Zuletzt hatte ich von Shaun Tan "The Arrival" ("Ein fremdes Land") gelesen - und war fasziniert davon, wie man gleichzeitig eine individuelle Geschichte und doch auch die "Geschichte der Immigration" schreiben kann. Im angesprochenen Werk funktionierte das ganz ohne Worte. Wie aber fühlen sich Shaun Tans Bilder an, wenn er einen begleitenden Text dazu schreibt?
Ganz ähnlich, gottlob! Der Australier ist nämlich tatsächlich nicht nur ein wunderbarer, sanft fantastisch-surrealistischer Maler, sondern auch ein ganz beeindruckender Erzähler. Und obwohl man bei den "Tales from Outer Suburbia" zunächst das Gefühl hat, man lese hier Geschichten für Kinder, wird man das Gefühl nicht los, dass oft auch ein tieferer Sinn in den Kurzgeschichten verborgen ist. In jedem Fall zeigt sich hier eine ganz erstaunliche Emotionstiefe, und zuweilen sogar Gesellschaftskritik. Shaun Tan benötigt hierfür keine "Charaktere" im herkömmlichen Sinn; er erzählt von "unserer Familie", "der Nachbarschaft", "der Frau von nebenan" oder von "mir und meinem Bruder". Namen vergibt er selten, Eigenschaften auch nur punktuell, selbst Orte spezifiziert er nur ungern. Die meisten Geschichten könnten einfach nur irgendwo in Australien spielen. Dass Shaun Tan es dennoch schafft, Gefühle für seine Protagonisten zu wecken und ihnen eine "Seele" zu geben, ist eine wirklich große Errungenschaft. Er verbindet seine fantastischen Elemente so überzeugend mit dem alltäglichen Leben, dass man fast glauben könnte, auch am Ende der eigenen Straße hätte es einmal einen alten, weisen Wasserbüffel gegeben. Shaun Tans Schöpfungskraft versetzt einen dauerhaft in Erstaunen; bereits die vielen, vielen kleinen Zeichnungen auf der Innenseite des Einbands zeugen von ungeheurer Kreativität.
Nach diesem Autor werde ich in Zukunft weiter die Augen offen halten - auf seine nächsten Projekte bin ich sehr gespannt!