Die New Yorkerin Marilyn French behandelt in ihren Büchern Frauenfragen und begleitet die Frauenbewegung. Im "Tagebuch einer Sklavin" beschreibt sie die bedauernswerte fiktive Geschichte des Beduinenmädchens Lowan in Ägypten um 1950, das seine gesamte Kindheit wie eine Sklavin gehalten wird: zunächst verkaufen ihre Eltern sie an einen Händler, dann landet sie in einem Harem, und schließlich für einen Hungerlohn als Dienstmädchen und Bettgenossin bei einem windigen Händler. Erst zuletzt findet sie ihre Selbständigkeit als Angestellte eines amerikanischen Unternehmens.
Das relativ kurze (150 Seiten) und im Großdruck aufgesetzte Buch ist sehr kindlich geschrieben. Mit kurzen, einfachen Sätzen stellt French die Situation aus der naiven Sicht von Lowan dar. Nur hin und wieder lässt French die tieferen Hintergründe durchblicken, wenn z.B. der wunderbare Palast des Fürsten Allasein von einer Haremskollegin als Gefängnis bezeichnet wird, oder ihr jemand erzählt, dass der offizielle Tod des Fürsten in Wirklichkeit nur seine Flucht vor der Revolution an die sonnige Côte d'Azur verdeckt. Damit ist zumindestens indirekt klargestellt, dass Lowan in Ägypten lebt und der Hintergrund die Militärrevolution Nassers gegen König Faruk vom 23.Juli 1952 ist: Faruk setzte sich nach Monaco ab.
Das Ende bleibt etwas offen, weil Lowan nicht wirklich frei wird. Wie alle Angestellten bleibt sie wirtschaftlich von ihrem Unternehmen abhängig und hat kaum Karrierechancen. Auch ihr durch die Vergewaltigungen entstandenes Kind bindet sie. Zudem bleibt sie in der arabischen Gesellschaft als "rebellische" Frau eine Außenseiterin. Ein trauriges, kindgerechtes Buch also über ein Schicksal, das in unserer lebelustigen Konsumgesellschaft mal zum Nachdenken anregt und das einem den Wert der Freiheit nahebringt.