Ein Offizier der türkischen Armee sitzt an seinem Schreibtisch und verfasst einen letzten Brief. Er ist ein Abschied und zugleich eine letzte Bitte an seinen Freund Polat Alemdar. Danach nimmt er seine Pistole, hält sie sich an die Schläfe und drückt ab. Am 3. Juli 2003 war dieser stolze Offizier einer der 11 Männer, die in Süleymaniye verhaftet und von amerikanischen Soldaten wie Terroristen behandelt worden waren. In Rückblenden sieht man, wie eine US- Einheit den kleinen türkischen Stützpunkt umstellt und sich schließlich mit vorgehaltenen Waffen zutritt verschafft. Unter den Amerikanern ist auch ein Mann in Zivil, der von Billy Zane gespielte Sam William Marshall, der diese Operation allem Anschein nach leitet. Was er will, bleibt unklar. Letztlich geht es ihm wohl nur darum, ein Zeichen zu setzen und seine Macht zu demonstrieren. Der türkische Kommandant ruft sofort seinen Oberbefehlshaber an und bittet ihn um die Erlaubnis, Widerstand leisten zu dürfen. Sich den zahlenmäßig weit überlegenen Amerikanern zu widersetzen, käme zwar einem kollektiven Selbstmord gleich. Aber für Männer von Ehre ist der Tod allemal der Schande vorzuziehen...
Death before Dishonor!", das gilt gerade auch für einen türkischen Offizier. Doch sein Vorgesetzter verweigert ihm diese Bitte, und so bleibt den 11 Soldaten nichts als die Kapitulation.
Mit diesem Prolog, der ein höchst undurchsichtiges Ereignis als perfiden Angriff auf die türkische Ehre darstellt und es damit seiner Mehrdeutigkeit beraubt, geben Serdar Akar und seine beiden Autoren den Ton für den gesamten Film vor. Die ideologische Stoßrichtung ihrer direkt aus dem Leben gegriffenen und dann an die Konventionen des Action- Genres angepassten angepassten Erzählung ist so eindeutig wie Polat Alemdars Auftrag. Der aus der Serie Kurtlar Vadisi" als Mann von Ehre bekannte Undercover- Agent soll die Schmach tilgen, die auf dem Leben seines Freundes wie auch auf der Ehre der ganzen Nation liegt. Er, den schon sein Name als Bannerträger" ausweist, als einen, der immer aufrecht vorangeht und sein Volk so auf den rechten Weg führt, muss das Geschehen rächen und damit die gerechte Ordnung der Dinge wiederherstellen. Polat, der in der Fernsehserie die Mafia unterwandert hat und dabei auch schon gegen aus dem Westen kommende Kräfte ins Feld gezogen ist, handelt hier endgültig nicht mehr im Namen einer offiziellen staatlichen Institution. Schon in der Serie deutete sich an, dass Polat ein Mann des tiefen Staates" ist. Dieser tiefe Staat" ist ein fast schon mythisches Gebilde, ein Staat im Staat, den man sich als Zusammenschluss von türkischen Nationalisten und ausgewählten Vertretern von Geheimdiensten und Armee vorstellen muss. In ,Tal der Wölfe' ist Polat nun zweifellos in einem höheren Auftrag unterwegs, einem Auftrag, den er nicht nur von seinem toten Freund erhalten hat. Hinter ihm steht auch die Idee einer starken, Ehrfurcht gebietenden türkischen Nation, die in der nachfolge des osmanischen Reiches den mittleren Osten befriedet und dessen Geschicke lenkt. Und genau dieser Geist ist es auch, der die Vereinigten Staaten und die Türkei, diese ehemaligen Partner und Verbündeten, im Irak zwangsläufig zu Antagonisten werden lässt.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein kleines, im Prolog erwähntes Detail besonderes Gewicht. Bahadir Özdener und Raci Sasmaz betonen ausdrücklich, dass sich Sam Marshall und der Kommandant des türkischen Außenpostens schon vor dem Zwischenfall kannten. Marshall und ein Teil seiner Männer waren zumindest einmal als Gäste in dem Lager der elf Soldaten. Man hat gemeinsam Tee getrunken. Diese Gastfreundschaft vergüten die Amerikaner am 3. Juli mit ihrem Überfall. So betonen die beiden Drehbuchautoren noch einmal den Dolchstoß- Charakter der ganzen Episode. Es gab keinerlei Anlass für das Vorgehen der US- Soldaten - als der Kommandant Marshall nach dem Grund dieser Besetzung fragt, erhält er keine vernünftige Antwort. Sie erscheint dem Zuschauer als ganz und gar unprovozierter Akt der Provokation. Marshall erniedrigt nicht nur die Soldaten und mit ihnen auch das, wofür sie stehen, er tritt auch die Gastfreundschaft mit Füßen und beleidigt so das türkische Volk noch ein weiteres Mal. Zudem schwingt in dem Verweis auf das Ritual des gemeinsamen Teetrinkens noch anderes mit. Der türkische Offizier hat nicht nur Marshall und seine Männer als Gäste empfangen. Die Amerikaner können, wenn man die Idee eines neuen osmanischen Reiches ernst nimmt, in dieser Region der Welt nie etwas anderes als Gäste sein. Während die Türken im Nordirak einen Platz eingenommen haben, der ihnen aus historischen wie auch aus ethnischen Gründen zustehe - schließlich bilden die Turkmenen einen Teil der dortigen Bevölkerung - , sind die Amerikaner im besten Fall Fremde, im schlimmsten Fall nichts als Eindringlinge."
