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Talk Talk: Roman
 
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Talk Talk: Roman [Gebundene Ausgabe]

T.C. Boyle , Dirk van Gunsteren
3.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (45 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

“Identitätsdiebstahl” lautet das Schlüsselwort in T.C. Boyles Roman. Es bezeichnet die jüngste Verbrechensvariante, die im Land der tausend Möglichkeiten bereits existenzzerstörende erste Blüten treibt. Im Zeitalter der PINs, Codes und Passwörter verschaffen sich übelwollende Naturen Zugang zu den Konten ihrer Opfer, um sie dann Wirtstieren gleich auszusaugen und sich deren Identität überzustülpen. Ein einträgliches Geschäft. So staunt die gehörlose Dana Halter nicht schlecht, als sie sich nach einem geringfügigen Verkehrsdelikt in den unmenschlichen Fängen einer gnadenlosen US-Justizmaschinerie wiederfindet. Ihr Albtraum hat einen Namen: Dr. Dana Halter! Gesucht in mehreren Staaten wegen vielfachen Scheckbetrugs. Ihr Wirtstier!

Schade, dass T.C. Boyle so verdammt unterhaltsam und definitiv zu jung ist. Der Nobelpreis hätte diesem Mann längst auf einem Samtkissen überreicht werden müssen! Was TCB in seinem elften Roman aus einem vergleichsweise schlichten Gut-Jagt-Böse-Roadmovie an Funken zu schlagen vermag, zeichnet nur ganz große Erzähler aus. Aller Talk Talk (engl. für Gebärdensprache zwischen Gehörlosen), bringt Dana bei den Behörden nicht weiter. Zwar spricht man sie -- nach einem drastischen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis -- schuldfrei; ihren Job als Gehörlosenlehrerin aber ist sie los und die Identität ihres Peinigers bleibt weiterhin unbekannt. Bis Danas etwas schlafmütziger Freund Bridger per Bankauskunft eine Telefonnummer herausbekommt. Die Spur führt nach Marin County. Dort, in bevorzugter Pazifiklage, lässt es sich ein gewisser William „Peck“ Wilson zwischen Palmen, Armani und russischer Geliebter ausgesprochen gut gehen.

Die hübsche Dana hat Blut geleckt. Die Jagd beginnt! In einer haarsträubenden Ralley verfolgen Dana und Bridger den flüchtigen „Peck“ alias Dr. Dana Halter quer durch den Kontinent. Klar, dass jemand wie TCB sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, heftige Stimmungsbilder des heutigen Amerika beizusteuern. Einer mitleidlosen Konsumgesellschaft, in der nur der Erfolg zählt, wie Pecks unersättliche Zickenfreundin Natalia zeigt, ein Russenimport der teuren Art, die die Betätigungsfelder „Shoppen und Ficken“ zu ihrer ureigensten Religion erhoben hat. Mit dem Handicap der hochintelligenten Dana, die in einer ignoranten Umwelt nur auf krasses Unverständnis, ja auf ironischerweise „taube Ohren“ stößt, schuf TCB zusätzlichen Suspense, vor dem sich selbst ein Hitchcock verneigt hätte. Schließlich kreierte er mit der Figur des „Peck“ einen so smarten wie beängstigenden Charakter, wie sich beim überraschenden Showdown zeigt. Wenn man dann noch nicht vom Schlag getroffen ist! --Ravi Unger

kulturnews.de

