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Ein Lieblingsbuch: Yoko Tawadas Essays
Wenn wir eine Thunfischbüchse öffnen, auf der eine Japanerin abgebildet ist, wundern wir uns nicht, wenn der gelöste zackige Metalldeckel nur Thunfischstückchen freigibt und nicht etwa eine Puppenminiatur der Schönen von der Büchse. Der Vogel Phönix breitet seine Schwingen um eine Schachtel, in der ein Stück Seife liegt. Wir haben nichts anderes erwartet. Wir haben freudig die Kinderschule der Werbung absolviert, weil sie in ihren ersten Lektionen nur spielerisch Strukturen aufgreift, die in unserem Sprachgebrauch angelegt sind. Auch Wörter sind Verpackungen, die zumindest im alltäglichen Umgang nicht zu wörtlich genommen werden dürfen, soll eine praktische Kommunikation gelingen.
Metamorphosen
Nun wäre die These denkbar, dass Dichter eben jene unpraktischen Menschen seien, die Verpackungen ernst nehmen und ihre Schlüsse daraus ziehen. So wie Yoko Tawada: «Ich öffnete die Dose zu Hause und sah ein Stück Thunfisch darin. Die Japanerin schien sich während der langen Schiffsfahrt in ein Stück Fisch verwandelt zu haben.» Dieses Erlebnis der Metamorphose der Japanerin (das Schiff hat sie in seinen Spiegel-Laut Fisch übergesetzt) stellte sich an einem Sonntag ein, weil die Dichterin sich vorgenommen hatte, sonntags keine Schrift zu lesen (Schrift: ein Klang übrigens, der Schiff wie Fisch geladen hat).
Andererseits begann sie nun, einzelne Menschen als Buchstaben zu nehmen. Menschengruppen konnten «Wörter» bilden. Auch wenn sie mit dem «Inhalt» der Kultur direkt nichts zu tun hatten, wurden solche Konstellationen zur Motivation, «hin und wieder die äussere Verpackung zu öffnen, um eine weitere Verpackung darunter zu entdecken».
«Talisman», die lockere Sammlung von Essays, Skizzen, Beobachtungen und einem Märchen vom «Wörterbuchdorf», gehört sicher zu den anregendsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. Für manche Leser wenn sie etwa Peter Bichsel mögen könnte es ein Lieblingsbuch werden.
Die 36jährige Yoko Tawada, ausgezeichnet mit mehreren japanischen wie deutschen Literaturpreisen, kam erstmals 1979 mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Deutschland; seit 1982 lebt sie in Hamburg. Sie reist hin und her zwischen Asien und Europa und hat gelernt, in zwei Sprachen zu schreiben, also zu leben, also zu schreiben. Sie fährt gerne Zug, und wenn sie durch den Gotthard kommt, ist der Berg der Körper eines Mannes (mit Namen Gotthard), und seine Öffnungen sind Buchstaben: «Plötzlich stiess der Sonnenstrahl durch das Fensterglas hinein: Airolo. In diesem Namen steht zweimal der Buchstabe O, als wollte der Name die Form der Tunnelausgänge, die ich hinter mir gelassen hatte, nachbilden.»
Als Reisende kreuzt sie Sprachland, wo sie selbst im Vertrautesten unbekanntes Terrain entdeckt: «Ein deutscher Bleistift unterschied sich kaum von einem japanischen. Er hiess aber nicht mehr Enpitsu, sondern Bleistift. Das Wort Bleistift machte mir den Eindruck, als hätte ich jetzt mit einem neuen Gegenstand zu tun. (. . .) Bis dahin war mir nicht bewusst gewesen, dass die Beziehung zwischen mir und meinem Bleistift eine sprachliche war.» Deutsch ist nicht ihre «Muttersprache», aber ihre Schreibmaschine mit dem deutschen Tastenalphabet wird nun ihre «Sprachmutter», mit der sie ganz elementar noch einmal sprechen lernt, also die Welt erfasst: «Wenn man eine neue Sprachmutter hat, kann man eine zweite Kindheit erleben. In der Kindheit nimmt man die Sprache wörtlich wahr.» So buchstabiert sie sich durch den deutschen Sprachraum, durch die Schweiz wo Andermatt ein «Ort des unbeschriebenen Papiers» ist, während in Göschenen das Geröll und die Steine sprechen und auch durch das exotische Schwaben, wo ihr eine gespiegelte Sechs ein Rätsel aufgibt, nämlich das B-Rätsel oder die Brezel, wie sie dort ein Laugengebäck nennen.
