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Tagebuch eines alten Känguruhs
 
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Tagebuch eines alten Känguruhs [Gebundene Ausgabe]

Miguel Delibes


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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das spanische Altersversorgungsmodell

Miguel Delibes blickt durch die Rentnerbrille

Von Michael Schmitt

«Als Rentner hält man besser den Mund, weil man weiss, dass die anderen sich für einen abplagen, und für die paar Piepen, die du kriegst, musst du auch noch dankbar sein.» Das ist der Kern aller sozialpolitischen Altersversorgungsmodelle und die Ausgangssituation in Miguel Delibes' «Tagebuch eines alten Känguruhs». Dieses Tagebuch wird von einem Ruheständler geführt, von Lorenzo; im Mittelpunkt steht seine recht lukrative Nebentätigkeit als «canguro», als Gesellschafter eines dünkelhaften, jedoch ziemlich tattrigen und auch noch lüsternen achtzigjährigen Dichters, Don Tadeo Piera. Lorenzo kennt keinerlei Scheu bei der Niederschrift, er ist sarkastisch und weinerlich, er höhnt, er schimpft, und er klagt. Am Ende hat er einen unvergleichlich komischen Schwall von Worten über seine kleineren und grösseren Sorgen, über sein «schwieriges Alter» zu Papier gebracht. Ein Monolog über nächtelanges Zappen am Bildschirm, über grössere Autos, über das Mikroklima seiner Ehe und über eine eher dralle Dame, die sein Leben in Unordnung bringt. Alle Regungen seiner Seele werden scheinbar schwerelos und unsortiert abgespult – im Detail aber sind die verschiedenen Stränge kunstvoll verflochten. Ein Tagebuch, das von abgeklärten Lebensweisheiten nur so wimmelt, obwohl es einen Mann charakterisiert, der den eigenen Launen und Hoffnungen nur zu gerne auf den Leim geht.

Lorenzo ist vor allem unzufrieden. Sechzig Jahre alt, hat ein Leben lang gerackert, zwei Kinder grossgezogen und seiner «besseren Hälfte» über Jahrzehnte die Treue gehalten. Er weiss, wie die Gesellschaft auf seinesgleichen blickt, aber er fühlt sich deshalb nicht wie altes Eisen. Trotzdem hat er die Abfindung eingesteckt und sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Was bleibt ihm nun zu tun? Wenn das Fernsehen, diese «Spitzenerfindung», nicht wäre, würde er sich zu Tode langweilen. So aber können seine Frau und er Unmengen von Postkarten an die Redaktionen schicken, um endlich als Kandidaten für eine Spielshow entdeckt zu werden. Sie können auch im Jogginganzug herumfahren, um Altersheime zu besichtigen; oder sich über die Kinder Sorgen machen, über den berufstätigen Sohn, der mit seinem Einkommen nicht haushalten kann, oder über die 25jährige Tochter, die auf Mallorca allem Anschein nach nicht wie eine heilige Jungfrau lebt.

Das kann nicht lange gutgehen; zumal dann, wenn das Geld nicht reicht. Die paar Tausender fliessen den beiden durch die Finger wie Wasser. Also muss ein Nebenerwerb her, schwarzes Geld, damit die Rente nicht gekürzt wird. Die Anzeige der drei ältlichen Schwestern des ebenso überheblichen wie gebrechlichen Don Tadeo kommt also gerade zeitig. Lorenzo verdingt sich als eine Art von Babysitter und verdient fortan nicht schlecht dazu. Die beiden Welten, die hier aufeinanderprallen, könnten verschiedener nicht sein, obwohl sie gewissermassen Tür an Tür existieren. So derb und direkt wie Lorenzo, so distinguiert und vornehm ist der alte Dichter. Lorenzo durchschaut ihn sofort und spottet in seinem Tagebuch hemmungslos; aber er fühlt sich auch ein bisschen erhöht durch die ungewohnte Nähe zu diesen besseren Kreisen, denen er sich nach und nach mit feinem Mantel, entsprechendem Sakko und passenden Schuhen äusserlich anpasst. Er ist auch nicht unempfänglich für die Anrede «Don», die ihm Freunde seines Brötchengebers gelegentlich angedeihen lassen. Aber trotz allem: Lorenzo gehört nicht zu diesen elitär-konservativen Kreisen, die mit Misstrauen auf das moderne demokratische Spanien blicken – und er möchte es auch nicht sein. Seine Freunde und er überschütten eher schon mal diejenigen mit Häme, die sich seinerzeit den faschistischen Ritualen allzu bereitwillig hingegeben haben.