Starautor T. C. Boyle versucht sich im Thrillergenre und wählt ein hochaktuelles Thema: Identitätsdiebstahl. Opfer ist die junge, schöne, gehörlose Dana Halter. Aus heiterem Himmel wird die unbescholtene Lehrerin wegen Autodiebstahls und Drogenmissbrauchs verhaftet. Erst nach mehreren Tagen im Gefängnis kann sie ihre Unschuld beweisen, und nach und nach stellt sich heraus, dass ein Fremder ihre Identität geraubt hat, Schecks auf ihren Namen ausstellt und mit ihrer Kreditkarte bezahlt. Doch Dana hat längst den Glauben an die Gerechtigkeit verloren. Zusammen mit ihrem Freund Bridger macht sie sich auf die Jagd nach ihrem Peiniger. Fantastisch, mit welcher Sensibilität Boyle die Gefühlswelt seiner gehörlosen Heldin veranschaulicht. Auch Spannungselemente gehen ihm von der Hand, als wäre er ein alter Thrillerhase. Fraglich nur, warum T. C. Boyle sich überstrapazierten Krimikonventionen unterordnet. Warum braucht er als Opfer die personifizierte Unschuld und macht einen abgrundtief bösen Schurken ohne Sympathiepunkte zum Täter? Von einem Autoren seines Rangs hätte man mehr Grautöne erwarten dürfen. (cs)

Pressestimmen

"Boyles Mischung aus Satire, Tiefsinn, Spannung und dem Erbe der amerikanischen Transzendentalisten dürfte einzigartig sein. Sein neues Buch ist Thriller, Roadnovel und Gesellschaftsroman zugleich." Wieland Freund, Die Welt, 28.08.06 "T.C. Boyle, der begnadete Vielschreiber erkundet in seinem elften Roman die Welt der Gehörlosen. Er gönnt seiner Heldin keinen Behindertenbonus - und keine Pause. In rasanten Satzkaskaden treibt er die Geschichte voran, bis zum Showdown. Ein zeitloses Vergnügen." Martin Wolf, Der Spiegel, 02.10.06 "T.C. Boyle lässt in "Talk Talk" seiner erzählerischen Meisterschaft wieder freien Lauf und findet auch die Zwischentöne. Er ist in seinem Element. (...) So hat er, ein großes Buch über Sprache und Wirklichkeit geschrieben. Und ohne agitieren zu wollen, auch ein hochpolitisches Buch über Klassen und den gnadenlosen Kampf aller gegen alle." Michael Freud, Der Standard, 02.09.06 "Einen richtigen Thriller hat Boyle da hingelegt, ein rasantes Roadmovie und eine Lovestory." Brigitte, 30.08.06 "Jetzt zu einem meiner Lieblingsschriftsteller: Ich habe seinen neuen Roman gelesen - was heißt gelesen - verschlungen! Er heißt "Talk Talk" und das ist nicht der Name einer Talkshow, sondern der englische Ausdruck für die Gebärdensprache der Taubstummen. Eine Taubstumme ist nämlich die Heldin der Geschichte. Sie ist das Opfer einer bedrohlichen, neuen Form von Kriminalität. Jemand stiehlt Daten, räumt damit unter falschem Namen das Konto leer und macht auch noch Schulden. Doch der Reihe nach. Hier ist er: Der einzigartige T.C. Boyle!" Wolfgang Herles, Aspekte, ZDF, 01.09.06 "Er präsentiert sich nachdenklicher und ernsthafter als zuvor, geht tiefer in die menschliche Psyche und beweist, dass er auch das Spiel mit den Zwischentönen und Grauschattierungen in den Lebenswelten seiner Protagonisten beherrscht." Irene Binal, Neue Zürcher Zeitung, 10.01.07

Kurzbeschreibung

Peck ist ein Identitätsdieb, ein Körperfresser. Mit Hilfe von gestohlener Sozialversicherungsnummer und gefälschten Schecks schlüpft er in die Rollen seiner Opfer und lebt auf deren Kosten in Saus und Braus. Von Autodiebstahl über Drogenmissbrauch bis zum Angriff mit einer tödlichen Waffe. Bis er an Dana Halter gerät. Sie ist gehörlos, aber sie ist eine Kämpferin, und da die Justiz keine Anstalten macht, den Mann zu belangen, heftet sie sich mit ihrem Freund Bridger an seine Fersen ....

Gekürzte Lesung Laufzeit ca. 300 Minuten Sprecher: Jan Josef Liefers -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

T. C. Boyle, geb. 1948 in Peekskill, New York im Hudson Valley, war Lehrer an der dortigen High-School und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten. Heute lebt er in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles Creative Writing.

