Vorweg: ich bin ein entschiedener Bewunderer der Prosakunst Arno Schmidts, halte ihn sogar für den größten deutschen Prosaisten des 20. Jahrhunderts.
Alice Schmidts Tagebuch zeigt zwar einerseits die materiell erbärmlichen Verhältnisse, unter denen das Ehepaar damals leben mußte, und gibt viele Detailinformationen über den häuslichen und familiären Hintergrund, die ganz erheblich zum besseren Verständnis einer außerordentlich fruchtbaren Schaffensperiode (Tina, Nachtprogramme, Kurzgeschichten etc.) beitragen.
Gleichzeitig offenbart sich Nödel (!), sein Kosenamen von Kindesbeinen an, als ein unausstehlicher Zeitgenosse und mieser Charakter. Ewig beleidigt, die Welt verfluchend, abweisend gegenüber Außenstehenden, ja oft beleidigend gegenüber seinen Gönnern, dabei voller Selbstmitleid - das sind wesentliche Charakterzüge unseres Meisters, der sich ja so gern als uneigennütziger Held (Brands Haide, Faun u.a.) darstellt. Dazu noch feige bis zur Heimtücke (z.B. indem er, um den Empfänger einer Postsendung zu täuschen, behauptet, Manuskripte versandt zu haben, die er jedoch absichtlich nicht beigefügt hatte) und mit geradezu unerklärlicher Angst vor Behörden. Dazu offenbart der Mann mit dem angeblich gußeisernen Gedächtnis, daß er doch leicht vergißt. Auch scheint er nicht der große Schachspieler zu sein, als den er bzw. sein alter ego sich gern in seinen Büchern ausgibt - hat er doch etliche Partien gegen seine Ehefrau verloren. Diese ist jedoch außerordentlich loyal und ihm gegenüber fürsorglich, fügt sich letztlich ohne großen Protest in des Dichters häusliche Abgeschiedenheit, obwohl sie sehr darunter leidet, daß Arno das Reisen geradezu verhaßt ist und er es auch seiner Frau, die so gern einmal Abwechslung hätte, vermiest.
Es war also spannend im Haus Schmidt. Lediglich die 'Affen'liebe Alices gegenüber Katzen geht dem Leser auf den Wecker, gibt es doch kaum eine Tagebucheintragung auf den über 300 Seiten, die sich nicht mehrere Zeilen lang mit ihren toten oder noch lebendigen Katzen befaßt.