Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Tai-Pan.
 
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Tai-Pan. [Taschenbuch]

James Clavell , Werner von Grünau
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Das Comeback des Großmeisters spannender, opulent erzählter Unterhaltungsromane über den geheimnisvollen fernen Osten! Der Weltbestseller von James Clavell - endlich wieder im Taschenbuch! Eine atemberaubende Geschichte um Macht, Hass und Liebe, von der Gier nach Opium und Tee, Seide und Silber ...

Tai-Pan heißt in China der "Oberste Führer", der die Macht wirklich in Händen hält. Ein solcher Tai-Pan ist der rothaarige, grünäugige Schotte Dirk Struan, ein Riese von einem Mann mit einem Willen aus Granit. Der Seefahrer und begnadete Kaufmann ist von dem Traum beseelt, Hongkong, die Insel vor der Küste Chinas, zum Sprungbrett in das geheimnisvolle Reich der Mitte und zur Britischen Kronkolonie zu machen. 1841 erreicht er schließlich sein Ziel - trotz aller hinterlistigen Fallgruben und kulturellen Gegensätze ...

Über den Autor

James Clavell war nach eigenen Worten "ein halbirischer Engländer mit ein paar schottischen Glanzlichtern, in Australien geboren, Bürger der Vereinigten Staaten". 1940 bis 1946 diente er in der britischen Armee. 1954 begann er zu schreiben. Mit seinem Klassiker "Shogun" wurde er zu einem der bekanntesten Autoren der Welt. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und waren allesamt Welterfolge. James Clavell starb 1994.

Auszug aus Tai-Pan von James Clavell, Werner von Grünau. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Dirk Struan stieg auf das Achterdeck des Flaggschiffs H.M.S. Vengeance hinauf und schritt breitbeinig zur Gangway. Das Linienschiff, mit vierundsiebzig Kanonen bestückt, lag eine halbe Meile von der Insel entfernt vor Anker. Es war von den übrigen Kriegsschiffen der Flotte, den Truppentransportern der Expeditionsstreitkräfte, den Kauffahrteischiffen und den Opiumklippern der Chinahändler umringt.
Der Tag brach an – ein düsterer, kühler Tag – Dienstag, der 26. Januar 1841.
Während Struan das Oberdeck entlangging, blickte er zum Ufer hinüber, und Erregung wallte in ihm auf. Der Krieg mit China war so verlaufen, wie er es geplant hatte. Der Sieg entsprach seinen Vorstellungen. Und die Siegesbeute – die Insel – war das, wonach er zwanzig Jahre lang getrachtet hatte. Jetzt begab er sich an Land, um Zeuge der feierlichen Inbesitznahme zu werden. Er wollte dabei gewesen sein, wie eine chinesische Insel sich in ein Juwel in der Krone Ihrer Britischen Majestät, der Königin Victoria, verwandelte.
Die Insel war Hongkong. Dreißig Quadratmeilen felsigen Berglandes am Nordufer des gewaltigen Perlflusses im südlichen China. Rund tausend Yards vom Festland entfernt. Abweisend. Unfruchtbar. Unbewohnt bis auf ein kleines Fischerdorf an der Südküste. Genau auf dem Weg der ungeheuren Stürme gelegen, die alljährlich vom Pazifik heranbrausten. Im Osten und im Westen von gefährlichen Untiefen und Riffen gesäumt. Nutzlos für den Mandarin, in dessen Provinz sie lag.
Aber Hongkong bot den größten natürlichen Hafen der Welt. Und es war Struans Sprungbrett nach China.
»Längsseits verholen!«, rief der junge Wachoffizier dem Seesoldaten in Scharlachrot zu. »Mr. Struans Langboot mittschiffs an das Fallreep!«
»Jawohl, Sir!« Der Seesoldat beugte sich über die Reling und brüllte den Befehl weiter.
