Vor nicht langer Zeit erklärte D¸evad Karahasan anlässlich einer Lesung, er sei wohl der einzige Mensch, der stolz ist, Balkanese zu sein.
Nach der Lektüre des dünnen, 1993, nur wenige Monate nach der Aussiedlung, entstandenen Tagebuchs der Aussiedlung verstehe ich schon besser, was er an seiner Herkunft aus einer von Krieg, Hass und Vernichtung verwüstete Stadt lieben kann: er sieht in Sarajevo die Antithese zur ethnischen Monokultur, daher wurde die Stadt, in der Jahrhunderte lang vier monotheistische Religionen nebeneinander lebten, zur Zielscheibe jener, die meinen, dass sich - wie im Sprichwort - nur gleich und gleich gerne gesellen.
Im Büchlein sind daher wie in einem Tagebuch höchst unterschiedliche Texte aneinander gereiht:
1. eine gelehrte Studie über die Stadt Sarajevo, ihre nach außen und innen gekehrten Stadtteile und die dieser Ordnung entsprechenden Häuser und typischen Speisen und der darin ersichtlichen Disposition der Stadt zur Interkulturalität,
2. Erlebnisse aus der belagerten Stadt (1992/93),
3. die Wiedergabe eines nicht erfolgreichen Gesprächs über die Bedeutung der Stadt für die Welt, mit einem Franzosen, der lediglich an Schilderungen über den harten Alltag während der Belagerung interessiert ist,
4. ein Exkurs über die Juden der Stadt und ihre Aussiedlung fünfhundert Jahre nach ihrer Ankunft.
Gerade die Unmittelbarkeit, mit der persönliche Schilderungen und Essays aufeinander folgen und tiefgehende Gedanken aus konkreten Situationen abgeleitet werden, macht das Buch zu einem großartigen Eindruck von der Grausamkeit des Nationalismus und Karahasan zu einem wichtigen, nicht aber blind anklagenden Zeitzeugen.