Zusammen mit den offenen Songstrukturen fühlt man sich fast ein wenig an die brüchigen Weiten von "Hejira" zurückerinnert.
Die Texte sind beherrscht von ihren Lieblingsthemen - die Dinge, die zwischen den Menschen passieren - ein Terrain, auf dem sie sich emotional anrührend und eindringlich bewegt. Über all dem schwebt ihr von unzähligen Zigaretten verdunkelte Timbre, das die Songs mit einer jazzigen Aura umgibt. So schließt dieses Album als großartiger Höhepunkt ihr Schaffen in den Neunzigern ab, bevor sie sich den orchestralen Experimenten des neuen Jahrtausends zuwandte. Für Joni Mitchell Fans eine spannende neue Entdeckung, für alle anderen vielleicht ein Einstieg in ihr großes Werk.