»Dauert nur einen Augenblick, Sir«, sagte der Offizier und versuchte, seine Scheu vor dem großen Handelsherrn zu unterdrücken, der im Bereich des Chinesischen Meeres zu einer legendären Gestalt geworden war.
»Keine Eile, mein Sohn.« Struan war ein Riese von einem Mann, mit einem Gesicht, das von tausend Stürmen gegerbt war. Sein blauer Gehrock war mit Silberknöpfen besetzt, die enge weiße Hose hatte er nachlässig in Seestiefel gesteckt. Wie gewöhnlich war er bewaffnet – ein Messer trug er in der Rückenfalte des Gehrocks, ein weiteres im rechten Stiefel. Er war dreiundvierzig Jahre alt, rothaarig und hatte smaragdgrüne Augen.
»Ein schöner Tag«, sagte er. »Jawohl, Sir.«
Struan ging die Gangway hinunter, stieg in den Bug seines Langboots und lächelte Robb zu, seinem Stiefbruder, der mittschiffs saß.
»Wir sind spät dran«, rief Robb und grinste ein wenig.
»Ja. Seine Exzellenz und der Admiral haben überhaupt kein Ende gefunden.«
Struan starrte einen Augenblick zur Insel hinüber. Dann machte er dem Bootsmann ein Zeichen. »Ablegen. Lassen Sie an Land rudern, Mr. McKay!«
»Zu Befehl, Sir!«
»Endlich, nicht wahr, Tai-Pan?«, sagte Robb. ›Tai-Pan‹ war chinesisch und bedeutete: ›Oberster Führer‹. In jeder Handelsgesellschaft, in jeder Armee, jeder Flotte und jeder Nation gibt es nur einen einzigen solchen Mann – den, der die wirkliche Macht in Händen hält.
»Ja«, antwortete Struan.
Er war der Tai-Pan vom Noble House.

1
»Der Teufel soll diese stinkende Insel holen«, sagte Brock, blickte sich am Strand um und starrte zu den Bergen hinauf. »Ganz China zu unseren Füßen, und wir bekommen dabei nich’ mehr ab als so einen nassen Felsen, auf dem nich’ mal was wächst.«
Er stand mit zwei anderen Chinahändlern am Ufer. Rings um sie her standen in Gruppen Kaufleute und Offiziere der Expeditionsstreitkräfte. Sie alle warteten auf den Offizier der Königlichen Marine, der die Zeremonie einleiten sollte. Eine Ehrenwache von zwanzig Seesoldaten war in zwei exakt ausgerichteten Gliedern neben dem Flaggenmast angetreten. Das Scharlachrot ihrer Uniformen bildete einen grellen Farbklecks in der Landschaft. Matrosen, die in ungeordneten Haufen in ihrer Nähe herumstanden, hatten soeben den Flaggenmast in die steinige Erde gesetzt.
»Bei acht Glasen sollte die Flagge gehißt werden«, erklärte Brock, und seine Stimme war rau vor Ungeduld. »Wird eine Stunde später werden. Warum geht’s denn nicht endlich los, verdammt noch mal!«
»Es bringt üblen Joss, an einem Dienstag zu fluchen, Mr. Brock«, meinte Jeff Cooper. Er war ein hagerer Amerikaner aus Boston, ein Mann mit Hakennase in einem schwarzen Gehrock, den Filzzylinder schief auf den Kopf gedrückt.
»Ganz üblen Joss!«
Coopers Begleiter, Wilf Tillman, gab es einen leichten Ruck, als er aus der näselnden Stimme des jüngeren Mannes die verborgene Schärfe heraushörte. Tillman war untersetzt, hatte ein rötliches Gesicht und stammte aus Alabama.
