Bischof, Abgeordneter, Exilant, Außenminister und Diplomat und doch ist Charles-Maurice Talleyrand vor allem in letzteren beiden Funktionen in die Geschichte eingegangen. Neben seinen Verdiensten die er sich als Diplomat und Vermittler erwarb ist der Nachwelt aber vor allem auch die Kontroverse um Talleyrand erhalten geblieben, ein Disput den der Lebemann schon zu Lebzeiten selbst anzufachen begann. Er hat die Revolution unterstützt, ist vor dem Großen Terror geflohen, als Außenminister zurückgekehrt, hat sich auf die Seite Napoleons geschlagen, nur doch am Ende dessen Absetzung und die Restauration der Bourbonen in die Wege zu leiten.
Vorgesehen wäre der Erstgeborene einer verarmten hochadeligen Familie jedoch für den Militärdienst gewesen, wie schon Charles-Maurice Vater. Als sich jedoch abzeichnete dass der junge Talleyrand wohl lebenslang an einem Klumpfuß leiden würde schied diese Möglichkeit aus und der Junge wurde für eine klerikale Karriere bestimmt. In einer Zeit als Ämter und Pfründe innerhalb der französischen Kirche, die immerhin gut 25% des Landbesitzes ihr Eigen nennen durfte, oftmals noch von Onkeln auf ihre Neffen vererbt wurden und Verwandtschaftsbeziehungen einen raschen Karriereaufschwung garantierten konnte sich Charles-Maurice glücklich schätzen die Protektion des Erzbischofs von Reims zu genießen, Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgords.
Nach eigenen Aufzeichnungen hatte sich Charles-Maurice bald mit diesen Karriereaussichten abgefunden, denn seine sozialen Kontakte beeinträchtigten sie ja nicht. Im Gegenteil der junge Priesterseminarist und spätere agent général (der oberste Repräsentant des Klerus gegenüber der Regierung) entpuppte sich als wahrer Salontiger, dessen Aufstieg durch wohlwollende Damenbekanntschaften noch zusätzlich befeuert wurde. Mit einem Bischofssitz in Aussicht begann sich der Generalbevollmächtigte Talleyrand jedoch auch mit der prekären Situation des niederen Klerus auseinanderzusetzen, der mit 500 livres im Jahr auskommen musste, während die Bischöfe mit ihren Pfründen ein mehr als luxuriöses Auskommen fanden. Der in der allgemeinen Bevölkerung spürbare Druck wurde auch in der Kirche spürbar, doch auch Talleyrand konnte nur eine Erhöhung des Solds auf 700 livres durchsetzen.
Schließlich zum Bischof aufgestiegen sollte auch die politische Karriere Charles-Maurice ihren Anfang nehmen und so wurde als Deputierter zu den Generalständen entstand, um dort als Abgeordneter des Ersten Standes zu fungieren. Und damit begann Talleyrands revolutionäre Karriere, indem er sich in eigenen Worten den Ereignissen zur Disposition stellte. Zwei Wochen sollte er dabei sogar als Präsident der Nationalversammlung amtieren dürfen. Doch die Eskalation der Revolution brachte auch allmählich ihn, wie viele seiner Standesgenossen, in letale Gefahr. Glücklicherweise konnte er sich als Diplomat in London bereits seine ersten Sporen verdienen, auch wenn er dort noch vehement gemieden wurde. Über London gelang ihm aber die Flucht ins Exil und danach auch in die USA, der vorläufige Tiefpunkt und Durchhänger seiner Karriere.
Die Rückkehr aus dem Exil als mittlerweile 11. Außenminister eines geläuterten Direktoriums sollte ihm schließlich zum Durchbruch verhelfen. Rechtzeitig zurückgetreten und auf die Seite des ehrgeizigen Generals Napoleon Bonaparte geschlagen trotzt er dem nachmaligen Ersten Konsul das Privileg ab als einziger dessen Minister stets Zugang zu ihm zu haben. Auch wenn sich Talleyrand gerne damit schmückte für den korsischen Aufsteiger ein Mentor zu sein, so sollte dessen Expansionismus doch zu einem Streitpunkt zwischen den beiden Männern werden, denn Napoleons imperiale Begehren hielt Talleyrand für verderblich. Er präferierte eine französisch-österreichische Achse, gegen Russland.
