Beim Anblick der Songauswahl für Queensrÿches Coveralbum wird einem ganz schwindlig. Da ist von Rock über Metal, Pop, Blues, R&B, Musical und Oper alles dabei. Ob man sich nun diebisch freuen oder "Take Cover" gar nicht ernst nehmen soll, weiß man anfangs nicht so recht. Als erstes steht mit Pink Floyd auf jeden Fall ein ganz offensichtliches musikalische Vorbild auf dem Zettel, und gleich einer der Höhepunkte. Die Kompaktversion von WELCOME TO THE MACHINE (4:53 lang) überzeugt mit eigenem Touch: es groovt und der Klang der Clean-Gitarren ist eindeutig Queensrÿche. Die Version klint härter und atmosphärisch dichter als das Original, bleibt aber hypnotisierend psychedelisch wie die Vorlage. Ein spannender Song im Queensrÿche-Gewand und eine sympathische Zeitreise - hat sich die Band doch u.a. auf "Rage For Order" stark von Pink Floyd beeinflussen lassen. Geoff Tate spielt sogar Saxofon - zum ersten Mal seit "Promised Land", an das man sich dadurch prompt stark erinnert fühlt. Großartig ist auch der nicht minder dynamisch und druckvoll als im Original gehaltene Sabbath-Klassiker NEON KNIGHTS, bei dem Geoff Tate zeigt, was für ein genialer Metalsänger er ist und immer war. Zu Tates Lieblingsbands zählten immer schon Queen. Mit INNUENDO hat man sich da ausgerechnet einen ganz schönen Brocken vorgenommen. Aber selbst die Flamenco-Stellen meistert man mit Bravour, ohne lächerlich zu wirken. Dass das Ganze überhaupt nicht mehr nach Queen klingt - viel weniger als NEON KNIGHTS sich immer noch wie Black Sabbath anfühlt - dürfte wohl klar sein. Diese Original-Atmosphären kann man nicht imitieren; und Gesang und Gitarrenklänge (im Parallelspiel, jaaa!) wirken wie aus einer anderen Welt. Sehr positiv: es ist klanglich die unverwechselbare Queensrÿche-Welt. Und weil die Band selbst so viele hörbare Trademarks besitzt, macht sie sich auch viele andere Songs überraschend gut zu eigen, gibt sich nie der Gefahr hin, sinnfrei zu kopieren. Das Musicalstück HEAVEN ON THEIR MINDS aus Jesus Christ Superstar wird plötzlich richtig heavy. Das Riff wird Metal, Trompeten und Posaunen aus dem Original verschwinden, und sogar der Refrain klingt nicht mehr so fröhlich, sondern "Queensrÿche". Im Gegensatz zu NEON KNIGHTS ist das aber weniger ein Fall für klassische Queensrÿche-Puristen und klingt etwas alternativ, passt eher in die Q2K-Ecke. Auch RED RAIN von Peter Gabriel und SYNCHRONICITY II - man bedient sich also auch in "poppigeren" Gefilden ausschließlich Qualitätsware! - werden heavier, erhalten im Queensrÿche-Sound knackige Grooves und deutlich dunklere Vibes. Tief in der Rockgeschichte kramt die Band mit ALMOST CUT MY HAIR von Crosby, Stills & Nash - Bluesrock wird zu Blues-Metal - und sogar dem Soul/Funk-Klassiker FOR THE LOVE OF MONEY von den O'Jays, der einen dynamischen Rock-Drive auf den Pelz geschneidert bekommt. Alles mehr als okay... überragend aber ist BULLET THE BLUE SKY von U2 in einer Live-Version von der Q2K-Tour - etwas Besonderes, da sie live noch seltener als im Studio (Gonna Get Close To You, Scarborough Fair) Coversongs spielten. Mehr als zehn Minuten dauert der epische Mix aus Gesang und Jam-artig Groove-unterlegten Sprech- und Schrei-Parts, bei denen Geoff Tate gegenüber dem Original viel, viel improvisiert und ganz schön aus sich rausgeht. Kein Wunder - die Lyrics passen, wie bei vielen anderen der ausgewählten Songs auch, mit viel Kritik an der Macht von Geld und Militär zu den wichtigsten Themen in Queensrÿches eigenen Songs. Zu den schwächeren Momenten des Albums zählt dagegen die Akustivserion von FOR WHAT IT'S WORTH (Buffalo Springfield), das u.a. durch Ozzy Osbourne, Rush oder Shaw/Blades langsam aber sicher tot-gecovert wirkt. Und dann wäre da noch ODISSEA, ein episch angehauchtes Opernstück mit italienischem Text und Tate als (sehr begabtem) Klassik-Sänger. Kann man mögen, muss man aber nicht... insgesamt doch eher ein Fremdkörper. Bleiben unterm Strich 55-einhalb Minuten zumeist gelungen uminterpretierte Coversongs, bei denen sich die Band viel Mühe für Details gegeben hat. "Take Cover" muss man nicht haben, besonders wenn man Metal-Purist ist und ungern nach links und nach rechts schielt. Kann man aber haben - denn es macht Spaß zu hören. Spaß war schließlich auch der Grund für die Aufnahme der CD. Entstanden ist die Idee laut Tate nämlich durch das allseits beliebte "name that riff"-Spiel bei den Soundchecks auf der Tour.