»Und ich sage Ihnen, dieser ganze gottverdammte Fliegendreck ist nichts anderes als übler Joss!«, erklärte Brock. ›Joss‹ war ein chinesisches Wort, das Glück, Schicksal, Gott und Teufel in einem bedeutete. »Gottverdammt übel!«
»Hoffentlich nicht, Sir«, entgegnete Tillman. »Die ganze Zukunft des Chinahandels liegt jetzt hier – guter oder schlimmer Joss hin oder her.«
Brock sah auf ihn herunter. »Hongkong hat keine Zukunft. Was wir brauchen, sind offene Häfen auf dem chinesischen Festland.«
»Es gibt keinen besseren Hafen in diesen Gewässern«, antwortete Cooper. »Platz genug, um alle unsere Schiffe an Land zu setzen und zu überholen. Platz genug, um Wohnhäuser und Lagerschuppen für uns zu bauen. Endlich keine Einmischung der Chinesen mehr.«
»Eine Kolonie muss anbaufähiges Land und Bauern haben, die dieses Land bearbeiten, Mr. Cooper. Eigene Einkünfte«, erklärte Brock ungeduldig. »Ich bin hier kreuz und quer herumgelaufen, ebenso wie Sie. Wie soll man denn hier etwas ernten? Es gibt keine Felder, keine Bäche, kein Weideland. Also gibt’s auch kein Fleisch und keine Kartoffeln. Alles, was wir brauchen, müssen wir einführen. Stellen Sie sich einmal vor, was das kostet! Mensch, sogar das Fischen wird lausig sein. Und wer soll denn überhaupt die Unterhaltskosten für Hongkong tragen, he? Wir und unser Handel, verdammt noch mal!«
»Du meine Güte, Mr. Brock, an eine solche Kolonie denken Sie?«, rief Cooper. »Ich hatte gedacht, das Britische Reich« – er spuckte geschickt gegen den Wind – »hätte schon mehr als genug solcher Kolonien.«
Brocks Hand verirrte sich in die Nähe seines Messers. »Haben Sie eben gespuckt, weil Sie was im Hals hatten, oder haben Sie vielleicht das Empire gemeint?« Tyler Brock war ein kräftiger, einäugiger Mann, der auf die fünfzig zuging, ebenso hart und ausdauernd wie das Eisen, das er in seiner Jugend in Liverpool hatte verhökern müssen, und ebenso kampfstark und gefährlich wie die bewaffneten Handelsschiffe, auf denen er geflohen war und über die er schließlich als Chef von Brock and Sons herrschen sollte. Seine Kleidung hatte eine Stange Geld gekostet, und das Messer an seinem Gürtel war mit Juwelen besetzt. Bart und Haar waren ergraut.
»Es ist kalt heute, Mr. Brock«, erwiderte Tillman hastig, innerlich über das lose Maulwerk seines jungen Partners erzürnt. Brock war kein Mann, den man reizen durfte, und offene Feindschaft mit ihm konnten sie sich noch nicht erlauben. »Ziemlich scharfer Wind, was, Jeff?«
Cooper nickte kurz. Aber er wandte seinen Blick nicht von Brock ab. Er hatte zwar kein Messer, aber dafür in seiner Tasche eine kurze Pistole von schwerem Kaliber. Er war ebenso groß wie Brock, nur schlanker und leichter, und er hatte keine Angst.
»Möchte Ihnen einen guten Rat geben, Mr. Cooper«, sagte Brock. »Besser, Sie spucken nicht so oft, wenn Sie gerade vom ›Britischen Reich‹ geredet haben. Könnten ja mal auf Leute stoßen, die so was nicht so ohne weiteres zu Ihren Gunsten auslegen.«
»Danke, Mr. Brock, ich will daran denken«, erwiderte Cooper leichthin. »Und auch ich gebe Ihnen einen Rat: Es bedeutet einen üblen Joss, an einem Dienstag zu fluchen.«
Brock unterdrückte seinen Zorn. Am Ende würde er Cooper, Tillman und ihre Firma, die größte der amerikanischen Kaufleute, doch noch vernichten. Jetzt brauchte er sie allerdings als Verbündete gegen Dirk und Robb Struan. Brock verfluchte den ganzen Joss. Joss hatte Struan & Co. zum größten Handelshaus in Asien gemacht, das so reich und so mächtig war, dass die anderen Kaufleute im Chinahandel es voller Respekt und Neid The Noble House getauft hatten – ein vornehmes Haus also, weil es das erste war an Reichtum und an Großzügigkeit, das erste im Handel, weil es die meisten Klipper hatte, aber vor allem, weil Dirk Struan der Tai-Pan war, der Tai-Pan unter allen Tai-Panen Asiens. Und Joss hatte Brock ein Auge gekostet; das war vor siebzehn Jahren, in dem Jahr, in dem Struan sein Reich gegründet hatte.
