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The Revealing Science of God
Auch wenn sich eigentlich alle vier Kompositionen auf dem gleichen qualitativen Niveau befinden, stellt "The Revealing Science of God" für mich das beste Lied des Albums dar: Jedes Instrument passt perfekt, keine Sequenz ist zu lang, das Ganze ist absolut rund und geschlossen. Durch die verschiedenen Tempiwechsel und die abwechslungsreiche Mischung aus Rock, Elektronik, Gesang und Sinphonik kommt nie Langeweile auf. Besonders schön ist der Anfang, mit den langsam lauter werdenden Brandungsgeräuschen und den immer stärker und druckvoller aufgetürmten Gesang, der sich schließlich in einem befreienden Keyboard- und Akustikgitarrensolo auflöst.
The Remembering
„The Remembering" ist der harmonischste und angenehmste der vier Songs. Besonders der Anfang mit seinen schwebenden, verträumten Sitarklängen und dem fast rezitierendem Mantragesang von Anderson verleiht dem Ganzen eine sehr geschlossene Atmosphäre, die sich durch das ganze Lied zieht. Die bescheidene Orgel im Hintergrund kontrastiert gut mit dem bombastischen Sequenzen, die von einer sphärischen und orchestralen Keyboardpassage abgelöst wird. Diese bricht jedoch überraschend ab, um für einen heiteren und fast übermütigen Gesangs- und Akustikgitarrenteil Platz zu machen. Auch wenn „Remembering" sehr schön ist, hat es ab und zu einen kleinen Durchhänger, weil manche Sequenzen etwas länger sind als nötig (vor allem die ausladenden Keyboardpassagen). Mit seiner ruhigen Anschmiegsamkeit dient „Remembering" aber auch als harmonischer Gegenpol zum wilden „Ancient".
The Ancient
Hier stelle ich mir immer einen Mann vor, der völlig gehetzt durch den Urwald rennt... Tatsächlich entfernen sich Yes in „The Ancient" vermutlich am weitesten von üblichen Hörgewohnheiten; anfangs hat man das Gefühl, Musik aus einem völlig anderen (und wilderen!) Kulturkreis zu hören: Die klirrenden Hi-Hats schaffen eine nächliche, geheimnisvolle Atmosphäre und die spannungsgeladene und treibende Percussion (so rhythmisch war Yes noch nie!) baut in kongenialer Verbindung mit Howes heulender Gitarre eine geradezu paranoide und unterschwellig aggressive Stimmung auf. Die hymnischen Zwischenspiele mit den fetzig nachhallenden Girtarren im Hintergrund bilden den perfekten Kontrast dazu. Etwa nach der Hälfte des Liedes baut sich dann plötzlich aus einer einsamen Akustiknummer ein wunderschöne und melodiöse Gegenwelt auf. Der Schluss trifft mich jedes Mal wie ein Schlag: Ein perfekt platziertes, aber viel zu kurzes, beinhartes Riff by Howe, das den Hörer aus dem Lied katapultiert.
Ritual
"Ritual" ist ähnlich abwechslungsreich wie "Revealing" aber dafür etwas ungeschliffener. Hier wird am meisten rumexperimentiert, einige Sachen sind noch anstrengender als „Ancient", aber es lohnt sich trotzdem. Vieles deutet bereits auf das furiose „Gates of Delirium" hin, doch das Lied hat auch ein paar wundervoll harmonische und packende Momente (z.Bsp. der Teil mit der summenden Gitarre (die auch am Anfang zu hören ist), der mich immer an einen afrikanischen Chor erinnert). Besonders schön sind vor allem die Nous-sommes-du-soleil-Parts. Doch gerade weil das Stück eigentlich recht gut ist, ärgert es mich jedes mal, dass das „lalala"-Thema am Anfang und der endlose Mittelteil unnötig in die Länge gezogen wurden; man wartet regelrecht darauf, das bald etwas neues passiert (aber das geschieht dann ja auch...).
Nach dem Meisterwerk „Close to the Edge" dachten eigentlich die meisten, dass das wohl nicht mehr zu überbieten sei, aber Yes haben es dennoch gewagt (übrigens spielt Wakeman in „Ritual" an der Stelle 4.25 tatsächlich ganz kurz „Close to the Edge" an). Tja, für die einen ist „Tales from Topographic Oceans" völlig aufgeblasen, überambitioniert und unzugänglich und für die anderen gehört es zum besten, mutigsten und kreativsten was Yes je geschaffen haben.
Man muss zwar zugeben, dass es bei rund achtzig Minuten Laufzeit den einen oder anderen Durchhänger gibt, aber das ist im Hinblick auf die gewaltige Leistung dieser Band eigentlich egal. Da halte ich es mit Mike Tiano, der im Booklet zur remasterten „Tales" Version am Schluss schreibt:
„Yes were fortunate to have had the creative freedom to produce this bold and innovative work - and we are fortunate that they did."
(Yes hatten Glück, die kreative Freiheit zu haben, dieses kühne und innovative Werk zu produzieren - und wir haben Glück, dass sie dies taten.)
»The Revealing Science Of God« braucht keine weitere Präsentation. Heute noch gilt es als ein Yes-Klassiker. Die Stärke dieser Komposition ist nahezu religiösen Ursprungs. Eine ungewöhnliche, vielseitige, absolut hervorragende Komposition!
»The Remembering« hat auch eine große Vielseitigkeit - aber es ist nicht ganz so "komplett" wie »The Revealing Science Of God«. Das Refrain (when man bei 20-minütigen Epics von ein Refrain sprechen kann) ist sehr schön, und die Instrumentierung ist interessant, verschiedene Musikgenren berührend.
»The Ancient« enthält alles von brüllenden Trommel über weinenden Keyboards zu Singenden akustischen Gitarren. Dies macht die Komposition dynamisch aber auch "schwierig erreichbar". Ein sophistikiertes Stück Kunst.
»Ritual« ist das vielleicht beste Stück auf »Tales From Topographic Oceans«. Dem Risiko, blasphemisch zu klingen, bewußt, leide ich unter der Versuchung, es mit Queens »Bohemian Rhapsody« zu vergleichen. In »Ritual« durchlaufen Sie so viele Stimmungen, so viele Instrumente, so viele Geschichten. Sie erleben so viele Dinge in dieser langen Erzählung musischer Kunst.
DAS ist Yes!
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