Auszug aus Talk Talk von T. C. Boyle, Dirk van Gunsteren. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sie hatte nicht die Absicht, in einem stickigen Büro herumzusitzen und mit dem fuchtelnden Iverson vor den Leuten von der Opferhilfe Erklärungen abzugeben oder ihre idiotischen Fragen zu beantworten und Fragebögen auszufüllen – sie hatte keine Sekunde für derlei übrig. Nicht eine einzige. Sie wollte diesen Overall ausziehen, sie wollte ihre Kleider, ihre Schlüssel, ihren Wagen zurück – und die Hausarbeiten, die Hausarbeiten ihrer Studenten. Und sie mußte in der Schule anrufen und alles erklären, sie mußte persönlich hingehen und sich Dr. Koch auf Gnade oder Ungnade ausliefern, sie mußte ihre Klasse unterrichten und ihre Arbeit tun – sofern sie überhaupt noch eine hatte. Denn wer sollte ihr schon glauben? Man wurde nicht grundlos eingesperrt, jedenfalls nicht in diesem Land. Noch während die bürokratische Prozedur ihrer Entlassung lief und Marie Eustace vom Gericht eine schriftliche Bescheinigung erwirkte, aus der hervorging, daß sie unschuldig war, sah Dana das wütende, ungläubige Gesicht von Dr. Koch vor sich. Nicht einmal mehr eine Woche bis zu den Ferien, und eine seiner Lehrerinnen genehmigte sich ein paar Tage Sonderurlaub...
Doch wonach sie sich am meisten sehnte, während sie irgendwo in den Tiefen des Gebäudes in einem farblosen Zimmer darauf wartete, daß die Aufhebung der Klage in ihre Akte eingetragen wurde und sie in ihr Leben zurückkehren durfte, war eine Dusche. Sie bearbeitete ihre Fingernägel, fuhr mit einem Nagel unter den anderen: Sie waren schwarz von diesem Schmutz, von dem Schmutz dieser häßlichen, hämischen Frauen, der Huren und Obdachlosen, der Süchtigen und Betrunkenen, der gemeinen Betrunkenen. Auf der Straße war sie hundertmal an solchen Frauen vorbeigegangen und hatte Mitleid mit ihnen gehabt, hatte immer in die Handtasche gegriffen und ihnen Kleingeld oder einen Dollarschein gegeben. Aber damit war jetzt Schluß. Sie waren wirklich gemein, das wußte sie nun, gemein im Sinne von roh, vulgär, niederträchtig, unflätig. Und kleinlich. Abstoßend. Ohne menschliche Gefühle, ohne Liebe, es sei denn für sich selbst. Menu peuple, Mob, Lumpenproletariat. Das waren sie. In dieser Zelle, auf der Straße, überall war es wie in Der Herr der Fliegen. Und welche Rolle war ihr zugedacht? Die von Ralph, die von Piggy. Aber sie war kein Opfer, sie weigerte sich, eins zu sein, und sobald sie zu Hause war, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen und die Welt ausgesperrt hatte, würde sie sich unter die Dusche stellen und den Schmutz abschrubben, bis das Wasser kalt wurde, und dann würde sie Dr. Koch anrufen und auf dem kürzesten Weg zur Verwahrstelle für beschlagnahmte Wagen fahren, wo immer die war, und die Hausarbeiten vom Rücksitz holen. Schon bei dem Gedanken daran durchfuhr es sie: Wie sollte sie das aufholen? Es war verrückt. Wie in den Alpträumen, die sie morgens kurz vor dem Aufwachen hatte und in denen sie unvorbereitet, ohne Plan, mit wirrem Haar vor ihrer Klasse stand und ihre Kleider in einem Haufen zu ihren Füßen lagen. Nackt. Erstarrt. Unfähig zu sprechen, sei es mit den Händen oder dem Mund.
Sie war so erregt, daß sie Bridger beinahe vergessen hätte. Aber da war er, eilte durch den Korridor auf sie zu, als sie mit Marie Eustace und Iverson und der frisch gestempelten Erklärung aus der Tür trat, und sein Gesicht war voller Liebe und Mitgefühl. Sie ließ sich von ihm umarmen, obwohl sie sich für ihren Körpergeruch schämte und wütend auf ihn war: Warum hatte er nichts unternommen? Er sagte etwas, doch das war ganz sinnlos, denn sie spürte nur seinen Atem, als er sie an sich drückte, und dann hielt sie ihn auf Armeslänge von sich ab und gebärdete: Wie konntest du mich nur da drin lassen?