Draußen auf See war es passiert, nicht weit von der Insel Tschuschan. Tschuschan lag genau südlich vom großen Hafen Schanghai, in der Nähe der Mündung des mächtigen Jangtsekiang. Brock hatte sich mit einer riesigen Ladung Opium durch den Monsun gekämpft; Dirk Struan war nur ein paar Tage später ausgelaufen, ebenfalls mit Opium beladen. Brock hatte als Erster Tschuschan erreicht, seine Fracht verkauft und war wieder ausgelaufen – voller Schadenfreude darüber, dass Struan nun weiter nach Norden ziehen musste, um an einer neuen Küste und unter neuen Gefahren sein Glück zu versuchen. Brock war nach Süden davongebraust, heimwärts – nach Macao –, die Kästen mit Silber gefüllt und mit großer Fahrt vor dem Wind. Plötzlich aber war ein gewaltiger Sturm aus dem Chinesischen Meer über sie hergefallen. Die Chinesen nannten diese Stürme taifung, die Allmächtigen Winde. Die Kaufleute nannten sie Taifune. Sie waren der Schrecken aller.
Der Taifun hatte Brocks Schiff erbarmungslos zusammengeschlagen, und er war unter stürzenden Masten und Spieren begraben worden. Als er hilflos dalag, hatte ein losgerissenes Fall, vom Sturm gepackt, auf ihn eingedroschen. Seine Leute hatten ihn befreit, aber erst, nachdem das wild pendelnde Fall ihm mit dem Schäkel das linke Auge ausgeschlagen hatte. Das Schiff hatte schon schwere Schlagseite, und er half seiner Mannschaft, Takelung und Masten zu zerhacken und über Bord zu hieven. Wie durch ein Wunder hatte sich das Schiff wieder aufgerichtet. Dann hatte er sich Branntwein in die blutende Augenhöhle gegossen. Den Schmerz würde er sein Leben lang nicht vergessen.
Jetzt musste er daran denken, wie er, lange nachdem man ihn als verloren aufgegeben hatte, in den Hafen geschlichen war. Sein schöner Dreimast-Klipper war nichts weiter mehr als ein Rumpf mit klaffenden Fugen; Masten, Kanonen und Takelung hatte die Tiefe verschlungen. Nachdem Brock Rahen und Takelage, Masten und Kanonen, Pulver, Kugeln und Mannschaften wieder ersetzt und eine neue Ladung Opium gekauft hatte, war der ganze Gewinn aus dieser einen Fahrt dahin gewesen.
Struan war in einer kleinen Lorcha – einem Schiff europäischer Bauart mit chinesischer Takelung, das bei gutem Wetter für den Küstenschmuggel benutzt wurde – in den gleichen Taifun geraten. Aber Struan, der einen glücklicheren Joss hatte, stand den Sturm durch und hatte, elegant und ungerührt wie immer, Brock an der Pier begrüßt, Spott in den grünen Augen.