Trotz allem ging der spätere Kaiser der Franzosen mit Talleyrand allerdings unerwartet schonend um, was Johannes Willms als der Bewunderung des korsischen Artillerieleutnants für den weltgewandten Außenminister deutet, dessen Verhandlungsgeschick zum Erfolg und damit der Festigung des Mythos Napoleons schließlich auch beigetragen haben. Das Faszinosum Talleyrand sollte aber auch den Niedergang Napoleons besiegeln, denn der zum Vice-Grand Electeur bestellte sollte es sein der im Senat die Absetzung des Kaisers der Franzosen orchestrierte und die Restauration der Bourbonen unter Louis XVIII. ermöglichte, was ihn unter diesem sogar die Rückkehr als Außenminister und Frankreichs Vertreter im Wiener Kongress erlauben sollte.
Talleyrands Karriere ist faszinierend und nimmt daher auch einen prominenten Platz in der Biografie Johannes Willms ein, auch wenn sich der Autor bei den über die Jahrhunderte besonders heiß diskutierten Themen auch auf das Privatleben des Diplomaten konzentriert. Dabei erlebt man ein Phänomen das man auch in Willms Napoleon-Biografie stellenweise erleben kann, an fortgeschrittener Stelle verirrt sich die Biografie ein wenig in diesen Affären. Ähnlich wie bei Willms Napoleon-Porträt hat auch bei seiner Talleyrand-Biografie den Eindruck die Betrachtung der Person erfolge eher von außen, auch wenn sich Willms weitgehend sehr stark auf Talleyrands Memoiren und Aufzeichnungen stützt. Diese durchaus objektive Distanz schafft einen speziellen Blickwinkel, der aber zeitweise auch einen Keil zwischen Leser und dem porträtierten "Objekt" treibt. Was Willms zudem versucht ist die Widersprüchlichkeit und Besonderheit der Person Charles-Maurice Talleyrand festzuhalten und enthält sich daher einer immanenten Deutung, nur gelegentlich wagt sich der Biograf daran Aspekte des Handelns und Lebens seines Porträtierten zu interpretieren. Was aber auch etwas irritierend wirken kann, vor allem weil Willms Talleyrands Bereitschaft sich "den Ereignissen zur Disposition zu stellen" als erzählerisches Motiv einsetzt, ob unbewusst oder auch nicht. Der Fokus liegt also auf einem Talleyrand der von den Ereignissen hin und her getrieben wird, nicht so sehr auf dessen Ziele, Visionen und so weiter. Es ist sogar ein Manko dass die Biografie auf nebenher betriebene Darstellung der französischen Außenpolitik eher ausgespart bleibt, vielleicht auch um ein wenig die tatsächlich eingeschränkte Machtbefugnis Napoleons Chefdiplomaten zu bezeugen.
- Resümee -
Mit Johannes Willms hat sich für die Abbildung der Lebensgeschichte der schillernden Persönlichkeit Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord ein erfahrener Biograf gefunden, dessen Napoleon-Biografie schon mehrere Auflagen erlebt und den Ruf des Autors als Kenner der französischen Geschichte untermauert hat. Lorbeeren auf denen sich Willms auch hätte ausruhen können, doch statt mit seiner Talleyrand-Biografie Resteverwertung von Rechercheerkenntnissen zu betreiben ist ihm ein eigenständiges Lebensbild gelungen. Eine Biografie die sich und das sollte man Leser besser vorher wissen, aber auch sehr stark auf das Biografische konzentriert und nicht so sehr die Ereignisse der Zeit. Der Blickwinkel ist eng gefasst und so scheint Willms "Talleyrand: Virtuose der Macht" tendenziell eher als Vertiefungsliteratur zum Leben des facettenreichen Außenministers in einer turbulenten Epoche empfehlenswert.