Seine Gebärden waren unbeholfen, kaum lesbar. Er hatte einen Kurs in Gebärdensprache gemacht, aber seine Hände waren wie Schmiedehämmer, die die Worte erschlugen. Ich hab’s versucht.
Du hast es nicht genug versucht.
In diesem Augenblick schaltete sich ein Justizwachtmeister in einem braunen Hemd ein. Er sagte etwas zu Marie Eustace und Iverson, und dann drehte Marie sich um und sah Dana entnervt an. Sie rollte die Augen und stampfte mit dem Fuß auf. »Was ist?« sagte Dana. »Was ist jetzt?«
»Sie werden es nicht glauben«, sagte sie, und ihr entschuldigender Blick ging zwischen dem dolmetschenden Iverson und Dana hin und her, »aber... tja, ich fürchte, Sie müssen zur Entlassung zurück ins Bezirksgefängnis.«
Dana schüttelte den Kopf. Sie schüttelte ihn heftig. Hin und her. Das verstanden sie ja wohl, oder? »Nein«, sagte sie und spürte, daß ihre Stimme laut wurde und ihren Kehlkopf zusammenpreßte, bis er sich wie ein praller kleiner Ball anfühlte. Dann wandte sie der Rechtsanwältin und dem Justizwachtmeister den Rücken und gebärdete wütend zu Iverson: Ich bin unschuldig, das habe ich schriftlich, und ich werde nicht dorthin zurückgehen, niemals, und niemand, nicht Sie oder irgend jemand anders, sollte versuchen, mich dazu zu zwingen!
Iverson machte ein Gesicht wie ein schlechter Schauspieler, seine Hände stockten und stotterten, als er für die Anwältin übersetzte. Dana weigerte sich, sie anzusehen, obwohl Marie Eustace zu ihr sprach, obwohl sie ihr eine Hand auf den Arm legte, bis Dana sie abschüttelte. Sie sah nur Iverson an. Es führt kein Weg daran vorbei, sagte er. Das Gesetz verlangt es, ganz gleich, ob einer unschuldig ist oder nicht. Man hat Sie im Bus hierhergebracht und muß Sie im Bus zurückbringen. Sie müssen diese Sachen zurückgeben und Ihre eigenen Kleider und Ihr persönliches Eigentum in Empfang nehmen, und dann gibt es noch ein paar Formulare –
Nein, gebärdete sie, nein. Ich gehe nicht. Voller Wut ließ sie ihre Hände verstummen, begann, an dem Overall zu reißen, und rief so laut, daß alle es hören konnten, der Wachtmeister und Bridger und die Richterin in ihrem Richterzimmer: »Dann nehmt doch das Scheiß­ ding! Dann gehe ich eben nackt hier raus! Das ist mir egal, das ist mir egal!«
Letztlich war es ihr nicht egal – sie wurde gezwungen, es sich nicht egal sein zu lassen. Der Wachtmeister trat vor und sagte, sie befinde sich noch immer in Gewahrsam, und er werde sie, wenn nötig, zwingen. Marie Eustace’ Gesicht war wütend. Sie blies Luft in die Richtung des Wachtmeisters, und Iverson übersetzte die Drohung, und Bridger nahm Dana in die Arme, als wollte er sie mit seinem Körper abschirmen. Sie war noch nie im Leben so wütend gewesen. Die Absurdität – es war wie aus einem Roman von Kafka, oder schlimmer: wie etwas, was nur in einem Polizeistaat passierte, in Kuba, Nord-Korea, Liberia. Doch was sie innerhalb einer Sekunde lammfromm und friedlich machte, war der Anblick der Hand des Wachtmeisters, die Bridgers Handgelenk packte. Sie verstand nicht, was die beiden sagten – ihre Gesichter waren gerötet, ihre Münder in hektischer Bewegung –, doch sie begriff sofort, daß Bridger ganz kurz davor war, selbst verhaftet zu werden, wegen Behinderung eines Beamten in Ausübung des Dienstes oder ähnlichem Unsinn. »Schon gut«, sagte sie laut, »schon gut«, und der Beamte nahm sie am Ellbogen, führte sie durch den Korridor, öffnete eine schwere Tür und sperrte sie wieder in die Zelle zu Angela und Beatrice Flowers und den anderen.
