Mit "Taliban: Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia" hat Ahmed schon im Jahr 2000 ein Buch vorgelegt, das sich heute zu Recht als Standardwerk bezeichnen lässt. US-Soldaten die nach Afghanistan ziehen lesen es, an rund 200 US-Universitäten wird es sogar als Lehrbuch verwendet und Ahmed Rashid gilt mittlerweile als weltweit anerkannter Taliban-Experte, der Raubdrucken seines in der arabischen Welt weitgehend verbotenen Werks sogar schon in Saudi-Arabien begegnet ist. Die aktualisierte Neuauflage des Jahres 2010 unterscheidet sich allerdings nur insofern von ihren Vorgängern dass das nach 9/11 eingefügte Kapitel um "Der 11. September und Afghanistan" auf den aktuellen Stand gebracht wurde, wie auch manche Abschnitte des Anhangs. In Grundzügen entspricht "Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch" also immer noch der ursprünglichen Ausgabe von 2000 und Rashid bekennt so gut wie keine der damaligen Ausführungen angepasst zu haben. Somit ist das Buch mit Ausnahme des aktualisierten (vierten) Post-9/11-Kapitels nach wie vor ein Porträt des Aufstiegs der Taliban, den Rashid als Journalist vom Beginn an genau beobachtet hat.
Was Rashid beschreibt ist zunächst einmal der Aufstieg der Taliban als Hoffnungsträger in einem von Bürgerkriegen und Clanfehden ruinierten Land. Doch sind diese Taliban kein ideologisch monolithischer Block, sondern verfolgen oft auch widerstrebende und unklare Ziele. Für die Mehrheit der Taliban stellt Rashid jedoch fest, dass sie auch aus einem Patschtunen-Nationalismus heraus handeln, nachdem in Kabul vor allem während der Zeit des Kalten Krieges oft nationale Minderheiten den Ton angaben und während des Bürgerkrieges von unterschiedlichen Nachbarstaaten Unterstützung erhielten. Als die Taliban schließlich ihre Blutjustiz durchzusetzen begannen nahm es die von den zahllosen Bürgerkriegen erschöpfte und durch die Warlords ausgepresste Bevölkerung einfach hin, ebenso wie die völlige Entrechtung der Frauen, die Schließung aller Mädchenschulen und die Verbannung alles Weiblichen aus der Öffentlichkeit. In der Hoffnung auf lang ersehnte Ruhe, ein Ende der willkürlichen Gewalt und Kriminalität. Das Heer der Taliban selbst setzte sich vor allem aus Kriegswaisen zusammen, die in den Flüchtlingslagern Pakistans rekrutiert und in den dortigen Madrassen indoktriniert wurden. Dass sie den Kurs der Taliban beinahe bedingungslos und mit aller Härte umzusetzen bereit waren, deutet Rashid auch als ein Zeichen für ihre völlig Entwurzelung und die durch die Taliban angebotene Gemeinschaft, in die sich fügen konnten. Eine Wurzel für die Verachtung der Taliban gegenüber Frauen verortet Rashid bei den damaligen jungen Rekruten vor allem in der Tatsache dass die Halb- und Vollwaisen oft ohne weibliche Verwandte aufwuchsen und daher schon von sich aus ein gewisses Befremden gegenüber Frauen miteinbrachten.
Schon 1994 als die Taliban sich in Kandahar zu formieren begannen nutzte Rashid die Gelegenheit Interviews mit einigen der damaligen Führungskader zu führen, etwa Mullah Mohammed Hassan Rhmani, der Nummer zwei hinter Mullah Omar. Wie Omar gehörte auch Rhmani noch zur ersten Generation von Mudschaheddin, die noch gegen die Sowjets zu kämpfen hatten, während die von ihnen rekrutierten beinahe ausnahmslos Kinder dieses Krieges waren. Die Pakistanische Unterstützung der Taliban bei der Eroberung des Landes von den Warlords war jedoch alles andere als uneigennützig oder eine Geste der islamischen Solidarität, sondern geschah aus politischem Interesse, nämlich der Sicherung von Handelsrouten, womit sich die Taliban auch bei den einstigen Nomaden, der nach Rashid heutigen LKW-Mafia, Sympathien verschaffen konnten. Musste man bis dahin auf dem Weg durch das östliche Afghanistan dutzende Wachposten der Warlords auf den Fernhandelsstraßen bestechen, so wurden diese Aufwände nun erheblich verringert.
