Takeshi Kitano Collector's Box (3 DVDs)
Mein Einstieg in das filmische Werk Takeshi Kitanos begann mit einer importierten VHS Kassette, von der mich das schwarz-weiß Foto eines Mannes im Anzug ansah. Ein roter Stempel prangte quer über dem Cover: 'VIOLENT COP'. Darüber in großen, schwarzen Lettern: 'A FILM DIRECTED AND STARRING BEAT TAKESHI'. Gerade frisch von Abel Ferrars 'Bad Lieutenant' infiziert und begeistert von brutal-düsteren Cop/Gangster Dramen, sprach mich der Titel und das minimalistische Cover an. Eben dieser Minimalismus der Bildsprache setzte sich im Film fort. Die lakonischen Art des Hauptdarstellers, sein fatalaltistischer Humor und die Fähigkeit ohne Vorwarnung in exzessive Gewalt auszubrechen, haben mich fasziniert. Diesen Stil setzte 'Beat' Takeshi in den Filmen, die ich später ebenso begeistert sah, fort. Sei es auf Seite der Polizei ('Violent Cop' 1989 und 'Hana-Bi' 1997) oder als Yakuza ('Boi-ling Point' 1990, 'Sonatine' 1993 und 'Brother' 2000), Kitanos Figuren blieben eine Konstante, die mich immer wieder von Neuem beeindruckten.
Dabei ist Takeshis Kitanos Lebenswerk sehr viel umfangreicher. Seine Karriere begann in den 70er Jahren als Komiker bei dem Duo 'The Two Beats' (daher: Beat Ta-keshi), nach deren Trennung Kitano als Solokünstler weitermachte. Mit einer Fernseh- und einer Radioshow feierte er große Erfolge und wurde zum bekanntesten Medienstar Japans. 1983 entdeckte ihn Oshima Nagisa für das Kino. In 'Furyo ' Merry Christmas, Mr. Lawrence' spielt er neben David Bowie die Rolle des Kommandeurs eines japanischen Kriegsgefangenenlagers. Es folgten mehrere Fernsehfilme, bis er 1989 die Hauptrolle in einem Film von Kinji Fukusaku übernehmen sollte. Wegen Streitigkeiten sprang Fukusaku von dem Projekt ab und Kitano übernahm auch die Regie des Films. 'Violent Cop', Takeshi Kitanos erste Regiearbeit, entstand. Bis 2008 drehte er 14 Filme, darunter bekannte und auch preisgekrönte Titel wie 'Hana-Bi' (1997), 'Kikujiros Sommer' (1999), 'Brother' (2000) und 'Zatoichi ' Der blinde Samurai' (2003).
Die von Rapid Eye Movies herausgebrachte Sammleredition enthält die drei ersten Filme Kitanos, die im Gangstermilieu spielen. 'Violent Cop' 1989,' 'Boiling Point' 1990 und 'Sonatine' 1993. Die DVDs sind, wie von Rapid Eyes Movies gewohnt, in aufwendiger Verpackung (Softbox im Schuber) und Filmszenenfotos im Postkartenformat. Die Filme sind im Original mit zuschaltbarem Untertitel.
Violent Cop
Azuma (Takeshi Kitano), ein Polizist der nicht viel auf Dienstvorschriften gibt, arbeitet als Ermittler bei der Mordkommission. Seine brutale Handhabe bei der Aufklärung von Verbrechen bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten. Zusammen mit dem Neuling Kikuchi (Makoto Ashikawa) soll er den Mord an einem Drogendealer aufdecken. Im Verlauf der Ermittlungen führt die Spur zu Azumas Freund und Kollegen Iwaki (Sei Hiraizumi), der beschlagnahmte Drogen weiterverkauft. Als Iwaki kurze Zeit später tot aufgefunden wird, glaub Azuma nicht an Selbstmord. Seine weiteren Untersuchungen führen ihn zu einer Korruptionsaffäre innerhalb seiner Polizeibehörde. Nach einer, von ihm herbeigeführten, unrechtmäßigen Verhaftung des Dealers Kiyohiro (Hakuryu) und aus Angst seiner Vorgesetzten, wird er vom Dienst suspendiert. Kiyohiro arbeitet als Killer für die örtliche Yakuza und will sich, nach dem brutalen Verhör durch Kazuma, an ihm rächen. Nach einem Missglückten Mordanschlag und der darauf folgenden Entführung von Kazumas geistig verwirrte Schwester Akari (Maiko Kawakami), begibt sich der Polizist auf seinen eigenen, blutigen Rachfeldzug.