Es war beinahe Mitternacht, als sie schließlich aus dem Bezirksgefängnis in Thomsonville, fünfundzwanzig Kilometer von San Roque entfernt, entlassen wurde, und Bridger wartete in einem überfüllten, grellerleuchteten Saal auf sie. Lange hielt sie ihn einfach im Arm. Sie hatte nicht weinen wollen, aber als alles vorbei war und sie ihn dort sah, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Dann gingen sie zum Ausgang, und sie machte sich von ihm los, rannte hinaus und stand für einen langen Augenblick auf den Stufen und spürte die Luft auf ihrem Gesicht: salzig und ganz leicht nach Fisch riechend, gekühlt vom Meer, reine Luft, seit Freitag morgen die erste reine Luft in ihren Lungen. Bridger blieb hinter ihr stehen und legte ihr einen Arm um die Schultern, doch sie stieß ihn weg. Mit einemmal war sie wieder wütend. »Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie es da drinnen war?« wollte sie wissen. »Kannst du dir das vorstellen?«
Auf dem Heimweg, auf dem ganzen Weg zu ihrer Dusche, ihrem Bett und der Tür, die Menschen aussperrte und nicht einsperrte, versuchte er, ihr alles zu erklären, aber sie verstand nur sehr wenig, denn seine Hände waren am Lenkrad, und er bewegte den Mund so schnell wie alle Hörenden, und das machte sie nur um so unnachsichtiger. Als sie endlich, ein Handtuch um den Kopf gewickelt, aus dem Badezimmer trat, als das Bier, das er ihr geholt, und das Sandwich, das er ihr gemacht hatte, auf dem Couchtisch standen, führte er sie zum Computer und begann wie wild zu tippen. Er schrieb eine ausführ­ liche Rechtfertigung, die der Epilog eines russischen Romans hätte sein können, und sie sah, was er getan und wie sehr er sich angestrengt hatte, und daß nicht er schuld war, sondern das System – oder nein, der Dieb, der Dieb war schuld, und jetzt kam ihr das Bild seines Gesichts in den Sinn, dieses verschwommene, mit ihrem Namen versehene Gesicht auf einem Stück Papier, das Gesicht eines Mannes, man stelle sich vor, eines Mannes, und nach einer Weile lehnte sie sich an ihn, schlang die Arme um ihn und begann zu verzeihen.
Am nächsten Morgen fuhr Bridger sie zur Arbeit. Sie hatte nicht viel geschlafen, ihre Träume waren widersprüchlich und vergiftet, und jedesmal, wenn sie aufwachte, schnappte sie nach Luft, denn sie dachte, sie sei wieder dort, im grellen Licht, auf dem harten Zellenboden. Dennoch kam sie zwanzig Minuten zu spät, und wäre Bridger nicht gewesen, hätte sie sich noch mehr verspätet – sie hatte sich antrainiert, vom Blitzen des Weckers aufzuwachen, doch sie war so erschöpft wie noch nie in ihrem Leben und hätte glatt weitergeschlafen, wenn Bridger sie nicht geweckt hätte. Als sie gestern nacht aus dem Bad gekommen war, hatte sie – noch bevor sie das kalte Bier aus der Flasche getrunken und das Sandwich, eine halbe Riesentüte Chips und einen ganzen Beutel Kekse verschlungen hatte – als erstes eine
E-Mail an Dr. Koch geschrieben. Drei Seiten. Darin schilderte sie in allen Einzelheiten, was sich in den dreiundachtzig Stunden zwischen ihrer Verhaftung und ihrer Entlassung in Thomsonville zugetragen hatte, denn sie wußte, daß sie sich schriftlich besser mitteilen konnte als im persönlichen Gespräch und daß sie alle Argumente vortragen mußte – Koch war ein harter, grüblerischer, säuerlicher kleiner Mann, der sich für großartig hielt und keine Ausflüchte duldete, und er stellte an die gehörlosen Lehrer ebenso hohe Anforderungen wie an die hörenden. Vielleicht sogar noch höhere. Sie brauche sein Verständnis, schrieb sie im letzten Absatz, und versprach, ihn vor der ersten Unterrichtsstunde aufzusuchen und die gerichtliche Bescheinigung ihrer Unschuld mitzubringen. Aber das war das Problem: Sie kam zwanzig Minuten zu spät, und der Unterricht hatte ohne sie begonnen. Dr. Koch hatte ihre Klasse übernommen, und nie hatte sie ihn so verärgert gesehen.