Nach dem Rashid den Aufstieg der Taliban nachgezeichnet hat, widmet er sich im zweiten großen Kapitel seines Buchs vor allem der Organisation der Taliban, wobei er zunächst den islamischen Fundamentalismus der Taliban genau unter die Lupe nimmt und dessen Herkunft untersucht. Doch auch die politische und militärische Organisation (zumindest bis ins Jahr 2000) sind Gegenstand Rashids Analysen. So sei der Fanatismus der Taliban nicht einmal so ungewöhnlich, da alle Afghanen sehr religiös seien und die Religion im multiethnischen Afghanistan einen Integrationsfaktor darstellt, auch wenn die Taliban ein patschtunisches Übergewicht aufzuweisen haben, der sich vor allem in ihrer Führungsriege ausgeprägt hat. Denn in der Obersten Schura, mit Sitz in Kandahar befanden sich vor allem Freunde und Vertraute Mullah Omars und diese "Kandaharis" sollten schließlich auch mit der Macht über Provinzen und diverse Posten betraut werden. Regionale Eliten wurden dabei sehr gerne vor den Kopf gestoßen, denn der revolutionäre Machtanspruch der Taliban und Mullah Omars Praxis der Postenvergabe sah keinen Platz für diese vor. Die Kabul-Schura welche auch die offizielle Regierung stellen sollte wurde zudem möglichst machtlos gehalten, um den Führungsanspruch Omars nicht zu untergraben. So wurden Minister aufgrund ihres Generalsrangs in der Bewegung oft wieder zurück an die Front geschickt, um zu vermeiden dass sie ihr Amt zum Aufbau eines eigenen Machtbereichs nutzen würden. Wichtige und für das Land notwendige Entscheidungen wurden so immer wieder vertagt. De facto ohne Regierung war das Land nun gänzlich ruiniert, da auch das Schulsystem zum Zusammenbruch gebracht wurde als tausende Lehrerinnen entließ. Finanziell konnte sich das Regime nur dadurch erhalten, dass selbst entgegen Verbots von Anbau und Konsum von Drogen im Koran, eine Drogenwirtschaft forciert wurde, die den Bauern durchaus ein kleines Vermögen verschaffen konnte.
Rashids drittes großes Kapitel beschäftigt sich schließlich explizit mit dem neuen Großen Spiel in der Region und den jeweiligen Machtinteressen der Anrainerstaaten und Großmächte. "Diktatoren und Ölbarone: Die Taliban und Zentralasien, Russland, die Türkei und Israel" beschäftigt sich vor allem intensiv mit der Pipelinepolitik in der Region, die selbst an Öl und Gasvorkommen arme Staaten aufgrund möglicher Transitrouten eine bedeutende Rolle einräumt. Neben den zentralasiatischen Republiken werden dadurch auch der Iran, die Türkei, USA und Russland auf den Plan gerufen. Aber Rashid belässt es nicht bei diesen energiepolitischen Interessen, er geht noch einmal in den Bürgerkrieg zurück, um etwa die Unterstützung des Irans für die afghanischen Schiiten und die damit im Stellvertreterkrieg ausgetragenen Konflikte mit Saudi-Arabien zu durchleuchten. Rashids Ausführungen zum Great Game enden mit einem Fazit zur Zukunft Afghnistans, aus dem Jahre 2000.
Den Abschluss der Neuauflage bildet schließlich das nun eigenständige Kapitel "Der 11. September und Afghanistan" in welchem Rashid die problematische Ist-Situation und düstere Zukunft Afghanistans schildert. Durch den Bürgerkrieg sind viele Stammeshäupter tot, die Eliten geflüchtet oder vertrieben, eine neue kompromissbereite Führungsriege ist nicht nachgewachsen. Bleibt alles beim alten prophezeit Rashid eine islamische Erhebung in Pakistan, den wirtschaftlichen Kollaps der zentralasiatischen Republiken und ein Erstarken der dortigen islamischen Gruppierungen. Die Frage wie ein Jahrzehnte aus dem westlichen Bewusstsein völlig verdrängtes Land eine ganze Region und die Weltpolitik destabilisieren kann wird durch Rashids Ausführungen zu Afghanistan nach 9/11 jedenfalls auf eindringlichste Weise beantwortet. Im obligatorischen Anhang finden sich neben beispielhaften Verordnungen der Taliban, eine Liste zur hierarchischen Struktur der Taliban, eine Chronologie der Ereignisse von 1992 bis 2008, sowie ein zweiseitiger Glossar afghanischer Begriffe und natürlich das übliche Literatur-, Anmerkungs-, Namens- und Ortsregister, nur um die Aufzählung vollständig zu halten.
- Resümee -
Rashids Standardwerk mag teilweise zwar veraltet sein, was ein wenig befremdlich wirkt, aber in der Grundsubstanz ist es aktueller denn je. Gerade seine Zukunftsperspektiven sind etwas dem man nur höchste Glaubwürdigkeit zusprechen kann. Stilistisch ist Rashids Werk durchaus gelungen, eine Vielzahl an für den westlichen Leser zweifelsfrei völlig neuen Fakten wird verständlich vermittelt.