Dirk und sein verdammter Joss, dachte Brock. Joss, der es Dirk ermöglicht hatte, aus dieser einen elenden Lorcha eine Flotte von Klippern und Hunderte von Lorchas zu machen, Lagerhäuser und Edelmetallreserven. Dieses gottverdammte Noble House. Joss hatte Brock and Sons auf einen gottverdammten zweiten Platz verwiesen. Auf den zweiten! Und, dachte er, Joss hat ihm auch das Ohr unseres gottverdammten, knieweichen Generalbevollmächtigten geöffnet, des ehrenwerten gottverdammten Longstaff. Und das all die Jahre hindurch. Jetzt haben sie uns verraten und verkauft. »Die Pest über Hongkong und die Pest über Struan!«
»Hätte es Struans Plan nicht gegeben, ihr hättet den Krieg niemals so leicht gewonnen«, sagte Cooper.
Zwei Jahre zuvor war der Krieg in Kanton ausgebrochen, als der Kaiser von China, entschlossen, die Europäer zu ducken, den Versuch unternommen hatte, den Opiumschmuggel zu unterbinden, der für den britischen Handel von wesentlicher Bedeutung war. Ling, der Statthalter von Kanton, hatte das Ausländerviertel mit Truppen abgeriegelt und verlangt, dass jede Kiste Opium in Asien als Lösegeld für die wehrlosen englischen Kaufleute herausgegeben wurde. Im Lauf der Zeit waren zwanzigtausend Kisten Opium übergeben und vernichtet worden. Den Engländern wurde gestattet, sich nach Macao zurückzuziehen. Die Briten vermochten sich jedoch weder mit der Einmischung in ihren Handel noch mit der Bedrohung ihrer Staatsangehörigen abzufinden. So war das Britische Expeditionskorps vor sechs Monaten im Osten eingetroffen und angeblich Longstaff, als dem höchsten Aufsichtsbeamten über den Handel, unterstellt worden.
Struan jedoch war es gewesen, der den schlauen Plan ausgeheckt hatte, Kanton, wo alle Schwierigkeiten begonnen hatten, zu umgehen und das Expeditionskorps nach Norden, nach Tschuschan zu werfen. Struan hatte dabei die Ansicht vertreten, es müsste eine Kleinigkeit sein, diese Insel ohne Verluste einzunehmen, denn die Chinesen seien unvorbereitet und jeder modernen europäischen Flotte oder Armee gegenüber hilflos. Das Expeditionskorps sollte nur eine kleine Besatzung auf Tschuschan und ein paar Schiffe zurücklassen, damit über den Jangtse die Blockade verhängt werden konnte. Die Hauptmacht sollte nach Norden in die Mündung des Peiho segeln und Peking bedrohen, Chinas Hauptstadt, die nur ein paar hundert Meilen weiter flussauf lag. Struan wusste, dass der Kaiser nur durch eine unmittelbare Bedrohung dazu gebracht werden konnte, sofort um Frieden zu bitten. Eine großartige Idee, die sich auch hervorragend bewährt hatte. Das Expeditionskorps war im vergangenen Juni im Osten eingetroffen. Im Juli nahm es Tschuschan ein, im August lag es vor der Mündung des Peiho. Nach zwei Wochen hatte der Kaiser einen Beamten entsandt, der Friedensverhandlungen aufnehmen sollte – zum ersten Mal in der Geschichte hatte ein chinesischer Kaiser eine europäische Nation offiziell anerkannt. Der Krieg war zu Ende, und beide Seiten hatten so gut wie keine Verluste gehabt.
»Longstaff hat sehr klug gehandelt, als er diesen Plan befolgte«, sagte Cooper.
