Walter van Rossum untersucht in seinem Buch ob die Tagesschau (und die Tagesthemen, bzw. die Bericherstattung der öffentlich-rechtlichen Nachrichten insgesamt) dem selbstgestellten (und verkündeten) Anspruch gerecht wird, qualitativ hochwertige und objektive Nachrichten zu senden. Er kommt zu dem Ergebnis daß dieser Anspruch auf der ganzen Linie verfehlt wird, seiner Ansicht nach führt das Sehen der Tagesschau dazu daß man eher desinformiert statt informiert wird.
Nun was genau ist das Problem? Es ist nicht so daß Informationen einfach manipuliert werden, es geht nicht um plumbe Fälschungen oder Meinungsmache. Ebensowenig wird primitive Zensur geübt, da durchaus über eine Vielzahl von Ereignissen berichtet wird. Allerdings stellt van Rossum fest, daß die Berichterstattung eben nicht dazu dient möglichst objektiv über die Hintergründe und Entwicklungen zu berichten. Denn viel zu häufig übernimmt die Nachrichtenredaktion einfach die Weltsicht der Politiker und stellt daher die Wirklichkeit viel zu einseitig und (da sie aus Sicht der Politik berichet) zu unkritisch dar. Van Rossum sprich davon daß in einer unverantwortlich naiven Art einfach die "Sprachregelungen" aus Pressemitteilungen oder Regierungserklärungen übernommen werden und mit ihnen deren Interpretation der Welt. Ein von diesen Tendenzen unabhängiger, kritischer Journalismus findet viel zu selten statt, an die Stelle der Information ist somit das pure Nachplappern von offiziellen Statments getreten. Und selbst wenn man diese Statements kritisiert, so bleibt man doch innerhalb ihres Interpretationskontextes und in letzter Konsequenz ist das nichts anderes als Verschleierung und Desinformation.
Beim Lesen der Beispiele erkennt man schnell daß in dieser Kritik wirklich viel Wahrheit steckt. Beim einfachen Anschauen der Sendung wäre dies einem sicher nie so bewußt geworden, als wenn man den Text gedruckt liest und die Zeit hat ihn stückweise zu analysieren. Auch die Beschreibung der Abläufe und Entscheidungswege innerhalb der Redaktion, die festlegt welche Themen in der Sendung zur Sprache kommen, ist aufschlußreich. Es wird deutlich daß kein großes Konzept der Nachrichtenmacher existiert, Schwerpunkte werden eher zufällig ausgewählt - was ebenfalls zeigt daß keien gezielte Informationspolitik betrieben wird. Die Interpretation der "Sprachregelungen" ist clever, denn van Rossum verfällt nicht der Gefahr eine Verschwörungstheorie zu entwerfen, denn es gibt keine Gruppe die hinter der Desinformation steckt, außer der Redaktion selber, die - anstelle objektiv auf die Inhalte zu schauen - eben besonders gerne jene Dinge auswählt, die sich in Form von fernsehgerechten Bildern zeigen lassen. (Und Politiker erzeugen grade letztere sehr gerne)
Leider schießt van Rossum an einigen Stellen über sein Ziel hinaus, zumal er selbst einerseits über einen deutlich lesbaren politischen Standort verfüg, andererseits offenlässt wie eine Sendung wie die Tagesschau in der Lage sein soll seine hohen Standards zu erfüllen. Daher nur 4 Sterne, aber dennoch eine Empfehlung zum Lesen.