In seinen Tagebuchnotizen staut sich entsprechend der Ärger über manche Verhaltensweisen und Ansichten des Herrn Piera. Im täglichen Kontakt jedoch hat der kunstsinnige Zittergreis lange Zeit die Oberhand. Sowohl sein Geld wie auch seine patinöse Aura bleiben nicht ohne Wirkung. Sie bezwingen Lorenzo, der sich ab und an zu Dienstleistungen bereit findet, die sich mit seinem Selbstbewusstsein eigentlich nicht vertragen; und sie beeindrucken den jungen Neffen, der Lorenzo in Geldangelegenheiten zu beraten versucht.

Lorenzos Selbstdarstellung im Tagebuch wimmelt von solchen Widersprüchlichkeiten. Lebenserfahren und rüstig, wie der Rentner sich fühlt, hat er immer einen guten Rat oder eine Redensart parat; de facto aber stürzt er von einer Kalamität in die nächste. Erst recht, als er sich eine Affäre leistet – mit Faustina, einer Prostituierten, die ihn auf einer Feier ordentlich scharf gemacht hat. Die Geschichte schmeichelt seiner Männlichkeit und verwickelt ihn dann in eine üble Erpressung, sie versetzt ihn in wildeste Panik und zwingt ihn zu skurrilen Ritualen der Bewältigung seiner Schuldgefühle. Von Beginn an plagt ihn nämlich sein schlechtes Gewissen, und kaum fühlt er sich ein bisschen krank, da fürchtet er schon, diese Frau habe ihm «Mordsaids» angehängt. Am Ende handelt es sich bloss um Heuschnupfen, aber Lorenzo wird ordentlich gebeutelt. Er ist genauso unbedarft wie vital, so draufgängerisch wie verzagt, er kann über sich selber spotten, aber er zerfliesst auch vor Selbstmitleid.

Der Leser lächelt also nicht nur mit Lorenzo über die feineren Leute, sondern vor allem auch über den Tagebuchschreiber selbst. Über seine Naivität, seine Eitelkeit, seine Ängste. Diese Eigenschaften wiederum sind nicht nur die einer einzelnen Person, sondern sie spiegeln ganz nebenbei eine komplexe zersplitterte moderne Gesellschaft. Der «amtliche» spanische Arbeitsmarkt hält weder für Alte noch für Junge einen angemessenen Platz bereit; die rüstigen Pensionäre jedoch bauen in allen möglichen Branchen eine florierende «zweite Wirtschaft» auf und betreiben im Nebenerwerb blühendere Geschäfte als jemals in ihrem früheren Arbeitsleben. Ihre Kinder profitieren davon, frönen dem Konsum oder setzen sich ab; manche vergessen sogar schon die frühere Diktatur. Lorenzo steht mittendrin und mischt nach Kräften mit; und indem Miguel Delibes diesen Mann vom grössten Abenteuer seines Lebens berichten lässt, liefert er zugleich ein sarkastisches Tagebuch zur spanischen Gegenwart.

Kurzbeschreibung

Mit sechzig noch so jung, unausgelastet trotz Ehefrau und Geliebter: Auch die fette Abfindung kann Lorenzo die Arbeit nicht ersetzten - er wird Känguruh.

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