Als sie eintrat, erhob er sich von ihrem Pult – er hatte die Schüler angewiesen, sich in ihr Lehrbuch zu vertiefen, während er sich durch einen Stoß Unterlagen arbeitete, die seine Sekretärin ihm in die Hand gedrückt hatte, als er aus dem Büro geeilt war – und bedachte sie mit einem Blick, der keine Übersetzung brauchte. Es war eine Abschlußklasse, und dies war ein Kurs zur Vorbereitung auf das College, zwölf ihrer besten Schülerinnen und Schüler. Jeder hatte seine eigene, im Werden begriffene Begabung, die er hinaus in die Welt der Hörenden tragen würde, und Dana wußte um ihre Geheimnisse, ihre Stärken und Schwächen. Tut mir leid, daß ich zu spät bin, gebärdete sie und warf ihre Handtasche und den Aktenkoffer auf das Pult. Sie war außer Atem, ihr Gesicht war gerötet. Sie kniff sich entschuldigend in die Schultern: Ich habe verschlafen.
Koch würdigte sie keiner Antwort. Er stand bereits an der Tür. Ein Streifen Sonnenlicht fiel auf die erste Tischreihe, als wollte er den Raum zerschneiden. Alle zwölf Schülerinnen und Schüler saßen wie angenagelt da, aufmerksam und angespannt, und der immer so gefühlsselige Robby Rodriguez sah aus, als würde er gleich unter der Last seiner inneren Qual zusammenbrechen. Für einen langen Augenblick stand Dr. Koch da, die Hand an der Türklinke. Dann gebärdete er abrupt, er erwarte Dana in der Mittagspause in seinem Büro, riß die Tür auf und stolzierte hinaus.
Wie die meisten Gehörlosenschulen war auch die in San Roque ein Internat. Die Schüler kamen von überall her, die Mehrheit stammte allerdings von der Westküste. Der Betrieb entsprach eher dem eines Colleges als einer normalen High School (nach Danas Meinung hatte die Schule große Ähnlichkeit mit einer Besserungsanstalt), und wenn die Schüler keinen Unterricht und keine Sitzung beim Sprachtherapeuten hatten, konnten sie innerhalb eines gewissen Rahmens tun, was sie wollten. Dienstags und donnerstags unterrichtete Dana drei Stunden, zwei vormittags, eine am Nachmittag, dazwischen hatte sie Sprechstunde, machte Besorgungen oder arbeitete an ihrem Buch. Sie setzte Hoffnungen in dieses Buch, es war ein Ehrgeiz, der sie antrieb, auf kleinste Details zu achten, damit alles stimmte und sie auf eine Weise kommunizierte, die für Hörende vielleicht selbstverständlich, für sie jedoch so neu und berauschend wie die Liebe selbst war – nicht wie eine erotische Liebe, sondern wie Agape, wie die unentwegt fließende, unerschöpfliche Liebe für die gesamte Schöpfung. Der Gedanke daran, was sie bis jetzt geschafft hatte und was noch im Dunst der Zukunft lag, erfüllte sie insgeheim mit Stolz und Befriedigung. Sie sprach mit niemandem außer Bridger darüber – es war zu nah, zu persönlich. Selbst der Titel – Wildes Kind – war wie eine Beschwörung eines Geistes und einer Stimme, deren sie sich nie bewußt gewesen war, und in den seltsamsten Situationen ertappte sie sich dabei, daß sie die beiden Worte tief in sich selbst vor sich hin sprach.