Dabei entstehen einfache Sätze, die, zunächst staunend, über scheinbar Selbstverständliches sprechen. Und wir folgen dem harmlos wie einem vergnügten Kind, das auf dem Eis Kurven fährt, um uns dann beiläufig zu zeigen, dass die Spuren der Schlittschuhkufen das Wasserzeichen eines imaginären Textes sind.
Doch wo wir noch lächeln, brechen wir schon ein. «In Europa empfindet man Schuldgefühl bei Verwendung von Plastic, wahrscheinlich, weil der Kunststoff nicht von Gott geschaffen ist. In Asien ist Plastic kein Sündenfall.» Yoko Tawada zitiert zwei Sprüche von den Toilettentüren des germanistischen Seminars in Hamburg: «Gott ist tot» neben «Der deutsche Wald stirbt», und folgert dankbar: «Da wurde mir die historische Reihenfolge zum erstenmal bewusst: Zuerst kommt das Christentum, und dann folgt der Baumkult.»
«Sieben Rosen später»
Der japanische Blick ist offen für Erscheinungen des Animismus gerade in hochtechnisierten Kulturen. Wenn wir schon gerne «auf Holz klopfen», so sollen wir doch den «Computer, dessen Körper aus Plastic und Elektrizität besteht» und der eine Quelle von Unglück ist («wie eine Naturkatastrophe unvermeidlich und unvorstellbar»), auf eine Holzplatte stellen. Die Autorin über-setzt unseren Alltag so, als wollte sie ihn für sich selbst erst erklärlich machen eine wunderbare Fiktion.
Das schönste Stück des Bandes ist vielleicht: «Das Tor des Übersetzers oder Celan liest Japanisch», wo sie übrigens von einem japanischlesenden deutschen Muttersprachler erst aufmerksam gemacht nachvollzieht, dass das japanische Radikal für «Tor» (ein Radikal ist ein grundlegendes Schriftzeichen, das mit anderen Zeichen verschiedenste Verbindungen eingehen kann) in den übersetzten Gedichten Paul Celans dominiert. Ihre Beobachtung kulminiert in der Analyse des Gedichts «Sieben Rosen später», wo das Radikal «Tor» auftritt in den Zeichen für «Schwelle», «Hören», «sich auftun», «Zwischenraum», «Leuchten», «Dunkel» und «Tor» selbst. «Das entspricht den sieben Rosen oder den sieben Stunden (. . .). Bei der Lektüre öffnet sich jede Rose wie ein Schriftzeichen, wie ein Tor oder wie ein Zwischenraum» und führt zu zentralen Themen und Strukturen der Poesie Celans. Solche Passagen könnten Leser und Reisende einladen, für die es «eine schöne Vorstellung» ist, «dass etwas durch die Übersetzung erwachen kann».
Angelika Overath
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Wer sich wie ich für die japanische Sprache interessiert, wird „Das Wörterbuchdorf" mögen. Dieses kleine „Buch im Buch" ist auf sechzehn Seiten zweisprachig abgedruckt.
Mein Fazit: Nicht zu unrecht hat die Autorin den angesehensten japanischen Literaturpreis „Akutagawa-Sho" und den Chamisso-Preis erhalten - Empfehlenswert.
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