Boiling Point
Masaki (Masahiko Ono), ein lethargischer Jugendlicher, der als Hilfskraft bei einer kleinen Tankstelle arbeitet, zieht den Zorn der Yakuza auf sich, als er einen der niederen Gefolgsleute des örtlichen Clans angreift. Die Yakuza droht dem Besitzer der Tankstelle damit den Betrieb zugrunde zu richten. Masaki, der sich für das Unglück verantwortlich sieht, will sich gegen die Gangster wehren. Zusammen mit Freuden reist er nach Okinawa, wo er hofft Waffen kaufen zu können. In der Stadt angekommen treffen sie auf Uehara (Takeshi Kitano) und seinen Bruder. Uehara, selbst ein Yakuza, hat sich bei seinem eigenen Clan verschuldet und weigert sich das geliehene Geld zurückzugeben. Stattdessen besorgt er sich und Masaki, in dem er einen Seelenverwandten zu erkennen glaubt, Waffen damit sie sich, unabhängig voneinander, den Yakuza entgegenstellen können.
Sonatine
Murakawa (Takeshi Kitano) ist das Yakuza-Dasein leid. Sein eigenes Revier hat ihn Reich gemacht und er plant in Kürze auszusteigen. Sein Boss, der nichts von Mura-kawas Plänen weiß, will ihn loswerden und sich sein Revier wieder einverleiben. Da bietet es sich an, dass in Okinawa ein befreundeter Clan kurz vor der Übernahme durch eine andere örtliche Gruppe steht, mit denen Murakawas Boss aber bereits in Verhandlung steht. Seine Intrige sieht vor, dass Murakawa in dem Bandenkrieg ermordet und der befreundete Clan übernommen werden soll. Kaum in Okinawa angekommen werden Murakawas Leute angegriffen. Mit den vier verbliebenen Männern verschanzt er sich in einem abgelegenen Strandhaus. Die Gangster vertreiben sich die Zeit dort mit kindlichen Spielen und Murakawa macht sich einen Spaß daraus seine Leute mit Streichen zu foppen. Das Idyll währt jedoch nicht lange: Ein Killer taucht auf und die Gruppe verliert erneut einen Mann. Murakawa, der die Intrige durchschaut hat, entschließt sich zur Gegenwehr. Es kommt zu einem Massaker.
Drei Filme von einem außergewöhnlichen Filmemacher. Jeder für sich ein kleines Meisterwerk aus Wut, Trauer, absurden Momenten und enttäuschten Erwartungen. Kitanos eastwoodsche Maulfaulheit, der schlurfender Gang und die unvermittelten Gewaltausbrüche sind hier seine Markenzeichen. Die Figuren die er spielt sind stoisch, hoffnungslos, vom Leben erschöpft und wissend, dass ihr gewalttätiges Le-ben zwangsläufig zu einem gewaltsamen Ende kommen wird. Als Regisseur vermit-telt Takeshi Kitano Ruhe und Statik, zeigt uns Bilder von poetischer Schönheit und grenzenloser Traurigkeit.
Die Collector's Box ist eine hervorragende Möglichkeit in Takeshi Kitanos filmisches Werk einzusteigen oder um seine Sammlung zu vervollständigen. Leider fehlt der Sammlung 'Hana-Bi', meiner Meinung nach Kitanos ausgereiftestes Werk und Abschlussarbeit* zu dem Genre. Sein später erschienener Film 'Brother' erschien mir immer nur als westlicher Aufguss seiner bisherigen Filme und wäre in der Box von Rapid Eye Movies überflüssig gewesen.
*2010 hat er sich mit "Outrage" doch wieder dem Genre zugewandt
Jan Heesen für digitaldv.de