Sobald die Unterrichtsstunde vorüber war (sie hatte der Klasse in abgekürzter Form erzählt, was ihr zugestoßen war – ihr und den Hausarbeiten, die sie, großes Ehrenwort, morgen wieder in Händen haben würde), ging sie zu Dr. Kochs Büro. Die Sekretärin gab ihr zu verstehen, er habe eine Besprechung, und Dana antwortete, sie werde warten. Sie setzte sich auf einen Stuhl in einer Ecke und las, um sich zu beruhigen, die unterstrichenen Passagen der ausgegebenen Unterrichtstexte, doch von Ruhe war sie weit entfernt. Zum einen spürte sie ihren Zahn – aus dem verhaltenen Pochen war ein stechendes Pulsieren geworden, das sich mit dem Rasen ihres Herzschlags zu beschleunigen schien –, zum anderen fühlte sie sich, während sie mit angelegten Ellbogen auf dem ausgeformten, bunten Plastikstuhl saß, als wäre sie wieder in der Gefängniszelle.
Als sie – um genau zwölf Uhr – zu Dr. Koch vorgelassen wurde, war er unpersönlich und kurz angebunden, als wäre sie eine Studentin, die sich etwas hatte zuschulden kommen lassen. Sie hatte nicht mit Mitgefühl gerechnet – nicht bei ihm –, doch sie erwartete Höflichkeit, und zwar von jedem, besonders von Hörenden. Sie hatte zuviel Zeit damit verbracht, mit Leuten zu kommunizieren, die abweisend wurden, sobald sie den Mund aufmachte, um sich mit weniger zufriedenzugeben. Sehen Sie mich an, verlangte sie. Sehen Sie mich an und hören Sie mir zu. Das war ihr Gesellschaftsvertrag, und wem das nicht gefiel, dem kehrte sie den Rücken. Keine Ausnahmen. Jetzt nicht mehr.
Er saß an seinem Schreibtisch und wies mit einer Handbewegung auf den harten Büßerstuhl gegenüber. Sie setzte sich und sah ihn mit einem neutralen Lächeln an. Die gerichtliche Bescheinigung steckte in einem fleckigen Aktenordner, den sie heute morgen in aller Eile aus einer Schreibtischschublade gezogen und unter den Arm geklemmt hatte. »Guten Tag«, sagte sie laut, aber er antwortete nicht. Er saß über den Schreibtisch gebeugt da, versah die Abschlußzeugnisse, die am Samstag morgen ausgegeben werden würden, mit seiner winzigen Unterschrift und legte sie von einem Haufen auf den anderen, und jedesmal, wenn es schien, als würde er seine Tätigkeit unterbrechen und aufsehen, griff er nach dem nächsten Formular.
Das Büro sah ziemlich normal aus. Überall stapelten sich Bücher und Papiere, die Wände waren mit diversen Zertifikaten, gerahmten Fotos von Abschlußklassen und den bunten Wimpeln der Colleges geschmückt, die Absolventen der Schule besucht hatten: University of San Francisco, Yale, Stanford, Gallaudet. Dana versuchte sich zu erinnern, wann sie zuletzt in diesem Raum gewesen war – konnte es sein, daß das vor nunmehr einem Jahr gewesen war, bei ihrer Einstellung? –, und ihr Blick blieb an einem sehr kleinen, in Öl ausgeführten Porträt hängen, auf dem Dr. Koch in irgendeinem Saal vor einem nur schemenhaft erkennbaren Publikum gebärdete. Der Künstler schien eine Vorliebe für Rot gehabt zu haben, denn das Gesicht des Dargestellten glich in Farbe und Beschaffenheit einem rohen Stück Fleisch.
