Es sind die Landschaften der Wälder, Felder und Seen, eine Art osteuropäisches Skandinavien, die einem auch ohne Trolle und sonstige Kobolde in verzauberte Welten entführen: doch Hexen müssen sein.
Und wie sie sind!, die Hexen, auch ohne ständig direkt als solche genannt zu werden. Dort, im fernen Litauen, im fiktiven Tal der Issa, da sind sie zu Hause. Der hier rezensierende Rhein-Neckar-Poet hat sie gesehen ("Litauische Hexenträume"). Hier hat auch Czeslaw Milosz sie gesehen: im Mythenzauber seiner Märchenheimat, wie an anderer Stelle auch einmal zu lesen war.
"Man muss mit der Beschreibung 'des Landes der Seen' beginnen," - und so beginnt Milosz' Erzählung mit der Beschreibung des Landes der Seen. "Die Wälder ..., die das Klima mildern und vor den Winden des Baltischen Meeres schützen. (...) das Quaken von Tausenden von Fröschen in den Wiesen (ihre Unzahl bestimmt die Menge der Störche, die auf den Hütten- und Scheunendächern nisten)".
Der Roman ist sinnlich, besinnlich, beschaulich. Es gehört enorme Gabe, gar Anstrengung dazu, die Erzählung nicht langweilig zu finden. Falls dies droht empfehle ich, sich einfach den Beschreibungen hinzugeben, sich reinfallen zu lassen ins Dickicht der Landschaft, dort Waldfeen zu suchen, sich auf das Sammeln von Hexenküssen zu konzentrieren. ["Es in den Wäldern zu erleben, / einer Hexe Liebe geben, / und, vom Zauber ganz benommen, / Hexenliebe zu bekommen ..." (R.N.Poet)] - Mit Thomas, dem dreizehnjährigen Protagonisten, dem unterstellten Alter Ego des Autoren und Literaturnobelpreisträgers, geht's in die Sümpfe der Umgebung.
"Auf der Schaukel gibt es einen Augenblick des Stillhaltens - und dann fällt man nach unten, bis es den Atem verschlägt. Plötzlich verwandeln sich die Erde und der Himmel, derselbe Baum, auf den sie durchs Fenster zu schauen pflegte, war anders, die Wolken denen von früher nicht ähnlich, alle Geschöpfe bewegten sich und strahlten, wie mit lebendigem Gold gefüllt." Was mich an dem Buch begeisterte, das waren vielfach wunderschöne Beschreibungen und Formulierungen ...
"Er tauchte mit den Augen in die Blume und wünschte, ganz in diesen rosigen Palast hineinzugehen; die Sonne scheint durch dessen Wände, und am Boden im goldenen Staub laufen Käfer umher; einen hat er einmal in die Nase bekommen, so stark hatte er den Duft eingesogen." Oder: "die Schnecken. Über die feuchten kleinen Wege nach dem Regen setzten sie von einem Rasen zu andern über, hinter sich eine silberne Spur ziehend. In die Hand genommen, verzogen sie sich ins Häuschen, doch kamen sie gleich wieder hervor, wenn man sie anredete: 'Schneck, Schneck, Hörner raus, kriegst drei Groschen für den Schmaus.'"
"Die weiße Orchidee, das ist die Leichtigkeit, und dieses Weiß, das in der Sommerdämmerung leuchtet, ist wie das Weiß der Narzisse. Die mit ihnen bedeckte Wiese ist im Abendnebel, der vom Fluss kommt, voll mit Gespensterchen." ... Czeslaw Milosz, Nobelpreis für Literatur nicht ohne Grund.
Milosz, ein Vertreter des sog. magischen Realismus', verstand sich immer - obwohl er in polnischer Sprache schrieb - als litauischer Dichter. Und so geht es mit Thomas, dem unterstellten Alter Ego des Autoren (siehe oben) nicht nur in die südbaltischen Sümpfe, Flußauen, Felder und Wälder, sondern auch hinein in die polnische Literatur: direkt zu Henryk Sienkiewicz (1846-1916), einem anderen großen polnischen Literaturnobelpreisträger (1905). Denn bei dem "Buch, das er über die ersten Christen und Nero gelesen hatte" handelt es sich unschwer erkennbar um "Quo Vadis?", über jenen römischen Kaiser, der aus den Christen "lebende Fackeln machte, wie das auf der Zeichnung in Großvaters Zimmer zu sehen war." "Diesem Buch muss man den Traum von der Reinheit zuschreiben. Thomas stand in der Arena des römischen Zirkus, inmitten der Gruppe Christen. Sie sangen ein Lied ..." Unvergessen Peter Ustinov als Nero in der Verfilmung von 1951, wenn er während der betreffenden Szene in der Arena beeindruckt sinniert und brummelt: Jetzt singen sie!? ..., und Thomas im Tal der Issa "rollten die Tränen übers Gesicht. Aber Tränen der Wonne, weil es so gut war, nur aus eigenem Willen mit dem Martyrium einverstanden zu sein ..."
"Dolina Issy" stammt aus dem Jahre 1955 (1957 erstmals in deutscher Sprache). Bei der mir vorliegenden Ausgabe handelt es sich um eine sehr schöne Taschenbuchausgabe des Suhrkamp-Verlags, aus der Reihe "Die Romane des Jahrhunderts", "besonders sorgfältig und aufwändig ausgestattet mit schwarzer Klappbroschur, geprägten metallischen Farben und gutem Papier" (Eigenwerbung des Verlags), was ich hiermit nur bestätigen kann.