Drei zunächst voneinander unabhängige Handlungsstränge, deren Zusammenhänge der Leser früher überblickt als die Protagonisten selbst, machen die Spannung in "Talking God" aus. Da wäre zum einen eine unidentifizierbare Leiche neben den Bahngleisen, die Joe Leaphorn zu denken gibt. Einziger Anhaltspunkt ist zunächst ein vom Mörder übersehener Notizzettel, der auf eine Yeibichai-Zeremonie für eine gewisse Agnes Tsosie hinweist. Bei eben dieser Zeremonie soll nun Jim Chee einen gewissen Henry Highhawk verhaften, einen Viertel-Navajo und Mitarbeiter am Smithsonian-Museum, der offiziell in den Stamm aufgenommen werden will und dabei allerlei komischen Übereifer an den Tag legt. Und dann kommt da noch, etwas später, ein Hilferuf von Chees Freundin Janet Pete aus Washington; sie soll den wegen Grabschändung angeklagten Highhawk dort vor Gericht vertreten und hat den Eindruck, beschattet zu werden. Inzwischen hat auch Leaphorn, der von all dem noch nichts weiß, Spuren gefunden, die ihn nach Washington führen.
Chees und Leaphorns Antagonist ist seinerseits eine eigenständige, interessante Figur, sodass die Handlung abwechselnd aus drei verschiedenen Perspektiven dargestellt wird.
Erst in Washington erfährt Leaphorn, dass auch Chee hier ist. Zufall? Nicht für Leaphorn, der nun zusammen mit Chee weiter ermittelt. Jetzt wird die Handlung beschleunigt, die Ereignisse überschlagen sich, und erst in allerletzter Minute kommen Leaphorn und Chee auf des Falles Lösung.
Spurensuche in Washington ist diesmal angesagt. Kulturen kontrastieren einander, einerseits innerhalb der Handlung selbst, andererseits aber auch deswegen, weil der respektlose Umgang der Weißen mit den religiösen Vorstellungen der verschiedenen Indianer-Kulturen das Geschehen mitbestimmt; gleich auf den ersten Seiten wird dieses Thema in einem Brief von Highhawk an eine vermeintliche Pressesprecherin des Smithsonian drastisch angesprochen.
Dieser Hillerman-Krimi unterscheidet sich ein wenig von den vorhergehenden, durch den Ort der Handlung und die Erzähl-Strategie, aber auch dadurch, dass das Thema "Talking God" (damit ist zunächst eine der höchsten Gottehiten der Navajos gemeint) auf allen seinen Bedeutungsebenen den Roman wie ein Leitmotiv durchzieht.
"Talking God" ist zwar nicht der stärkste Krimi der Serie; man hat den Eindruck, Hillerman kenne sich im Navajo-Reservat besser aus als in Washington. Das ändert aber nichts daran, dass auch dieser Krimi wieder ein Glanzpunkt des Genres ist, den zu lesen sich nicht nur wegen der spannenden Handlung lohnt, sondern auch wegen der Bildhaftigkeit, in der Hillerman Respekt für "heidnische" Religionen einfordert.