Das ist alles sehr unerfreulich«, sagte er, sah abrupt auf und machte zugleich Gebärden, damit sie ihn ansah. »Eine Katastrophe. Und der Zeitpunkt könnte nicht schlechter gewählt sein. Ich meine, bitte: in der letzten Woche. Haben Sie überhaupt schon die Abschlußnoten ermittelt?«
Vielleicht lag es daran, daß sie gereizt war – ihr Wagen stand noch immer auf dem Parkplatz der Verwahrstelle, irgendwo da draußen gab sich ein Krimineller als sie aus, sie hatte drei Nächte lang kaum geschlafen, und hätte ihr jemand einen Elektrostock in den Mund gesteckt, so hätte es sich nicht schlimmer anfühlen können –, aber er hatte die falschen Worte gewählt. Sie traten durch Danas Augen ein, wurden im Gehirn verarbeitet und setzten eine Reaktion in Gang, die sie veranlaßte, so unvermittelt aufzustehen, daß ihr Stuhl umfiel und mit einem Geräusch auf den Boden schlug, das vermutlich dumpf war, wenn sie es nur hätte hören können. Sie reden, als wäre es meine Schuld, gebärdete sie.
Er musterte sie unverwandt, die Hände auf dem Schreibtisch gefaltet. Er konnte hören, aber er war sein Leben lang in der Gehörlosenbildung tätig gewesen und beherrschte die Gebärdensprache so gut wie ein Gehörloser, nur daß sie bei ihm jeden persönlichen Ausdruck vermissen ließ. Den konnte man nicht lernen, soweit Dana wußte. »Wer sonst sollte denn schuld sein?« sagte er, und seine Hände rührten sich nicht.
Haben Sie meine E-Mail nicht bekommen? fragte sie.
»Ich habe sie bekommen. Aber daraus geht nicht einmal annähernd hervor, warum Sie sowohl am Freitag als auch am Montag nicht zum Unterricht erschienen und obendrein heute zu spät gekommen sind. Hätten Sie nicht wenigstens anrufen können? Wäre das nicht ein Gebot der Höflichkeit gewesen?«
Ich war im Gefängnis.
»Ich weiß. Deswegen führen wir ja dieses Gespräch.« Er senkte den Blick auf den Schreibtisch, hob einen Papierbeschwerer in Form eines Footballs auf (Zweiter Platz, Division III Playoffs, 2001) und stellte ihn wieder hin. »Man darf doch telefonieren.«
Einmal. Man hat einen Anruf. Ich hab meinen Freund angerufen –
»Schön. Schön für Sie. Aber hätte er nicht anrufen können? Oder sonst irgend jemand?«
– damit er mich auf Kaution rausholt.
»Ihre Schüler haben sich Sorgen gemacht, vor allem diese Rogers, wie heißt sie noch, Crystal. Wir alle haben uns Sorgen gemacht. Und ich finde es ziemlich unprofessionell – und rücksichtslos –, einfach so zu verschwinden. Noch dazu in der letzten Woche des Schuljahrs. Aber Sie sind nicht auf Kaution entlassen worden, stimmt’s?«
Sie haben meine E-Mail gelesen. Ich konnte nichts tun. Es war ein Fall von Verwechslung – nein, schlimmer, von Identitätsdiebstahl –, und wenn Sie denken, es sei eine reine Freude, eingesperrt zu sein, probieren Sie’s mal aus – Sie werden sich wundern. Es war schlimmer als der schlimmste Alptraum. Und Sie haben die Dreistigkeit, mir die Schuld zu geben?
»Ihr Ton gefällt mir nicht.«
Ihr Ton gefällt mir auch nicht.
Er schlug mit so großer kinetischer Energie auf die Schreibtischplatte, daß ein Papierstoß sich neigte, und während die Blätter lautlos auf seine Schuhe rieselten, sprang er auf, als hätte ihn dieser Impuls gerade erst überkommen. »Genug!« rief er, und jetzt gebärdete er, wütend, mit Händen, die sich bewegten wie die eines Preisboxers. Was Ihnen gefällt oder nicht gefällt, spielt überhaupt keine Rolle. Ich darf Sie daran erinnern, daß Sie eine Angestellte sind – mit einem befristeten Vertrag. Eine Angestellte, die in der Hälfte der Fälle zu spät –
»Schwachsinn!« sagte sie und wiederholte das Wort mit Nachdruck: »Schwachsinn!« Dann drehte sie sich um und schlug die Tür mit so viel Schwung hinter sich zu, daß sie das Vibrieren im ganzen Arm spürte, als sie an der Sekretärin vorbeiging, durch den Korridor, hinaus.
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