Michel de Montaignes in den Jahren 1580-81 unternommene Reise führte ihn von Frankreich durch die Schweiz und Deutschland nach Italien und in einer Schleife zurück. Sie wurde mit dem damals üblichen Begleitpersonal durchgeführt und aufgrund von M.s Nierenleiden insbesondere durch ausführliche Bäder- und Trinkkuren verlangsamt.
Reiseroute, Landschaften, Kirchen- und Volksfeste, Details der Unterbringung und verschiedenste Sitten und Gebräuche sowie die spezifischen Auswirkungen der Bade- und Trinkanwendungen auf den Körper des Herrn de Montaigne werden akribisch beschrieben.
Ob der Schilderung der verschiedenen wild miteinander kombinierten innerlichen und äußerlichen Wasseranwendungen hält der medizinisch gebildete Leser die Luft an oder bricht in Lachen aus, das im Halse steckenbleibt. - Sollte es in ein paar hundert Jahren noch Menschen geben, die sich die Mühe machen, unsere Aufzeichnungen zu lesen (oder was auch immer man dann macht) - wer weiß, wie deren Reaktion und Beurteilung ausfallen wird?
M. de Montaigne läßt im ersten Teil des Reisetagebuches einen Diener nach Diktat schreiben, den zweiten Teil der Reise dokumentiert er, nach nicht näher beschriebener Entlassung des Bediensteten, selbst.
Die Aufzeichnungen sind überwiegend rein beschreibend und vergleichend, kaum auf persönlicher Ebene interpretierend. Die persönliche Befindlichkeit wird auf körperlicher Ebene sehr genau beschrieben: Schmerzen, Krämpfe, Blähungen, Art und Umfang ausgeschiedener Nierensteine. Individuelle Empfindungen, also das, was wir heute als Launen oder "Befindlichkeiten" bezeichnen, fanden keinen Eingang in die Dokumentation. M.s jüngster Bruder, der mitreist, wird nur wenige Male in nichtssagenden Zusammenhängen erwähnt.
Dafür werden Treffen und Gespräche mit wichtigen Funktions- und Würdenträgern des Staates und der Kurche genau dokumentiert und miteinander verglichen. Ebenso erhält man gut vorstellbare, umfassende Beschreibungen der durchreisten Landschaften und Städte. Die Unterbringung in Wirtshäusern, die Art der Verköstigung, die Ausstattung der Betten, die Versorgung der Pferde - all das findet immer wieder Erwähnung und gewährt Einblick in ein vergangenes Alltagsleben. Das Hauptgetränk stellte, zumindest für den Herrn de M., offentsichtlich Wein dar. So wird auch der Weinanbau in sämtlichen durchreisten Regionen beschrieben.
Dieses Reisetagebuch ist nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Art der Dokumentation eine Schatzgrube für Menschen, die sich für zurückliegende Perioden unserer Kultur interessieren. Die verschiedensten Erlebnisse und Wahrnehmungen werden recht ungefiltert und etwa in der Reichenfolge ihres Geschehens in die Aufzeichnungen aufgenommen. Der sicher nicht zu unterschätzende zeitliche Aufwand des Schreibens hat sicher allzu langatmige Beschreibungen verhindert und sorgt für kurzweilige Lektüre.