»Das hätte doch jeder Chinahändler gewusst, wie man mit den Chinesen fertig wird«, erwiderte Brock mit rauer Stimme. Er schob den Zylinder ein wenig aus der Stirn und hob seine Augenklappe an. »Warum haben sich denn Longstaff und Struan damals in Kanton auf Verhandlungen eingelassen, he? Dabei weiß jeder Idiot, dass für einen Chink ›verhandeln‹ nichts weiter bedeutet als Zeit gewinnen. Hätten drüben am Peiho bleiben sollen, bis der Friede unterzeichnet gewesen wäre. Aber nein, sie mussten die Flotte zurückholen, und jetzt warten und warten wir seit sechs Monaten, dass die Kerle endlich unterschreiben.« Brock spuckte aus. »Blödsinn, völlig schwachsinnig, Zeit und Geld hinausgeschmissen, nur wegen so einem elenden Felsen. Tschuschan hätten wir behalten sollen. So eine Insel – das wäre wenigstens was gewesen.« Tschuschan war zwanzig Meilen lang und zehn Meilen breit, der Boden der Insel war fruchtbar und fett, und Tinghai war eine große Stadt und ein guter Hafen. »Da hat man wenigstens Luft genug zum Schnaufen. Und wenn ich mit’m kleinen Finger winke, dann blockieren drei oder vier Fregatten sogar den Jangtse. Und wer den Fluss beherrscht, der hat ganz China in der Hand. Da müssten wir hin, verdammt noch mal!«
»Tschuschan steht Ihnen noch immer zur Verfügung, Mr. Brock.«
»Das sag’n Sie so. Is’ ja nich’ in ’nem Vertrag übereignet worden, und so gehört’s uns auch nich’.« Der scharfe Wind war immer heftiger geworden. Brock stampfte mit den Füßen.
»Vielleicht sollten Sie es Longstaff gegenüber erwähnen«, meinte Cooper. »Immerhin ein Mann, der sich Ratschlägen nicht verschließt.«
»Den meinen bestimmt. Das wissen Sie recht gut. Aber das eine will ich Ihnen sagen: Wenn das Parlament von dem Vertrag erfährt, ist die Hölle los, hol mich der Teufel.«
Cooper zündete sich einen Stumpen an. »Ich möchte Ihnen da Recht geben, Mr. Brock. Es ist ein erstaunliches Stück Papier, in einer Zeit, in der ganz Europa landhungrig und machtgierig ist.«
»Sind’s die Vereinigten Staaten vielleicht nich’?« Brocks Gesicht verhärtete sich. »Was is’ mit den Indianern? Die Erwerbung von Louisiana? Spanisch-Florida? Jetzt linsen sie schon nach Mexiko und dem russischen Alaska. In der letzten Post steht drin, dass ihr Kanada stehlen wollt. Wie ist’s damit, he?«
»Kanada ist amerikanisch und nicht englisch. Wir werden aber wegen Kanada nicht in den Krieg ziehen – es wird sich uns aus freiem Willen anschließen«, sagte Cooper und versuchte, sich seine Sorge nicht anmerken zu lassen. Er strich sich über seinen Backenbart und zog wegen des immer schärferen Windes den Gehrock fester um die Schultern. Ein Krieg mit dem britischen Empire zu diesem Zeitpunkt, das wusste er, wäre eine Katastrophe und würde Cooper-Tillman ruinieren. Zum Teufel mit den Kriegen! Trotzdem war ihm bewusst, dass die Staaten wegen Mexiko und Kanada in den Krieg ziehen mussten, falls nicht eine Regelung erfolgte. Genauso wie die Briten mit China hatten Krieg führen müssen.
»Es wird keinen Krieg geben«, meinte Tillman in dem Versuch, Cooper unauffällig zu beruhigen. Er seufzte auf und wünschte sich nach Alabama zurück. Dort kann ein Mann noch ein Gentleman sein, dachte er. Dort hatte man es nicht täglich mit den verdammten Briten zu tun oder mit einem gotteslästerlichen Dreckmaul wie Brock oder mit dem Teufel in Person wie Struan – oder sogar mit einem so hitzigen jungen Mann und Hauptteilhaber wie Jefferson Cooper, der Boston für den Mittelpunkt der Welt hielt. »Dieser Krieg ist jedenfalls vorbei, ob’s nun ein gutes oder ein schlechtes Ende war.«

‹  Zurück zur Artikelübersicht