Nun zu den wahren Hintergründen:
Am 3. Juli 2003 umstellte eine amerikanische Einheit einen Außenposten der türkischen Armee in der nordirakischen Stadt Süleymaniye und stürmte ihn schließlich. Die 11 türkischen Offiziere, die auf diesem Posten stationiert waren, wurden verhaftet. Vor dem Abtransport in Richtung Bagdad stülpte man ihnen, wie es auch bei Terrorverdächtign üblich ist, Säcke über den Kopf. Ein paar Tage später wurden die 11 Offiziere wieder auf freien Fuß gesetzt und mussten in die Türkei zurückkehren. Die Hintergründe dieses Zwischenfalls, der als Hood Event" (= Sack- Affäre) für Schlagzeilen in der türkischen Presse gesorgt hat und von vielen als tiefe Schmach für die nationale Ehre empfunden worden ist, sind letztlich nie wirklich an die Öffentlichkeit gedrungen. Wie so viele andere Vorkommnisse im nun schon mehr als 3 Jahre andauernden Irak- Krieg ist auch diese Konfrontation zwischen zwei Nato- Partnern von zahllosen Fragen umgeben. Unklar ist alleine schon, was genau der Auftrag, der im kurdischen Teil des Iraks stationierten türkischen Offiziere war. Von offizieller türkischer Seite war nur zu hören, dass die Soldaten die Situation in dieser Region beobachten sollten. Schließlich betrachteten sowohl die türkische Militärführung als auch die Regierung die Entwicklungen im Nordirak mit einigem Unbehagen. Die kurdische Autonomie könnte sich schließlich auch auf die Lage in der angrenzenden Südtürkei auswirken. Von kurdischer Seite hieß es dagegen, dass die in Süleymaniye stationierten Soldaten mehrere Anschläge, u.a. auf den Gouverneur der Region Kirkuk, verbreitet hätten. Etwas Ähnliches ließ auch der US- Kommandant in Kirkuk verlauten. Allerdings wurde nie Anklage gegen die verhafteten Offiziere erhoben. Von amerikanischer Seite hat man daher alles daran gesetzt, die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich unter den Teppich zu kehren.
In der Türkei hat sich dagegen eine Art nationaler Legende rund um den Vorfall entsponnen. Ihr zufolge war die US- Militäraktion gegen diesen Außenposten ein symbolischer Racheakt. Schließlich hatte die türkische Regierung dem Nato- Bündnispartner nur wenige Monate zuvor jede Hilfe im Irak- Krieg verweigert, was das Pentagon vor einige strategische und logistische Schwierigkeiten gestellt hat. Die Verhaftung und anschließende Erniedrigung der 11 Offiziere zeugen nach dieser Art der Ereignisse einmal mehr von der maßlosen Anmaßung und Arroganz der US- Regierung. In ihrem imperialistischen Auftreten und Streben schrecken die Vereinigten Staaten demnach auch nicht davor zurück, eine ihnen an sich nahe stehende Nation zu demütigen. Erzählungen und Interpretationen wie diese stehen seit einigen Jahren hoch im Kurs der Türkei. Die Zeiten, in denen man sich den Vereinigten Staaten nahe fühlte sind vorbei. Nun ist Amerika vor allem ein Aggressor, der mit seiner Politik eine ganze Region instabilisiert. Und je machtloser die Türkei auf internationaler Bühne agiert, desto größer wird der Zorn auf das Vorgehen der letzten noch existierenden Weltmacht. Vor diesem Hintergrund der vor allem von dem Selbstwertgefühl der türkischen Nation geprägt wird, erhält die ,Sackaffäre' überlebensgroße Bedeutung. Sie wird zu einer Dolchsoß- Legende.
Als man die 11 Gefangenen Offiziere, die Köpfe verhüllt von Säcken, abführte, wurde die Welt Zeuge der militärischen und politischen Impotenz der heutigen Türkei und anderer Länder, gegenüber den USA.
Auf genau dieses Gefühl der Schande und Ohnmacht reagiert Tal der Wölfe". Serdar Akar und seine beiden Autoren setzen ihm eine Allmachtsphantasie entgegen, in der drei türkische Spezialagenten es Uncle Sam, oder wie hier oft in den Rezensionen erwähnt Rambo typisch, praktisch im Alleingang heimzahlen."
Fazit:
Man sollte den Film auch mit seinen politischen und intertürkischen Beweggründen beurteilen. Wie man sieht erfährt der Zuschauer dadurch einiges über das Land (deren Menschen auch unser Land bereichern) und die politischen Beweggründe.
Jedoch ist vielen Rezensionen eine unpolitische, sogar rassistische Tendenz zu entnehmen. Und es sind gerade diese Verfasser die dem Film rassistische Tendenzen vorwerfen.
Wie wäre es also mit etwas Weltoffenheit?
Und einem interkulturellen Verständnis?