In Elenvina benehmen sich die Novizen des Praios-Tempels eigenartig. Da den Geweihten des Sonnengottes heimliches Vorgehen verboten ist, werden die Phex-Geweihte Adara, ihr Akoluth Feisal und der Novize Ragnar damit beauftragt, nach dem rechten zu sehen...
"Tagrichter" fängt mehr oder weniger direkt da an, wo "Nachtrichter" endete, und das ist die erste Schwäche des Buchs. Wer den Vorgängerband erst kürzlich gelesen hat, hat damit keine Probleme, aber wer "Nachtrichter" gleich bei Erscheinen vor anderthalb Jahren gelesen hat (und seitdem vielleicht noch ein paar andere Bücher), hat wahrscheinlich Schwierigkeiten, sich an alle Details zu erinnern. Zwar lässt sich anhand des Textes grob erkennen, was im Vorgänger passiert ist, aber ein "Was bisher geschah"-Kapitel hätte dem Buch gut getan.
Die zweite große Schwäche des Buchs ist das (scheinbare) Fehlen eines roten Fadens. Die einzelnen Kapitel wirken zusammenhangslos und man hat oft das Gefühl, dass die Autorin sich in Nebenhandlungen verzettelt. Dadurch liest sich die Geschichte verhältnismäßig zäh. Die Auflösung, in der die Puzzlestücke endlich ineinandergreifen, kommt leider zu spät. Ein paar Spannungsspitzen auf dem Weg zu den letzten 60 Seiten hätten dem Buch ebenfalls gut getan.
Dritte Schwäche ist die durchwachsene aventurische Stimmigkeit. Besonders im Bereich Magie sollte die Autorin besser recherchieren, denn Einflusszauber, die eine physische Barriere erzeugen, oder ein Weißmagier, der wegen eines magischen Verbrechens vor einem Nicht-Gildengericht steht (in einer praios- und gesetzestreuen Stadt wie Elenvina schon fast Blasphemie), passen nicht zum Hintergrund.
Auch an der karmalen Front schwächelt es: Bei verdeckten Phex-Geweihten gilt es als der Fauxpas schlechthin, sich auf seinen Status als Geweihter zu berufen, wenn es Schwierigkeiten gibt - Adara und ihre Freunde haben keine Probleme, trotzdem damit hausieren zu gehen. Positiv dagegen ist die Darstellung der Praios-Dienerschaft. Vom Klischee-Bannstrahler bis zum Inquisitor, der für das größere Wohl auch einen Verstoß gegen seine Gebote in Kauf nimmt, sind alle möglichen Typen vertreten. So zeigt die Autorin schön, dass es sich bei der Praios-Kirche eben nicht um einen homogenen Haufen von Fanatikern handelt. Lediglich Isida trübt das Bild ein bisschen. Ihr merkt man deutlich an, dass die Autorin unbedingt einen Sympathieträger bei den Praioten unterbringen wollte. Im allgemeinen wissen die Szenen mit den Praios-Novizen aber zu überzeugen und zeigen, dass auch die Novizen des Sonnengottes ganz normale Jugendliche sind. Frostig!
Ebenfalls gut getroffen sind die Tsa-Liturgie, die nicht nur wie im Regelbuch abgehandelt wird, und die Weihe.
Bei den Hauptfiguren schließlich gibt es mehr Licht als Schatten. Adara, im letzten Band noch eine grauenvolle Mary Sue, darf endlich mal Schwächen zeigen (wobei es aber etwas übertrieben ist, dass sie in jeder zweiten Szene in Ohnmacht fällt); Ragnar hat viel dazugelernt und besonders der vielschichtige Feisal, der so gar nicht dem Klischee vom bösen Schwarzmagier entspricht, ist gut gelungen - allerdings sollte er sein Tulamidengeschwurbel konsequenter durchhalten.
Fans des Vorgängers sollten probelesen, werden aber wahrscheinlich Spaß an den neuen Abenteuern des phexischen Trios haben. Wer "Nachtrichter" nicht kennt, wird mit "Tagrichter" aufgrund der zahlreichen Verweise auf den Vorgängerband eher wenig anfangen können.
Im übrigen sollte der Verlag zur alten Klebetechnik zurückkehren, mit der die Bücher wesentlich angenehmer zu lesen waren.